Spekulationen und Wahrheiten um den Geruchssinn

Von der Physiologie her sind wir Zwerge der Olfaktion. Aber die Leistungsfähigkeit unseres Riechers lässt sich davon nicht beeindrucken.

Der Macht des Geruchs – auch zum Erwecken Ohnmächtiger – widmete Rembrandt als 18-Jähriger eine seiner ersten Arbeiten.
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Der Macht des Geruchs – auch zum Erwecken Ohnmächtiger – widmete Rembrandt als 18-Jähriger eine seiner ersten Arbeiten.
Der Macht des Geruchs – auch zum Erwecken Ohnmächtiger – widmete Rembrandt als 18-Jähriger eine seiner ersten Arbeiten. – (c) Getty Museum

Wenn man einen „nicht riechen kann“, dann ist das ein narrenhausreifes Urteil: eine schroffe Ablehnung, die ein Nichtwollen als Nichtkönnen ausdrückt und einem metaphorisch von etwas übel werden lässt, das man physiologisch in Abrede stellt: Geruch. Der verwirrt das Hirn, er hat auch sonst Macht wie sonst kein Sinn, ekle oder stechende Gerüche zwingen zur Flucht. So überwältigen die Ohren nicht, und die Augen schon gar nicht.

Die halten ein Objekt auf Distanz, das schätzte die Philosophie seit Platon und Aristoteles, noch bei Kant war der Geruch ein „niederer Sinn“, bei Hegel ein „praktischer“, bei beiden war für die Erkenntnis mit der Nase nichts zu gewinnen. Die war geschrumpft, als der Mensch sich auf zwei Beine erhob und die Hände und den Kopf bzw. Blick frei bekam, die Augen rückten nach vorn, zwischen ihnen blieb wenig Raum. So sieht es die Evolutionsbiologie, und dass sich mit dem Körper auch die Moral erhob, fügte Freud hinzu: Die Nase ging weg nicht nur vom Boden, sondern auch von der Höhe resp. Tiefe der Sexual- und Ausscheidungsorgane. Deren Dünste wurden tabu, und wer den Kraftakt der „Verdrängung der Riechlust“ nicht bewältigte, wurde mit Neurosen oder Hysterie geschlagen („Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“).

Nun gut, das war Spekulation, und die Evolutionstheorie war Theorie. Aber 1875 hielt einer den Beweis in der Hand, der Anatom Paul Broca den Bulbus olfactorius vulgo Riechkolben: Der ist im Gehirn für Geruch zuständig, und bei Primaten ist er klein, Broca schloss daraus, dass „es nicht länger der Geruch ist, der das Tier leitet, es ist Intelligenz“. Seitdem gibt es in Lehrbüchern zwei Arten von Tieren, „Makrosmaten“ – das griechische „osmos“ bedeutet Geruch, Duft, Gestank – und „Mikrosmaten“: Zu Ersteren gehören Mäuse, bei ihnen nimmt der Riechkolben zwei Prozent des Gehirns ein, bei uns sind es 0,01. Wer soll da forschen? Die wenigen, die es taten, erhielten den nächsten Dämpfer, als die Molekularbiologie die Geruchsgene durchzählte: Die waren bei den Ahnen von Menschen und Mäusen mit 1200 Mitgliedern die größte Genfamilie, bei Mäusen sind noch 900 aktiv, bei uns 390, die anderen sind stillgelegt, „Pseudogene“.

Ist irgendwann alles weg? Hoffentlich nicht, der Verlust des Geruchssinns im Alter oder durch Krankheit ist eine böse Plage: „Man hat keine Freude am Essen mehr, alles schmeckt gleich fad. Und man wird sozial verunsichert, erkennt Wohnung und Familie kaum wieder.“ So beschrieb es es Matthias Laska (München), ihm ist ein Experiment zu danken, in dem sich zeigte, dass sich das Riechvermögen von der Größe der Hirnregion und der Zahl der Gene überhaupt nicht beeindrucken lässt: Er ließ Totenkopfaffen Düfte schnüffeln und verglich die Daten mit denen von Hunden und Igeln: Die reagieren höchst fein auf alles, was mit Beute zu tun hat, Fleisch bzw. Insekten.

