Bioarchäologie: Knochen vom Nil helfen bei Malariaforschung

Ein interdisziplinäres Team unter der Führung von Archäologischem Institut und Med-Uni Wien rollt die 3000-jährige Geschichte des Tropenfiebers auf. Was können wir für die Prognose aus der Vergangenheit lernen?

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„Während wir bei den Skeletten im Niltal relativ sicher davon ausgehen können, dass es dort Malaria gab“, so Michaela Binder, „wird es bei zentraleuropäischen Stätten wirklich spannend.“ Eine davon ist Podersdorf am Neusiedler See. – Niki Gail/ÖAI/ÖAW

Was waren das für Menschen, die vor 3000 Jahren in unserer Weltgegend – Zentraleuropa, Mittelmeerraum, Nordafrika – lebten? Was aßen sie? An welchen Krankheiten und Gebrechen litten sie? Vor allem diese letzte Frage beschäftigt Michaela Binder. Die Niederösterreicherin arbeitet am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften und hat sich auf das Forschungsfeld der Bioarchäologie spezialisiert, das erst jüngst ins Interessenzentrum der Disziplin rückte. Das ÖAI gründete dafür im März nun ein neues Department.

„In der Bioarchäologie geht es um die Untersuchung biologischer Reste aus archäologischen Fundstellen, ob die nun von Tieren, Menschen oder Pflanzen stammen“, sagt Binder. Archäologen hätten früher Mediziner oder Veterinäre hinzugezogen; seit Kurzem komme es nun zur intensiven Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern. Binder und ihre Kollegen am neuen Department nähern sich der Archäologie schon als Zoologen, Botaniker oder – in ihrem Fall – als Anthropologin. „Wir versuchen, gemeinsame Fragen zu stellen, um zu erkunden, wie Menschen, Tiere, Pflanzen in der Vergangenheit zusammenlebten.“

Mühlstein nützt Gelenke ab

Das lässt sich besonders gut an den Prozessen rund um Nahrungsaufnahme und -ausscheidung studieren: Welche Gegenstände wurden zum Kochen verwendet? Wer hat was zubereitet? Gab es soziale Unterschiede beim Essen? Anhand von Aktivitätsmarkern etwa, so Binder, können die Auswirkungen landwirtschaftlicher Arbeit festgestellt werden: „Wir entdecken spezielle Gelenksabnutzungen, wenn Frauen mit Mühlsteinen gearbeitet haben.“ Hinweise, die bei Jägern und Sammlern fehlten.

Binders aktuelles Projekt dreht sich um eine Krankheit, die sich wegen des Klimawandels wieder im Mittelmeerraum ausbreiten könnte: Malaria. Das durch die Anophelesmücke übertragene Tropenfieber gilt dort heute als ausgerottet, spielte aber im antiken Griechenland und Rom – laut Hippokrates ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert – eine große Rolle.

Binder und Kollegen beschäftigen sich mit diesen circa „3000 Jahren Krankheitsgeschichte: Auf der Spur von Malaria in Knochen- und Zahnproben aus Nordafrika, dem Mittelmeerraum und Zentraleuropa“, heißt ihr Projekt. Das interdisziplinäre Team an ÖAI und Med-Uni Wien untersucht derzeit Skelettreste von zehn Personen, sieben davon Kinder oder Jugendliche, die im dritten bis sechsten Jahrhundert n. Chr. am Nil lebten. Die Region passt ins Profil damaliger Malariagebiete; hohe Jugendsterblichkeit kann Indiz dafür sein.

Bisher war es schwierig, die DNA des Malariaerregers (Plasmodium falciparum ist der, dessen Infektion am häufigsten tödlich verläuft) in menschlichen Überresten zu isolieren. „Für Pest und Tuberkulose ist das seit etwa 25 Jahren möglich“, sagt Binder. Darauf spezialisiert ist das Eurac-Forschungsinstitut in Bozen, an dem auch Ötzi untersucht wurde. Dort werden nun Knochen- und Zahnbeinteile vom Nilufer pulverisiert und molekulargenetisch analysiert. Mit ersten Ergebnissen ist in wenigen Monaten zu rechnen. Verlaufen die Tests positiv, wird die Plasmodium-DNA weiter untersucht. Und: Weitere Skelette, etwa auch welche aus Podersdorf am Neusiedler See, werden untersucht.

Malaria auch im Burgenland?

„Während wir im Niltal relativ sicher davon ausgehen können, dass es dort Malaria gab“, so Binder, „wird es bei zentraleuropäischen Stätten wirklich spannend.“ Die hohe Sterblichkeit älterer Kinder, die auf dem in Podersdorf entdeckten Friedhof aus dem achten Jahrhundert liegen, sei „verdächtig“.

Was lässt sich aus ihrer Arbeit lernen? Binder: „Ein wichtiger Punkt ist zu zeigen, wie Krankheiten sich langfristig weiterentwickeln, wie sich das evolutionäre Zusammenspiel zwischen Wirt und Erreger verändert.“ Mit Verständnis dessen lassen sich Prognosen für Krankheiten erstellen, die uns immer noch plagen. Die Botschaft, dass archäologische Erkenntnisse so Medizin und Epidemiologie unterfüttern, ist Binder zu wenig präsent in der Wissenschaftskommunikation. Sie ist auf Twitter aktiv und plädiert dafür, Grabungen zugänglich zu machen, um der Gesellschaft die Bedeutung der Archäologie zu vermitteln.

„Es wird immer mehr gebaut, immer mehr Flächen werden erschlossen“ und dabei archäologische Stätten entdeckt. In England, wo Binder mehrere Jahre gelebt hat, gäbe es zu wenige Archäologen. Am neuen ÖAI-Department soll die Ausbildung von Nachwuchs deshalb auch eine Rolle spielen. Binder hat für ihre Dissertation in einer antiken Siedlung im Sudan geforscht. „Die bestand über 500 Jahre und musste dann aufgrund des damaligen Klimawandels aufgegeben werden – ein Muster, das man wiedererkennt, wenn man heute die Nachrichten verfolgt. Das hat es so oft gegeben, dass Siedlungen im Kleinen und Zivilisationen im Großen untergehen.“

 

LEXIKON

Paläopathologie beschäftigt sich mit der Erforschung (prä-)historischer Krankheiten oder Gebrechen, die heute immer noch relevant sein können.

Bioarchäologie ist die Bezeichnung für einen ganzheitlichen Zugang zur Archäologie, der auch Zoologen, Botaniker, Mediziner, Historiker usw. einschließt. Ihre Themen sind u. a. Migration oder das Verhältnis von Menschen zur Umwelt.


[NFSDF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2017)

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