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Psychologie: Glücklich ist, wer vergisst

07.11.2009 | 18:25 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Verdrängen wird gerne verteufelt. "Zu Unrecht", sagt der Psychologe Louis Schützenhöfer. Ohne diese Technik wären wir gar nicht lebensfähig. Dennoch: "Bei manchen Dingen ist die Aufarbeitung unbedingt wichtig".

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Als Herr L. seine Tochter zu Grabe tragen musste, verweigerte sein Gedächtnis im entscheidenden Augenblick den Dienst. „Wo sind wir?“, fragte er plötzlich ganz verwirrt, als sich die Prozession dem Grab näherte. „Warum steht auf dem Kreuz der Name meiner Tochter?“ Die besorgten Verwandten riefen sofort den Notarzt an, doch der konnte sie beruhigen: alles in Ordnung. Offenbar hatte Herrn L.s Körper kurz vor seinem Aussetzer Gefahr im Verzug erkannt und die ungeheure Stresssituation für den Mann entschärft. Indem er kurzerhand alles ausblendete.

Herr L. kann sich bis heute nicht an den Moment erinnern, als der Sarg seines Kindes ins Grab gesenkt wurde. Und das ist auch gut so, würde Louis Schützenhöfer sagen. Denn das Leid des Mannes war ohnedies fast mehr, als er ertragen konnte. Schützenhöfer, Psychologe in Graz, hat es sich zum Anliegen gemacht, das miserable Image von Verdrängen und Vergessen aufzupolieren. „Verdrängen wird gerne verteufelt. Dabei ist es ein wahrer Segen für uns. Ohne tägliches Verdrängen wären wir gar nicht lebensfähig“, sagt Schützenhöfer.

Freud gegen Österreich. Österreich ist geradezu prädestiniert als Austragungsort eines Duells zwischen Freunden und Feinden des Verdrängens. Auf der einen Seite steht Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse und des Grundsatzes, dass alles ans Tageslicht muss, um uns nicht krank zu machen. „Wo Es war, soll Ich werden“, sagte er. Dem gegenüber steht die recht ausgeprägte Tendenz der kollektiven österreichischen Seele, die Dinge so zu sehen, wie sie gerade am besten passen. Kein Wunder, ist doch der stärkste Motor des Verdrängens die Suche – oder die Sucht – nach Harmonie. Im inneren Leben soll Ordnung herrschen; Meinungen, Einstellungen, Einflüsse und Außenwirkung sollen für die meisten Menschen zusammenpassen.

Irgendwo dazwischen hat Louis Schützenhöfer die „Kunst des Verdrängens“ angesiedelt. Der Psychologe verweist aber darauf, dass es sehr wohl Erlebnisse gebe, denen man auf eigene Gefahr nicht ins Auge sieht. „Bei manchen Dingen ist die Aufarbeitung unbedingt wichtig“, sagt er. „Wenn eine Frau etwa als Kind missbraucht wurde und in der Folge ein gestörtes Verhältnis zum anderen Geschlecht entwickelt hat, ist es ratsam, diese Erlebnisse nicht auf sich beruhen zu lassen.“ Derart ernste Fälle seien allerdings immer von der Person abhängig. „Dem einen muss man sagen: Stell dich diesem Thema. Einem anderen muss man sagen: Schieb das endlich weg, bevor es dich auffrisst.“

Den Grundstein für diesen Ansatz legte der amerikanische Psychologe George Bonanno, der nachweisen konnte, dass Menschen mit dem Verlust ihnen nahe stehender Personen oft leichter umgehen, wenn sie nicht gezwungen werden, das Erlebnis „aufzuarbeiten“: „Aufarbeiten ist kein Allheilmittel“, sagt Schützenhöfer. „Es kann eine Verliebtheit in die Trauer entstehen. Das ist für die Seele nicht gut.“

