Vokale verlieren die Farbe

Früher unterschied man in Südafrika ein „weißes“ und ein „schwarzes“ Englisch. Heute verschwindet dieser Rassismus der Sprache allmählich.

Ein Vorbild für viele junge schwarze Südafrikanerinnen – auch in ihrer Sprache: Radio- und TV-Journalistin Nikiwe Bhikitsha.
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Ein Vorbild für viele junge schwarze Südafrikanerinnen – auch in ihrer Sprache: Radio- und TV-Journalistin Nikiwe Bhikitsha.
Ein Vorbild für viele junge schwarze Südafrikanerinnen – auch in ihrer Sprache: Radio- und TV-Journalistin Nikiwe Bhikitsha. – (c) Twitter

Das Schwa ist wohl der schwächste und scheinbar der unbedeutendste aller Laute, doch Linguisten können viel aus ihm lesen, bis hin zu Geschlechterunterschieden im sozialen Aufstieg in Südafrika. Dort nämlich . . .

Doch halt! Zunächst zu diesem unterschätzten Vokal, denn um einen solchen handelt es sich. Er ist sozusagen der neutralste aller Selbstlaute, mittleren Zentralvokal nennt ihn die Phonetik, er steht in der Mitte, in beiden Dimensionen des sogenannten Vokaltrapezes: sowohl was die Öffnung des Mundes anlangt – zwischen offenen Vokalen (a) und geschlossenen (i, u) –, als auch im Mundraum – zwischen vorderen Lauten (e, i) und hinteren (o, u). Im Deutschen und Englischen kommt er nur unbetont vor, so spricht man das e in „Liebe“ oder das a in „about“ als Schwa.

Der Name kommt aus dem Hebräischen, dort ist das Schwa ein Zeichen, das entweder für einen e-Laut oder die völlige Abwesenheit eines Vokals steht. In ihrer Lautschrift schreiben die Phonetiker das Schwa als um 180 Grad gedrehtes e, das sieht so aus: .

Dieses Zeichen findet sich nicht im Zeichensatz des Redaktionssystems der „Presse“, dass Sie es jetzt dennoch lesen konnten, verdanken wir der Kunst eines Kollegen in der Layout-Abteilung, Marin Goleminov. Er kommt übrigens aus Bulgarien und kann bestätigen, dass es in seiner Muttersprache, wie in manchen anderen slawischen Sprachen, auch ein betontes Schwa gibt. Manche Phonetiker meinen allerdings, dass es sich dabei eher um ein Tiefschwa (a-Schwa) handelt, einen fast offenen Zentralvokal, der eher in Richtung a geht und daher in der Lautschrift als umgefallenes a geschrieben wird.

Ein ähnlicher lautlicher Unterschied besteht wohl auch zwischen den englischen Wörtern „brother“ oder „gangster“ und den Slangvarianten „brotha“ oder „gangsta“, wie sie im afroamerikanischen Hip-Hop verwendet werden, in dem Schwarze sich auch selbst als „nigga“ (in einer alternativen Schreibweise des rassistischen Wortes „nigger“) bezeichnen. Im deutschsprachigen Hip-Hop wird das manchmal durch entsprechende Bildungen („Bruda“, „Nega“) nachgemacht.

Viel ausgeprägter als in den USA waren sprachliche Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen im Südafrika der Apartheid, wo die rassistische Segregation in ein trauriges Extrem getrieben wurde. Dort entstand eine Form des Englischen, die für Schwarze typisch war, die Englisch als zweite Sprache lernten: das Black South African Englisch, kurz BSAE. Es unterscheidet sich signifikant vom White South African English, WSAE, und zwar vor allem in den Vokalen und in der Betonung von Silben. So spricht man im BSAE fast kein Schwa, sondern ersetzt es durch einen „vollen“, oft sogar langen Vokal. „Millions“ wird etwa mit einem langen o in der zweiten Silbe gesprochen, „serious“ mit einem langen a.


