Im Labor quillt neues Blut

Zwei Gruppen melden Erfolge beim Herstellen von Blutstammzellen, aus denen alle Zellen des Bluts werden. Perfekt ist es noch nicht.

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Symbolbild. – (c) imago stock&people (imago stock&people)

„Es lässt sich nicht nur für die Wachstumsperiode, wo die Blutmasse proportional zur Körpermasse zunimmt, mit Bestimmtheit eine fortdauernde Neubildung von Blutzellen behaupten, sondern es ist auch im höchsten Grad a priori wahrscheinlich, dass im erwachsenen Körper dieser Neubildungsprocess fortbesteht. Es wird der Schluss gerechtfertigt sein, dass in den Knochen während des ganzen Lebens eine fortdauernde Umwandlung lymphkörperartiger Zellen in farbige Blutzellen stattfindet.“

So beschrieb der Pathologe Ernst Neumann 1868 als erster das Mirakel, dass unser ganzes Blut – sowohl die roten Zellen wie die unterschiedlichen weißen – dauernd neu gebildet wird, und zwar aus Zellen eines einzigen Typs, heute heißen sie hämotopoetische Stammzellen oder Blutstammzellen.

Könnte man die erzeugen, hätte man für die Therapie verschiedenster Blutkrankheiten – Leukämie etwa – Ausgangsmaterial, das aus Körperzellen der Patienten selbst gewonnen werden könnte (und nicht auf oft schwierige Knochenmarkstransplantationen angewiesen wären). Bisher ist es nicht gelungen, nun melden zwei Gruppen zumindest Teilerfolge (Nature 17. 5.): Ryohichi Sugimura (Boston) ist von pluripotenten Stammzellen des Menschen ausgegangen, aus denen kann jeder Zelltyp werden. Dass etwas daraus geworden ist, was Blutstammzellen ähnelt, gelang in zwei Schritten: Erst hat man Endothelzellen – aus ihnen besteht die Wand von Blutgefäßen – daraus differenziert, dann die mit sieben Transkriptionsfaktoren zu Blutstammzellen spezialisiert.

 

Noch nicht da, aber „verlockend nahe“

Die zweite Gruppe um Raphael Lis (New York) hat Endothelzellen von Mäusen direkt verwandelt, er brauchte dazu vier Transkriptionsfaktoren. Auch dabei kamen den Blutstammzellen ähnliche Zellen heraus, ganz identisch mit ihnen ist es in beiden Fällen nicht: „Wir sind ihnen verlockend nahe“, formuliert es Sugimura. Die jetzige Stufe hat das Problem, dass diese Zellen nicht lange Blutzellen bilden. Und sie hat das noch ungeklärte Risiko, dass manche der verwendeten Transkriptionsfaktoren auch bei der Entstehung von Blutkrebs mitspielen. (jl)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2017)

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