Während sein Cousin Sacha Baron Cohen mit oft brachialem Humor Vorurteile gegen Menschengruppen aufdecken will, befasst sich Simon Baron-Cohen mit Menschen, die u. a. darunter leiden, Gefühle von Mitmenschen nicht „lesen“ zu können: den Autisten. Dazu hat er den Test „Reading The Mind In The Eyes“ entworfen: Den Probanden wird ein Augenpaar gezeigt, das ein Gefühl („gelangweilt“, „erschrocken“, „irritiert“ etc.) ausdrückt, sie sollen dieses benennen – und damit zeigen, wie gut sie sich in Mitmenschen einfühlen können. Diese Fähigkeit ist auch wesentlich für das Gefühl, das Schopenhauer als Grundlage der Moral sah: das Mitleid.
Wie mitfühlend Menschen sind, hängt gewiss von Kultur und Erziehung ab, aber auch von genetischen Faktoren. Das bestätigen Psychologen um Sarina Rodrigues (Oregon State University): Sie fanden eine Korrelation zwischen Mitgefühl und der Ausprägung des Rezeptors für Oxytokin (Pnas, 16. 11.). Dieses Hormon wird nicht zu Unrecht als „Liebeshormon“ bezeichnet, es wird bei der Geburt und beim Orgasmus ausgeschüttet, es verstärkt die Paarbindung und das Vertrauen in Mitmenschen.
Vom Oxytokin-Rezeptor kennt man zwei Varianten, A und G. Da man von jedem Gen zwei Versionen im Genom hat, gibt es die Kombinationen A/A, A/G und G/G. An Personen mit A/A wird häufiger Autismus diagnostiziert als an solchen mit G/G oder A/G; sie zeigen auch als Eltern weniger Einfühlungsvermögen.
Rodrigues fand nun, dass Personen mit G/G weniger anfällig für Stress sind. Und sie schneiden bei Baron-Cohens Test besser ab, die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Miene falsch einschätzen, ist um 22,7 Prozent geringer als bei Personen mit A/A oder A/G. Überlagert wird dieser genetische Effekt durch einen zweiten: Frauen sind stressanfälliger als Männer, sie sind aber – im Durchschnitt – besser beim Test auf Mitgefühl. tk

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