Ökologie entscheidet.
Totenkopfaffen nähren sich eher von Früchten, und bei der Empfindsamkeit für deren Düfte stellen sie – Primaten! – Hunde und Igel weit in den Schatten: „Neuroanatomische Muster und daraus abgeleitete Label wie Makrosmat und Mikrosmat sind zum Beschreiben der olfaktorischen Fähigkeiten einer Art ungeeignet“, schloss Laska, es brauche eine „ökologische Sicht auf Lebensweise und Bedürfnisse“ (Chem. Senses 25, S. 47).

Die Publikation stammt aus dem Jahr 2000, sie steht heute noch ganz vorn im Zitatapparat all derer, die das Riechen erkunden, mit bisweilen exotisch anmutenden Experimenten: Da hat Noam Sobel (Berkeley) auf einer Wiese Duftspuren gelegt – aus Zimtöl – und Testpersonen gebeten, sie herauszuschnüffeln wie Hunde, auf allen vieren (und mit verbundenen Augen): Zwei Drittel schafften es auf Anhieb (Nature Neuroscience 10, S. 27). Da hat Idan Frumin (Rehovot) Probanden zu irgendwelchen Tests ins Labor gebeten und manche mit Handschlag begrüßt, andere nicht. Erstere schnüffelten danach doppelt so eingehend an der eigenen Hand, vor allem, wenn sie auch Männer waren, offenbar enthält der per Handschlag übertragene Duft Informationen (eLife05154). Welche? Das ist noch nicht so klar wie im Fall des MHC-Komplexes, das ist eine Gen- bzw. Proteingruppe, mit der Eigenes und Fremdes unterschieden wird. Mäuse erriechen damit genetisch geeignete Partner, bei Menschen ist das unklar, aber sie bevorzugen für sich Parfums, die den eigenen MHC-Geruch verstärken (Proc. Roy. Soc. B 2012.2889).

All das ist keine Neuigkeit für die, die von ihren Nasen leben, Weinverkoster etwa. Die haben sogar das Problem gelöst, dass Gerüche, anders als Farben oder Töne, keine Namen haben und umschrieben werden müssen: Seit 1995 hat der Bund deutscher Önologen ein „Wein-Aroma-Rad“, das mit 67 Duftnoten – von Harz über Räucherspeck bis zu Mottenkugeln – einen Weg durch die Vielfalt bahnt. Die ist wohl noch höher bei denen, die ihren Meister im Proponenten von Patrick Süskinds „Das Parfum“ haben, der Menschen nach Belieben mit Düften manipulierte, auch zu Orgien. Das war ein Roman, manche Parfümeure wollen ihn Realität werden lassen und werben mit Sexuallockstoffen in ihren Bouquets, aber Leigh Simmons (Crawley) winkt ab, er hat es getestet (Roy. Soc. Op. Sci. 4:160831).

Wie gehen sie zusammen, die olfaktorischen Höchstleistungen und die rudimentäre Ausstattung? John McGann (Rutgers University) wendet viel Rechenkunst auf, um zu zeigen, dass unser bzw. der Primaten Riechkolben in Wahrheit gar nicht kleiner ist als der anderer Säugetiere (Science 12. 5.). Aber es ist wohl einfacher: Die lange Nase derer, die sie immer am Boden haben, ist anders gebaut als unsere, sie hat viele Filter für Bakterien, in denen bleiben auch Duftstoffe hängen; zudem riechen wir nicht nur von vorn, sondern auch von hinten: Aus Mund und Rachen steigen Düfte, auch die, die uns trotz unseres ärmlichen Geschmackssinns – fünf Richtungen! – unendliche Genüsse bereiten. Auf beides weist Gordon Sheperd (Yale) hin (PLoS Biology 2, 0572), auf etwas Drittes auch: Die Sprache spiele mit, mit ihrem Mühen um das Beschreiben eines Geruchs kämen Nuancen hinein. Das ist etwas weit hergeholt, aber was sagt man nun einem, den man nicht riechen kann? Etwas genau so Irrsinniges: Er möge „verduften“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2017)

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