Schützenhöfer geht es aber auch um die vielen Situationen, in denen Menschen sich das Leben unnötig schwer machen – und in denen ein bisschen „Wegschieben“ durchaus ratsam sein könnte. Als Beispiel nennt Schützenhöfer die Eifersucht. Dabei teilt er die Menschen in „Verdränger“ und „Sensibilisierer“. Letztere lebten permanent in Angst vor einem Seitensprung des Partners, kontrollierten ihn oder sie ständig. Die Verdränger hätten hingegen die Gabe entwickelt, diese Ängste wegzuschieben. „Was nicht heißt, dass eine Affäre des Partners dann nicht genauso dramatisch empfunden würde. Nur die Zeit davor ist einfach schöner. Man wartet nicht ständig darauf, dass etwas passiert.“

Krise und Krankheit. Ähnliches gelte für globale Situationen wie die Weltwirtschaftskrise. „Wenn man sich da reinsteigert, würde man in ständiger Angst leben. Die Menschen brauchen das einfach, dass sie so etwas wegschieben können.“ Dieses Verdrängen präge auch den Umgang vieler Leute mit Krankheit. „Diese Menschen lesen dann bewusst kein Gesundheitsmagazin, machen einen Bogen um den Arzt oder wechseln den Fernsehkanal, wenn ein Bericht über Krebs kommt.“

Die Kunst des Verdrängens besteht also offenbar darin, das „Sorgen-Lager“ auszumisten: jene Dinge beiseitezuschieben, die ohnedies weitgehend außerhalb der eigenen Kontrolle liegen; und idealerweise Platz zu schaffen für neue Eindrücke, denen man sich bisher nicht stellen wollte. „So kann sich die Persönlichkeit entwickeln“, sagt Schützenhöfer. „Sie wird reicher und vielfältiger.“

Das Buch von Louis Schützenhöfer plädiert für einen weniger rigorosen Umgang mit dem Prinzip der Aufarbeitung von Krisen. Oft sei es empfehlenswerter, Dinge wegzuschieben und sich damit das Leben leichter zu machen, meint der Grazer Psychologe.

„Die Kunst des Verdrängens“: Ueberreuter, 144 Seiten; € 17,95
Ueberreuter

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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13 Kommentare
Gast: AEIOV
12.11.2009 16:14
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felix oblivio

Rerum irrecuperabilium summa felicitas est oblivio.

Gast: Ameeon
10.11.2009 00:07
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Aufarbeiten - Verdrängen - Vergessen

Es ist ganz einfach: Verdrängen kann immer nur eine kurzfristige Schutzfunktion sein, um quasi in einem Reizüberfluss nicht zu ertrinken. Langfristig kommt man am Aufarbeiten nicht herum. Es ist diese Rangfolge, auf die es ankommt. Wo soll da ein Widerspruch sein? Ohne Aufarbeitung lebt man in einer ständigen Lüge und bekommt irgend wann die Rechnung dafür präsentiert. Erst wenn diese Sache aufgearbeitet wird, kann ich sie wirklich VERGESSEN. Verdrängen und vergessen sind zwei völlig unterschiedliche Begriffe, weil Verdrängen ein Zustand hoher Anspannung (und Gefangensein) ist, während Vergessen immer Loslassen bedeutet und ein Zustand der Entspannung und Freiheit ist.

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Re: Aufarbeiten - Verdrängen - Vergessen

Gesund ist, was ohne Verdraengung vergessen werden kann und ungesund, was mit Leidenschaft sucht, was Leiden macht.

Birgit 68
17.11.2009 13:49
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Demnach ist auch Leidenschaft ungesund.

Wusten Sie das nicht?

So ist z. B. die Eifersucht eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht was Leiden schaft.
Hier wäre es oft angebracht, zu verdrängen! Die Eifersucht, meine ich.

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Re: Demnach ist auch Leidenschaft ungesund.

