Forschung über Lustiges ist eine ernste Sache

Das neue Werk des Kabarettarchivs zeigt, wie sich die Kleinkunst in Österreich nach 1945 entwickelte. Damals wurden auch in den Bundesländern viele Bühnen gegründet.

Mit „Blattl vor’m Mund“ war dieses Ensemble 1956 in Wien erfolgreich: Louise Martini, umringt von (im Uhrzeigersinn) Helmut Qualtinger, Kurt Jaggberg, Gerhard Bronner, Georg Kreisler und Carl Merz.
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Mit „Blattl vor’m Mund“ war dieses Ensemble 1956 in Wien erfolgreich: Louise Martini, umringt von (im Uhrzeigersinn) Helmut Qualtinger, Kurt Jaggberg, Gerhard Bronner, Georg Kreisler und Carl Merz.
Mit „Blattl vor’m Mund“ war dieses Ensemble 1956 in Wien erfolgreich: Louise Martini, umringt von (im Uhrzeigersinn) Helmut Qualtinger, Kurt Jaggberg, Gerhard Bronner, Georg Kreisler und Carl Merz. – (c) Barbara Pflaum / Imagno / picturedesk.com

Nach Kriegsende lockten Kabarettbühnen das Publikum mit der Werbung, dass hier die Räume beheizt sind. Dies belegen Zeitungsinserate, die Iris Fink und Hans Veigl fanden. Sie betreiben seit 1999 das Österreichische Kabarettarchiv und brachten nun den zweiten Band der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Kabaretts in Österreich heraus: "... Und Lachen hat seine Zeit". Nach „Lachen im Keller“ (2013) über die Kleinkunst zwischen 1900 und 1945 widmen sie sich hier der Zeit von 1945 bis 1970. „Das Problem bei der Forschung über die heimische Kleinkunst ist, dass es zwar sehr viel Anekdotisches gibt, man aber nur wenige Fakten findet“, sagt Iris Fink.

Das über 450 Seiten schwere Buch beweist jedoch, dass akribische Recherche fruchtet: Die Informationen stammen aus Zeitungsberichten und Kritiken, aus dem Nachlass einiger Künstler, aus Memoiren und anderer Sekundärliteratur.

 

Man blickte nicht nach vorn

Im ORF-Archiv wurden die Forscher kaum fündig. Eines der ersten Kabarettprogramme, das im Fernsehen übertragen wurde, war 1956 „Glasl vor'm Aug“ von Gerhard Bronner, Carl Merz, Helmut Qualtinger, Georg Kreisler und Peter Wehle. „Doch davon ist leider nichts erhalten geblieben“, so Fink. Nicht einmal von der monatlichen Sendung „Spiegel vor'm G'sicht“ (1958–1959) gibt es Ausschnitte. Das war nur eine der Überraschungen, die Fink und Veigl erlebten.

„Mich hat auch die explosionsartige Zunahme von Kabarettbühnengründungen überrascht – gleich in den ersten Wochen nach Kriegsende“, sagt Veigl. Als 1945 das von Goebbels verfügte Verbot der Kunstkritik nicht mehr galt, war kritische Haltung plötzlich erlaubt und erwünscht. „Trotzdem haben diese Etablissements eine Aufarbeitung der NS-Zeit völlig ignoriert“, so Veigl. So wurde die Problematik der Rückkehrer oder der Umgang mit arisierten Bühnen nicht angetastet. Anscheinend blickten viele Künstler nicht nach vorn, sondern wollten dort anschließen, wo sie 1938 durch den Anschluss aufhören mussten.

Besuchermangel gab es von 1945 bis 1947 nicht: Man konnte sein Geld für kaum etwas ausgeben. Lebensmittel und Heizmaterial waren höchstens auf dem Schwarzmarkt zu bekommen, die Leute setzten sich gern in die warmen Kabarettstuben. Als die Wirtschaftslage sich besserte und die Menschen ihr Geld wieder in Heizen und Essen investierten, ging es mit den Kabarettbühnen bergab. „Viele mussten ab 1948 wieder schließen, wegen Besuchermangels“, sagt Fink. Den Kabaretts ging es auch schlechter, da Künstler, die von der NS-Zeit belastet waren und unmittelbar nach Kriegsende nicht am Theater auftreten durften, ab 1947 entlastet wurden und das Kabarett in Richtung Theater verließen.

„Erstaunt waren wir auch, wie viele Kabarettgründungen es außerhalb von Wien gab“, erzählt Fink. In fast allen Landeshauptstädten etablierten sich ab 1945 Kleinkunstbühnen, meist gegründet von Künstlern, die bereits in Wien einen Namen hatten und die es familiär oder kriegsbedingt in die Bundesländer verschlug.

