Sackförmige Neumünder am Meeresboden

Sie sind die bisher ältesten bekannten Vertreter der Deuterostomia, zu denen auch wir Menschen zählen.

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(c) Jian Han/Simon Conway Morris

„Das wichtigste Ereignis im Leben ist weder Geburt noch Hochzeit oder Tod, sondern die Gastrulation“, sagte der Embryologe Lewis Wolpert. Mag sein, aber was ist Gastrulation? Eine Phase in der Embryonalentwicklung aller echten vielzelligen Tiere (nicht der Schwämme), bei der die Kugel aus Zellen zu einer Art Sack eingestülpt wird. Dessen Öffnung ist dann der Urmund.

Was aus diesem in der weiteren Entwicklung wird, das unterscheidet die beiden großen Stammgruppen der Tiere: die Urmünder (Protostomia) und die Neumünder (Deuterostomia). Bei jenen bleibt der Urmund der Mund, und eine zweite Öffnung bildet sich als After; bei diesen wird der Urmund zum After, und ein neuer Mund bildet sich. Wir und alle Wirbeltiere, aber auch andere Chordatiere und die Stachelhäuter gehören zu den Neumündern; zu den Urmündern zählen u. a. Ringelwürmer, Weichtiere, Krebse, Spinnen und Insekten.

Wann fand diese größte historische Aufspaltung des Tierreichs statt? Anders gefragt: Wann lebte der letzte gemeinsame Ahn von Menschen und Bienen, Mäusen und Fliegen? Vor 590 Millionen Jahren, „mit einer großen Fehlerbreite“, schätzte Richard Dawkins in „The Ancestor's Tale“. Nun berichten Forscher um Simon Conway Morris (Cambridge), dass sie in Kalkgestein in der chinesischen Provinz Shaanxi Fossilien der bisher ältesten bekannten Neumünder gefunden haben. Sie nennen sie Saccorhytus coronarius und datieren sie auf ein Alter von 540 Millionen Jahren (Nature, 30. 1.)

 

Vorformen der Kiemenschlitze

Die Tierchen, die natürlich wirbellos waren und im Meer lebten, vermutlich zwischen den Sandkörnern des Meeresbodens, maßen kaum mehr als einen Millimeter, sie waren sackförmig, daher der Name, hatten ein großes rundes Maul. Dazu weitere acht Öffnungen an ihrem Körper, und aus diesen beziehen die Forscher ihre Klassifikation: Diese Öffnungen seien Vorformen der späteren Kiemenschlitze. Bei Saccorhytus könnten sie zur Entsorgung gedient haben, als Anus sozusagen, denn einen solchen hatte er gar nicht. Vielleicht ging dieser in der Entwicklung der wirklich frühesten Deuterostomia zu Saccorhytus wieder verloren, meinen die Forscher. Und sie betonen die Ähnlichkeit zu den Vetulicolia, länglichen Tierchen, die vor 505 bis 525 Millionen Jahren lebten und auch als frühe Neumünder klassifiziert werden. (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2017)

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