Natuerlich weiss ich das. Wer besser als ich? Aber Eifersucht kann nicht verdraengt werden. Sie ist eine Krankheit des Gemuets, milieu- oder psychisch bedingt.
Eiferesucht hinsichtlich einer unerfuellten 'Liebe', nein, Leidenschaft, kann nur duch die Zeit geheilt werden; oder das Alter holt sie ein.
Eifersucht ist uebrigens keine Liebespflicht, sondern ein Indiz fuer Leidenschaft, wo keine Gegenliebe erwartet wird oder werden kann.

Merlin
09.11.2009 10:06
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Zeit wird's

Zeit wird es, dass das Dogma der Psychoanalyse ein bißchen ins Wanken kommt. "Immer nur fest den Blick auf das Unappetitliche und schön loslassen" hat ja doch auch einiges an Unglück gebracht (für die Therapierten).

Antworten Gast: arthur
09.11.2009 16:20
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Re: Zeit wird's

Die (klassische) Psychoanalyse ist genauso ein Unsinn wie diese billige und oberflaechliche Pop-Psychologie des Ignorierens/Verdraengens/Verzeihens...worum es geht ist aus all diesem, wie Sie sagen, "Unappetitlichem" - also den unerfreulichen Aspekten der menschlichen Existenz - etwas zu lernen und dadurch Einsicht zu erlangen. Mir ist eine unangenehme Wahrheit tausendmal lieber als ein scheinbares "Glueck" das mir durch Dummheit/Ignorieren/Verdraengen zuteil wird.

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Gluecklich ist, wer vergisst!?

Man erklaere mir, warum 'vergessen', auf einzelne Menschen bezogen manchmal gut sein soll, auf 'Oesterreicher' bezogen aber verpoent, wenn nicht verboten, bleiben soll? :-)

Ein Idiot.

Gast: arthur
08.11.2009 15:09
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noch radikaler als verzeihen

vor ca. 2 Wochen gab's in der Presse einen Artikel ueber eine Tagung wo das "Verzeihen" von allem und jedem als "Weg zum Glueck" angepriesen wurde - und jetzt diese Schnappsidee: einfach alles verdraengen und den Kopf tief in den Sand stecken, dann fuehlen wir uns alle wohl....so ein Unsinn. Willkommen in der "Brave New World" - schliesslich gibt es medikamentoese Methoden (zB manche Benzodiazepine), die dieses Vergessen und Verdraengen wesentlich erleichtern. Kann schon sein, dass diese Strategie in manchen Extremsituationen (Kriegs-, Terror-, Vergewaltigungs-erlebnisse) angebracht ist, um PTSD zu verhindern - aber doch nicht als Routine fuer's gewoehnliche Leben...

Birgit 68
17.11.2009 14:03
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Re: noch radikaler als verzeihen

Sie haben völlig Recht!
Verdrängen, und somit auch die medikamentöse Therapie, löst keine Probleme.

Manchmal, oder sogar oft, ist das Problem aber nicht (mehr) das Ereignis selbst, sondern die Reaktion des Körpers/der Psyche darauf.
Dann gilt also:
Keine Reaktion = kein Problem.

Zu aller Erst muss man das Problem einmal definieren. Manchmal hilft bereits das.


rueckgrat
08.11.2009 06:47
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Verdrängen

Zum Thema Verdrängen:

Fast auf den Tag genau heute vor vier Jahren wurde ich in einer Grazer Klinik misshandelt. Die Justiz hat alles "verdrängt"; die Täter dürfen noch heute hilflose Patienten "versorgen".
http://www.graz.speedpage.de/

Antworten Gast: Gustav G.
08.11.2009 11:28
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Der Flüchtling aus dem Hartz-IV Land ist wieder aktiv.


Antworten Gast: mcdf
08.11.2009 11:11
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Re: Verdrängen

Ach, du wieder. Du nutzt aber auch jede Möglichkeit, sei sie noch so daneben, zur Selbstdarstellung. Ich habe uebrigens deine ganze Seite gelesen und diese Lebenszeit gibt mir niemand mehr zurueck.

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