„Study of Schwa“. Diese typische Vokaländerung hört man sogar in einem Werbespot für einen in Südafrika beliebten Schokoladeriegel namens Lunchbar. In einer U-Bahn-Station tanzt ein Schwarzer mit Wollmütze Breakdance, zwei andere schauen ihm lächelnd zu: „Lunchbar!“, sagt der eine, „Obvious!“, antwortet der andere – und spricht es mit einem kräftigen a in der zweiten Silbe aus. „Es ist unwahrscheinlich, dass diese Aussprache in der Reklame für ein gehobeneres Produkt verwendet würde, etwa von einer großen Bank“, kommentiert Rajend Mesthrie von der Universität Kapstadt in einem ausführlichen, in der Zeitschrift „Language“ erschienenen Artikel namens „Class, Gender and Substrate Erasure in Sociolinguistic Change: A Sociophonetic Study of Schwa in Deracializing South African English“.

Das Verb „deracialize“ ist schwer auf Deutsch zu übersetzen – auch weil das Wort „Rasse“ durch die rassistische Ideologie des Nationalsozialismus stärker belastet ist als „race“, man kann z. B. unbefangen von der „English race“ sprechen, das geht auf Deutsch nicht. Jedenfalls beschreibt „deracializing“ den Normalisierungsprozess nach Aufhebung der strikten Rassentrennung. Die Trennlinie zwischen schwarzer Unterschicht und weißer Mittel- und Oberschicht verschwimmt zusehends – was freilich nicht heißt, dass es fortan keine Klassenunterschiede mehr gibt: „Class was emerging out of race“, schreibt Mesthrie sentenziös. Das betrifft eben auch die Sprache: Immer mehr Farbige beginnen bewusst oder unbewusst, WSAE zu sprechen, weil es höheren sozialen Status signalisiert. Da kaum Weiße sich umgekehrt BSAE aneignen, wird dieses wohl langfristig verschwinden.

Derzeit hält es sich noch, und zwar mehr bei Männern als bei Frauen. Das ist das vielleicht spannendste Ergebnis von Mesthries Arbeit, für die Sprachaufnahmen von 77 jungen Südafrikanern mit dem Computerprogramm Fave (Forced Alignment & Vowel Extraction) analysiert wurden – vor allem auf die Schwa-Laute (beziehungsweise deren Fehlen) und ein zweites Charakteristikum des BSAE: Es tendiert dazu, manche Vokale zu verlängern. So wird etwa „living“ (leben) mit „leaving“ (verlassen) oder „slipping“ (ausrutschen) mit „sleeping“ (schlafen) verwechselbar.

Wieso nehmen Frauen schneller als Männer die Sprache an, die einst den herrschenden Weißen gehörte und nun einfach für höheres Sozialprestige steht? Es könnte daran liegen, dass Männlichkeit eher mit „blackness“ assoziiert wird, meint Mesthrie, dass schwarze Männer nicht „weiß“ klingen wollen und/oder mehr auf „African solidarity“ setzen – und Schwarze kritisch sehen, die sich allzu bereitwillig der weißen Oberschicht anpassen. Für solche kam schon in den Neunzigerjahren der abfällige Begriff „coconuts“ (außen dunkel, innen weiß) auf.

Allgemein nehmen Frauen leichter Ausdrucksformen der Oberschicht an, das hat schon der US-Linguist William Labov beobachtet, es könnte damit zusammenhängen, dass Frauen eher „nach oben heiraten“ als Männer. Vor allem aber verweist Mesthrie auf die Vorbildfunktion von jungen schwarzen Frauen in den Medien Südafrikas: Viel häufiger als schwarze Männer werden sie als Nachrichtensprecher, Interviewer etc. eingesetzt, es gibt viel mehr dunkelhäutige „anchorwomen“ als „anchormen“. Die erste prominente schwarze Journalistin Südafrikas, Nikiwe Bhikitsha, wurde zunächst von Radiohörern aufgrund ihrer Sprache für eine Weiße gehalten, heute ist sie ein Rollenmodell für viele junge Frauen.

Ob sich ähnliche Geschlechterunterschiede auch in unseren Städten – wo Dialekt ja immer auch Soziolekt ist – feststellen lassen? Ob z. B. Männer das berühmte „Meidlinger l“ eher konservieren als Frauen? Ob junge Bosnierinnen das typische „Jugo-Deutsch“ schneller ablegen als junge Bosnier? Hier könnte es faszinierende Forschungsfelder für Linguisten geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2017)

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