Ein Superheld auf Holzschnitten

Maximilian I. aus dem Haus Habsburg ließ sich noch zu Lebzeiten eine Heldengeschichte schreiben. Der „Theuerdank“ erfuhr 13. Auflagen und wurde zum Bestseller.

Der Ritter Theuerdank steht in voller Rüstung in der niederländischen Stadt Utrecht, als eine feindliche Kanone auf ihn abgefeuert wird. Theuerdank ist schneller als das Geschoss. Er duckt sich unter der Kugel hinweg und bleibt unverletzt. Das ist ein Abenteuer aus dem erstmals 1517 gedruckten Roman „Theuerdank“. Hinter dem edlen Ritter steckt der Habsburger Kaiser Maximilian I. Als leidenschaftlicher Sammler mittelalterlicher Geschichten ließ er sich selbst ein Heldenepos schreiben. Sein Name fällt darin zwar nicht, aber jeder Zeitgenosse wusste, dass es sich um ihn handelte.

Das Buch, zunächst nur in einer Auflage von etwa 300 Stück gedruckt, sollte für Freunde und ausgewählte Untertanen bestimmt sein. Doch die Geschichte des Theuerdank verselbstständigte sich und wurde zu einem neuzeitlichen Bestseller, der mehrfach umgeschrieben und umgestaltet wurde.

Der Theuerdank ist damit der erste Schlüsselroman in deutscher Sprache. Stephan Müller, Professor für Ältere Deutsche Sprache und Literatur am Institut für Germanistik der Uni Wien, nimmt sich dieser Auflagen und der Umformungen an. Im vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt „Vom Privatdruck zum Bestseller“ analysiert er die verschiedenen Versionen und kommt so der sich wandelnden Vorstellung über das Mittelalter und über Kaiser Maximilian I. auf die Spur.

 

Theuerdank als Superman

Die Utrechter Kanonengeschichte ist ein Beispiel für den Wandel der Theuerdank-Rezeption. Für Zeitgenossen am Beginn des 16. Jahrhunderts war der Schlüssel dieser Szene, dass es überhaupt Kanonen gab. Kanonen waren ein Element modernster Kriegsführung.

In der späteren Neuzeit, als jeder über die Geschwindigkeit und Durchschlagskraft von Kanonen Bescheid wusste, waren die Leser davon fasziniert, dass es einen Helden in Rüstung gab, der schneller zu sein vermochte. „Der in 118 Kapiteln, und mit 118 illustrierten Holzschnitten ausgestattete ,Theuerdank‘“ könne durchaus mit Werken über moderne Helden wie Superman verglichen werden, sagt Müller.

Weitere Autoren adaptierten die Abenteuer im Roman zeitgenössischen Strömungen entsprechend. Der Pfarrer Burkard Waldis passte das Werk bereits kurz nach Maximilians Tod protestantischen Vorstellungen an. Im 17. Jahrhundert schrieb ein gewisser Matthäus Schultes aus Ulm die Rittergeschichte nochmals um. „In einem Zeitraum von 200 Jahren wurde das Buch 13 Mal gedruckt, und das in diesen drei unterschiedlichen Fassungen“, sagt Müller.

So kommt es, dass Theuerdank in der Originalfassung bei Seenot noch zum Gebet aufruft, wohingegen er in der Fassung von Waldis seine Männer zum Rudern auffordert. Ein Beispiel dafür, wie sich der Bezug zur Religion änderte und sich im Text niederschlug. Der Inhalt musste auch verändert werden, um eine breitere Leserschaft zu gewinnen.

Der „Theuerdank“ ist ein österreichischer Roman. Viele Geschichten spielen in den Bergen. Etwa 20 Mal begibt sich der Held auf Gämsenjagd, bei der er dem Wind und Wetter der Berge trotzt. Das sind Szenen, die ein Frankfurter oder Ulmer Bürger damals nicht gut nachvollziehen konnte – nicht einmal sprachlich: Ein Flachländer wusste nicht, was eine „Leitn“ ist.

 

Schneelawine auf einer „Leitn“

Die Holzschnitte sind es, die den breiten Erfolg des „Theuerdank“ ermöglichten. Dieses mit dem Buchdruck eingeführte Hochdruckverfahren machte aus dem Roman eine Art Graphic Novel. Die illustrierten Romane waren so beliebt, dass sie bis heute auch einzeln verkauft werden. Händler machen mehr Gewinn, wenn sie den Roman zerschneiden. Die Bilder sind kunsthistorisch ebenso relevant. So zeigen diese erstmals Alltagsszenen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht Thema der Bildgestaltung waren, etwa die Darstellung einer Schneelawine auf einer „Leitn“.

Heute sind nur mehr etwa 20 ganze Stücke der Version aus dem Jahr 1517 erhalten. Die Einzelblätter werden zwischen 600 und 1000 Euro gehandelt. Ein ganzer „Theuerdank“ hat einen sechsstelligen Wert. Müller selbst besitzt nur ein Originalblatt. Dafür fand er im Zuge des Projekts ein spektakuläres Exemplar in einer Münchner Bibliothek. Es handelt sich um ein Buch, das wahrscheinlich Maximilian I. persönlich in der Hand hielt. In diesem Werk finden sich handschriftliche Korrekturen, die später vom Drucker umgesetzt wurden.

Warum ließ sich der durchaus erfolgreiche Maximilian I. eine Heldengeschichte schreiben? Zum einen starb seine Ehe- und Traumfrau Maria von Burgund bei einem Jagdunfall. Theuerdank reist nach Burgund, um die dortige Herzögin zu heiraten. Zudem zieht er am Ende in den Kreuzzug – das wollte Maximilian im wahren Leben, schaffte es jedoch nicht. Das im Leben Verwehrte, ließ sich Maximilian in seinen Roman schreiben.

LEXIKON

Der „Theuerdank“ erschien 1517 erstmals als „Die geuerlicheiten und eins teils der geschichten des loblichen streytparen und hochberümbten helds und Ritters herr Tewrdanncks“. Es handelt sich um ein Auftragswerk von Kaiser Maximilian I. (1459–1519), das mit prachtvollen Kunstdrucken aus der ersten Zeit des Buchdrucks ausgestattet ist. Maximilian ließ sich unter dem Synonym Theuerdank eine Heldengeschichte schreiben, von der die Zeitgenossen wussten, dass es sich um ihn selbst handelte. Das macht das Buch zum ersten Schlüsselroman in deutscher Sprache.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2016)

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