Blüten machen Bienen süchtig

Biologie. Manche Pflanzen mischen Nikotin in den Nektar, sie bringen damit Bestäuber ein besseres Gedächtnis – und Abhängigkeit.

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Symbolbild: Bienen.
Symbolbild: Bienen. – (c) APA (Helmut Fohringer)

Wenn Raucher von ihren Glimmstängeln nicht loskommen, dann liegt das an einem einzigen der endlosen Inhaltsstoffe, dem Alkaloid Nikotin. Das haben Tabak und viele andere Pflanzen zu ihrem Schutz erfunden, es ist ein Nervengift und wird in verletzliche Teile eingebaut, um gefräßigen Insekten den Appetit zu verderben. Dabei geht es nicht nur um Blätter, sondern auch um Pollen bzw. die Abwehr von Dieben, die sich als Bestäuber nähern. Die werden für ihren Dienst belohnt, mit Nektar, aber vielen reicht das nicht, sie bedienen sich auch am Pollen, anstatt ihn von Blüte zu Blüte zu tragen. Das tun etwa Kolibris bei wildem Tabak, der lädt deshalb sein Pollen extrem hoch mit Nikotin, das tun auch Bienen, sie fliegen oft dicht bepackt mit Pollen zu ihren Stöcken, um die Brut damit zu füttern – und auf dem Weg versuchen andere Bienen bisweilen, ihnen die nahrhafte Leckerei abzujagen.

Aber im Nektar selbst ist auch Nikotin, und wie bei jeder anderen Substanz macht auch bei ihm die Menge, ob etwas ein Gift ist und was für ein Gift es ist. Die Konzentrationen in den Blättern sollen abschrecken, die im Nektar sollen etwas ganz anderes: Abhängig machen. Lars Chittka (London) hat es bemerkt, ihm ist früher schon aufgefallen, dass manche Blütenpflanzen ihren Bestäubern mit einem anderen Alkaloid, Koffein, zu besserem Gedächtnis helfen: Sie kehren bevorzugt an diese Blüten zurück. Das bewirkt auch Nikotin, Chittka hat diesmal Wildbienen – Hummeln – im Experiment künstliche Blüten mit zwei verschiedenen Farben angeboten, in den einen gab es nur Zuckerlösung, in den anderen war sie mit Nikotin angereichert.

An der Droge hängen

Das schreckte zunächst ein wenig ab, führte aber bald zu Bevorzugung, die sich zur Sucht auswuchs: Die Hummeln erinnerten sich nicht nur besser an diese Blüten, sie suchten sie auch dann auf, wenn es in ihnen kaum Zucker zu holen gab, sie hingen am Nikotin, nehmen es mit speziellen Geschmacksrezeptoren wahr (Scientific Reports 16. 5.).

Und im Gehirn bindet es dann an bestimmte Rezeptoren. An die binden auch die dem Nikotin nachgeahmten Neonicotinoide, hoch umstrittene Insektizide, die zwar bei Bienen auch das Gedächtnis für bestimmte Futterquellen stärken, zugleich aber das für den Heimweg schwächen. Ob Nikotin selbst auch diese zwei Gesichter hat, hat Chittka nicht getestet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2017)

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