„In Wien war die Situation nicht rosig, vor allem in der sowjetischen Besatzungszone“, sagt Fink. Da zog mancher gern in die amerikanische Zone, weil es dort auch beim US-Radiosender Rot-Weiß-Rot Arbeitsmöglichkeiten gab. In Salzburg und Linz förderte ein intensives Nachtleben – durch die Besatzungssoldaten – die Gründung von Etablissements. In der Salzburger Rainerstraße bot das Ensemble „Bei Fred Kraus“ etwa Kabarettrevuen mit Musik von Peter Wehle.

 

Studentenkabarett in Graz

In Linz gründete Peter Hey mit Maxi Böhm den Eulenspiegel. Und in Innsbruck entstand 1946 das Kleine Welttheater, in dem ehemalige Burgschauspieler oder Kabarettisten aus dem früheren Wiener Werkel spielten – das bis zur allgemeinen Theatersperre im Jahr 1944 neben dem Simpl eine wichtige Kabarettbühne zur Nazi-Zeit in Wien war.

Auch in Graz gründete ein Wiener, Franz Paul, eine Bühne: „Der Igel – das kleine Zeittheater“ in der Annenstraße, mit Fritz Muliar, Hanns Obonya und vielen mehr. Zudem entstand in der Leechgasse das „Studentenbrettl des Grazer Hochschulstudios“. Die jungen Künstler probierten ab 1946 neue Ansätze und entdeckten die Texte von Egon Friedell und Alfred Polgar neu. So brachten sie zur Nazi-Zeit verbotene Literatur von jüdischen Künstlern erstmals wieder auf die Bühne. Die Studenten wurden später österreichweit bekannt, etwa Walter Koschatzky als Leiter der Albertina oder Ulrich Baumgartner als Festwochen-Intendant in Wien.

„Spannend war, wie stark die Bühnen in den Landeshauptstädten mit Wien zusammengearbeitet haben“, sagt Fink. Die Wiener, die in Linz, Salzburg, Innsbruck und Graz die neuen Bühnen gründeten, brachten Texte mit und übernahmen Programme aus Wien. Erst als durch den Besuchermangel ab 1948 die jungen Stätten schließen mussten, wurde Wien wieder zu der Hauptstadt des Kabaretts.

 

Nach Zensur der Neubeginn

In der unmittelbaren Nachkriegszeit unterlagen die Kabaretts noch der Zensur der Besatzungsmächte. So auch die ersten Arbeiten der später als das „Namenlose Ensemble“ berühmten Gruppe von Bronner, Merz und Qualtinger. Sie spielten 1952 ihr erstes Programm „Brett'l vor'm Kopf“ im Kleinen Theater im Konzerthaus. „Diese Gruppe hat das Kabarett im Österreich der 1950er am stärksten geprägt. Eigentlich bis in die Gegenwart“, sagt Fink. „Während der Recherche ist Gerhard Bronner in unserer Hochachtung noch weiter gestiegen.“ Denn er versuchte nach dem Auslaufen des Namenlosen Ensembles ab 1961 als Direktor des „Neuen Theaters am Kärntnertor“, neue humoristische Ansätze zu etablieren. Doch das goutierten die Medien nicht, die ständig das Fehlen von Qualtinger und Louise Martini beklagten.

„Bronner nahm auch die Künstler des Grazer Würfels, einem Studentenkabarett, das nach einem Eklat vertrieben wurde, in Wien auf“, so Fink. Diese hatten dem Grazer Intendanten der Vereinigten Bühnen in einer Nummer unterstellt, dass es bei der Besetzung seiner Stücke sehr intim zugehe.

Der „Würfel“ wurde in Wien neu gegründet und war dort als avantgardistisches Kabarett erfolgreich. „Sonst gab es zu der Zeit weniger auf Kabarettbühnen, mehr jedoch im Fernsehen.“ Beispielsweise die legendären „Bilanzen“ des Karl Farkas, der auch das Simpl lang auf Erfolgskurs führte, unter anderen mit Cissy Kraner als Publikumsmagneten.

LEXIKON

Das Österreichische Kabarettarchiv hat seinen Sitz in der Elisabethstraße in Graz. Die Räumlichkeiten werden von der Uni Graz zur Verfügung gestellt, die Finanzierung kommt von der Stadt Graz und dem Land Steiermark. Als nächstes Projekt wird das Kabarett in Österreich ab 1970 erforscht: Auch hier werden Zeitungsberichte, Nachlässe und Archive durchforstet – etwa das ORF-Archiv.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2017)

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