Wittgenstein-Preis: In die Feinheiten!

Die heurigen Wittgenstein-Preise gehen an den Zellforscher Jürgen Knoblich und den Musikwissenschaftler Gerhard Widmer. Der Preis ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert.

WITTGENSTEIN-PREISTRÄGER JÜRGEN KNOBLICH
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WITTGENSTEIN-PREISTRÄGER JÜRGEN KNOBLICH
(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Was macht einen Brendel aus, was unterscheidet ihn von einem Rubinstein? Viele sagen: ,Na ja, das ist halt die Kunst!‘ Aber wir wollen schauen, ob man es erklären kann“, berichtete bei der Bekanntgabe der heurigen Wittgenstein-Preise am Montag einer der Geehrten, Gerhard Widmer, „Computational Perception“ der Uni Linz: „Deshalb lassen wir von unseren Computern die Prinzipien der Interpretation erkunden“, Tempi, Lautstärke et cetera, alles, was zum Ausdruck zusammenfließt. So lernen sich die Programme in Interpreten ein – und wenn ihnen dann ein unbekanntes Stück vorgespielt wird, identifizieren sie auch (meist) die richtigen.

Wozu? „Die Pianisten brauchen es nicht“, konzediert Widmer, der selbst einmal einen Piano-Landeswettbwerb gewann („dann wollte ich nichts mehr damit zu tun haben“), „es ist Grundlagenforschung, für uns und die Musikwissenschaft.“ Die kann rasch in profitable Anwendung umschlagen: Die Gruppe um Widmer hat ein Programm entwickelt, das die Lieblingsmusik des Hörers analysiert – und ihm Ähnliches aus dem unendlichen Angebot des Internets zu Gehör bringt. Der Musikindustrie ist das viel Geld wert.

 

An der Weltspitze, nicht nur darin

So hat sich an Widmer exemplarisch die Hoffnung erfüllt, die seit 1996 mit den höchsten heimischen Forschungspreisen – dem Wittgenstein mit 1,5 Mio. Euro an etablierte Forscher, dem START mit 1,2 an Nachwuchs – verknüpft ist: Gefördert werden Grundlagen, aber wenn später etwas abfällt, ist es schon auch recht. Und sei es zunächst „nur“ Reputation: Widmer sei von der internationalen Jury als „world leader“ – „nicht nur in der Weltspitze“ – gewürdigt worden, erklärt FWF-Vorsitzender Christoph Kratky, das Gleiche gelte für den zweiten Preisträger, Jürgen Knoblich, Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA), Wien. Er geht in andere Feinheiten, in die der „asymmetrischen Zellteilung“. Nicht alle Zellen teilen sich so, dass zwei gleiche entstehen. Bei Stammzellen, dem Vorratsquell, entsteht immer wieder eine Stammzelle und eine spezialisierte Zelle. Das Wie erkundet Knoblich seit zehn Jahren an Fliegen, Drosophila. „Was die exotische Fliege gezeigt hat, hat inzwischen medizinisch Relevanz“, erklärt der Forscher, „sogar große“: Geht bei der Teilung etwas daneben, können Tumorstammzellen und aus ihnen Tumore entstehen, es ist eines der heißesten Forschungsfelder derzeit.

Das ist natürlich auch die Quantenphysik, vor allem die in Innsbruck, die wieder einmal mit einem START-Preis geehrt wurde, er geht an Francesca Ferlaino, sie will ein neues Element in die Erforschung ultrakalter Quantengase einführen, Erbium. Ähnliches Neuland will Thorsten Schumm (TU Wien) erkunden: Er will Atomuhren statt mit Cäsium mit Thorium betreiben, sie damit um Größenordnungen genauer machen und damit prüfen, ob Naturkonstanten sich ändern. Weitere STARTs gehen an Ilse Fischer (Mathematik, Uni Wien), Arthur Kaser (Arzt, Meduni Innsbruck), Manuel Kauers (Computation, Uni Linz) und David Teis (Zellbiologie, Meduni Innsbruck).

PREISE & PREISTRÄGER

Wittgenstein (1,5 Mio.): Jürgen Knoblich (IMBA Wien), Gerhard Widmer (Uni Linz).

START (1,2 MIO): Francesca Ferlaino (Uni Innsbruck), Ilse Fischer (Uni Wien), Arthur Kaser (Meduni Innsbruck), Manuel Kauers (Uni Linz), Thorsten Schumm (TU Wien), David Teis (Meduni Innsbruck).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2009)

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