Auch Steine haben klein angefangen

Ausstellung. Das Naturhistorische Museum hat seine Mineralogie-Abteilung um eine behutsame Darstellung der Evolution der Mineralien ergänzt. Die waren nicht immer da, sie haben eine höchst spannende Geschichte.

Liegt es in der Natur der Sache, dass in Mineralien-Kabinetten der Naturhistorischen Museen weniger Leben herrscht bzw. vorstellbar ist als nebenan bei Flora und Fauna? Nein, der Eindruck trügt, Gesteinskundige wussten es früh, 1928 publizierte N. Bowen (Carnegie Institution) über die „Evolution of Igneous Rocks“, es geriet in Vergessenheit. Und wurde erst 2008 wieder in Erinnerung gerufen, von Robert Hazen, einem Erben Bowens, auch er forscht an der Carnegie Institution.

„Was war das erste Mineral?“, fragte er am Dienstag im NHM in Wien. Dort war er, um die erste Umsetzung seiner Geschichte der Gesteine zu begrüßen. Was also war das „Urmineral“, und wann kam es? Eine halbe Milliarde Jahre nach dem Urknall vor 13,5 Milliarden Jahren fand zwar erste Materie zusammen, aber es gab fast nichts, Wasserstoff, Helium, etwas Lithium. Heute zählt man auf der Erde über 5000 Mineralien.

Wie das, und was waren endlich die ersten? Diamanten und Graphit, sie konnten sich bei hohen Temperaturen bilden. Allerdings muss zuerst Kohlenstoff da gewesen sein, es muss Sterne aus Wasserstoff und Helium gegeben haben, die bei ihren finalen Explosionen schwerere Elemente „kochten“.

 

Mineralien-Maschinen: Planeten

Für die weitere Geschichte brauchte es kühlere Himmelskörper wie Planeten – für Hazen „Maschinen der Formation von Mineralien“ –, der Mars hat um die 420. Ein Planet schlug einen Sonderweg ein, unserer: In der anfangs „schwarzen“ Erde – abgekühltes Magma: Basalt – entfaltete die Plattentektonik ihr Wirken, sie trieb die Zahl der Mineralien auf 1500. Dann wurde die Erde „rot“, vor 2,2 Milliarden Jahren im „Great oxidation event“: Leben hatte so viel Sauerstoff produziert, dass es allerorten „rostete“, es bildeten sich Oxide sonder Zahl, insgesamt 2500 Minerale, das war der stärkste Schub. Dann wurde die Erde „weiß“ – sie vereiste, Eis ist auch ein Mineral –, dann wurde sie grün, viele Lebensformen bildeten Biominerale.

An dieser Farbenlehre Hazens orientierte sich Uwe Kolitsch von der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung des NHM, als er eine Vitrinenwand neu gestaltete, mit zurückhaltenden Videoinstallationen, die die Umwelten andeuten, und mit Beispielen der Gesteine. „Wir wollten eine ruhige Sache, bei der nicht alles auf Knopfdruck geht“, ergänzt NHM-Chef Christian Köberl.

Aber ist das alles wirklich Evolution? Natürlich keine in Darwins Sinn, Hazen hat einen breiteren Begriff, bei dem es auch um Anpassung geht – an chemische und physikalische Rahmen –, vor allem aber um Wandel und Komplexität. Die sieht er allerorten, bei Planeten, in der Biologie, der Technik, der Musik. Und eben auch in dem, was scheinbar keine Geschichte hat, ewig ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2017)

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