Wie viele Bürger hatte Rom?

Der Forschungszweig „Kliodynamik“ will die Frage anhand von Münzfunden klären. In bösen Zeiten wird viel vergraben – und wenig ausgegraben, nicht alle Besitzer überleben.

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(c) EPA (Barry Batchelor)

Die Geschichte ist kein offenes Buch, im Gegenteil: „Allein für den Untergang Roms gibt es über 200 Hypothesen. Und über den generellen Mechanismus des Kollaps von Reichen gibt es schon gar keinen Konsens“, erklärt Peter Turchin, University of Connecticut. Deshalb will er die Geschichtswissenschaft in eine Naturwissenschaft umwandeln, die neue Quellen erschließt und präzise Prognosen ermöglicht. „Kliodynamik“ soll sie heißen, nach der Muse der Geschichte.

Den Plan propagiert Turchin seit fünf Jahren, nun legt er eine Fingerübung vor: Wie viele Bürger hatte das Römische Reich um Christi Geburt? In der Republik, vom fünften bis zum ersten Jh. v. Chr., wurden die waffenfähigen Männer alle fünf Jahre gezählt. Erst waren es 200.000, am Ende 400.000. Aber als Kaiser Augustus 28 v. und 14. n. Chr. wieder zählen ließ, waren es vier bis fünf Millionen.

 

Frauen und Kinder mitgezählt?

Zu 40 Prozent lässt sich das durch eine Ausweitung der Bürgerrechte auf andere Regionen Italiens erklären. Und der Rest? Eine Hypothese vermutet, dass unter Augustus Frauen und Kinder mitgezählt wurden. Davon steht nichts in den Quellen. Wäre es doch so, wäre – angesichts der demografischen Struktur – die Gesamtbevölkerung eher geschrumpft. Die Gegenhypothese unterstellt, dass sich am Zählmodus nichts änderte, sondern dass die Männer wirklich so rasch so viel mehr wurden. Davon steht auch nichts in den Quellen, und eine entsprechende Gesamtbevölkerung – 20 Millionen – hätte schwerlich ernährt werden können. Also schaut die Kliodynamik zurück und sucht Muster: In der Republik hatten innere Unruhen wie Bürgerkrieg und Spartakus-Aufstand zu einem Bevölkerungsrückgang geführt. War es auch um Christi Geburt so, gab es soziale Verwerfungen? Das können Münzfunde zeigen: In bösen Zeiten wird viel vergraben – und wenig ausgegraben, nicht alle Besitzer überleben. Dieses Archiv nutzt Turchin, es zeigt, dass die Zeiten böse waren. Ergo: Die Bevölkerung ist eher geschrumpft, Augustus hat Frauen und Kinder mitzählen lassen (Pnas, 5.10.). Ist das nun präzise wie in der Naturwissenschaft? Nur dann, wenn Turchins Prämisse stimmt, dass böse Zeiten Bevölkerungen immer dezimieren. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2009)

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