Sex macht Weibchen aggressiv und Männchen jung – bei Fliegen

Biologie. Von Lockdüften bis zur Verhaltenssteuerung: Im Verhältnis der Geschlechter regiert Chemie. Die Schlüsselmoleküle gibt es auch bei uns.

Fruchtfliegen.
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Fruchtfliegen.
Fruchtfliegen. – (c) imago/blickwinkel

Vor dem Sex zeigt die Chemie ihre Macht, und hinterher wirkt sie auch, das beginnt mit Lockdüften und kann mit hoher Aggressivität enden: Diese wird etwa dort gefährlich, wo eine Bärin mit Jungen unterwegs ist – dann machen auch Bären besser einen Bogen –, bei vielen anderen Arten ist es ähnlich. Und zwar nicht erst, wenn die Jungen geboren sind: Auch trächtige Weibchen geraten aneinander, im Kampf um Ressourcen oder um zu verhindern, dass andere auch zu Jungen kommen, darauf deuten etwa Experimente mit Waldwühlmäusen hin.

Wie soll man die möglichen Motive bzw. Ursachen auseinanderhalten? Vor über 100 Jahren fiel auf, dass die Aggression zwischen Weibchen besonders hoch ist bei Drosophila, Fruchtfliegen. Und inzwischen ist die Macht der Molekularbiologie ins fast Alchemistische gewachsen, man kann etwa Drosophila-Weibchen gentechnisch so manipulieren, dass sie ihre Eier kaum entwickeln können. Das hat Eleanor Bath (Oxford) getan.

Aber erst einmal hat sie je zwei ganz normale Weibchen in Kammern gesperrt, in denen das Futter rar war, das hebt die Aggression. Und es hebt sie ganz besonders dann, wenn eines der Weibchen kurz zuvor begattet worden war (oder wenn beide es waren), dann wurde doppelt so lange gekämpft wie unter jungfräulichen Fliegen. Geht es darum, Ressourcen für den Nachwuchs zu sichern? Nein, denn auch die Weibchen, die zwar Sperma in sich hatten, ihre Eier aber kaum entwickeln konnten – also keine Ressourcen für sie brauchten –, waren höchst aggressiv.

Und das nicht aus eigenem Antrieb, sondern ferngesteuert, von den Männchen: Diese haben in der Samenflüssigkeit nicht nur Sperma, sondern viele Moleküle. In manchen Arten – auch von Säugetieren: Kamelen etwa – führen sie mit dem sogenannten ovulationsinduzierenden Faktor den Eisprung herbei. Und bei Fruchtfliegen sorgt ein „Sex-Peptid“ im Sperma für die Aggressivität der Weibchen, sie kommt den Jungen zugute, den Weibchen nicht, das Sex-Peptid bzw. der Sex verkürzt ihr Leben.

Vorbereitung kostet Männchen Kraft

Bei Männchen ist, wieder bei Fruchtfliegen, alles anders: Sex hält sie fit und bremst ihr Altern. Aber erst muss es dazu kommen: Die bloße Entscheidung zum Sex bzw. die Vorbereitung auf ihn kostet Kraft und Lebenszeit. Das hat Scott Pletcher (University of Michigan) wieder an Kreaturen der Gentechnik gezeigt, an verweiblichten Männchen, die das weibliche Sexualpheromon ausdünsten. Riechen normale Männchen diesen Duft, stellen sie den Stoffwechsel um, verbrauchen Ressourcen, es geht um Balz und Kampf mit Konkurrenten. Zur Kopulation kommt es mit verweiblichten Männchen nicht, aber zu Schaden, die nutzlose Investition verkürzt das Leben.

Zur Kopulation kommt es hingegen, wenn normale Männchen auf – vom Duft her – vermännlichte Weibchen stoßen, diese senden kein Sexualpheromon. Und der Akt selbst beschert den Männchen ein längeres Leben (Nature Ecology & Evolution 15. 5.).

Weil die jeweils mitwirkende Chemie in der Evolution konserviert wurde, auch bis zu uns, enden beide Forscher mit Spekulationen, denen sie nun nachgehen wollen: „Ejakulatinduzierte Aggression mag es auch bei Säugetieren geben“, vermutet Bath, und Pletcher zielt direkt auf den Menschen, bei dem „Kopulation mit verschiedenen Gesundheits-Benefits in Verbindung gebracht wurde“.

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