„Man muss sich trauen zu bewerten“

International.„Ich bin nicht weggegangen, um zurückzukommen“, sagt Barbara Prainsack, Professorin am King's College London. Doch der Brexit bringt sie wieder nach Österreich: Sie lehrt und forscht ab Oktober an der Uni Wien.

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Barbara Prainsack. – (c) univie

Sie wird immer dann gefragt, wenn es schwierig wird. Etwa wenn das britische Innenministerium überlegt, welche Aspekte bei der Speicherung von DNA zu beachten sind. Welche gesellschaftlichen Interessen werden berührt? Welche Einzelinteressen? Woran muss die Polizei denken, wenn sie Datenbanken mit Genmaterial anlegen will? Die Antworten der promovierten Politologin regen an, weiter nachzudenken. „Es gibt keine absoluten Statements, nur Empfehlungen“, sagt Barbara Prainsack. Die geborene Klagenfurterin arbeitet seit zehn Jahren am renommierten King's College London, an das sie mit nur 32 Jahren berufen wurde.

 

Beratung basiert auf Forschung

Die Beratertätigkeit sei dabei nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit, sagt sie. Und baue immer auf dem Sockel ihrer Forschung auf. Davon profitieren etwa das Gremium zu Ethik und neuen Technologien der Europäischen Kommission und die Österreichische Bioethikkommission, in der Prainsack Mitglied ist. Sie ist auch international gefragt, forschte etwa in den USA, in Israel und in Thailand. Und heuer wählte sie die Dänische Königliche Akademie der Wissenschaften zum Mitglied.

Ob es ein Schlüsselerlebnis in ihrer Entwicklung gab? Ein solches verortet sie in einem Café in der Währinger Straße in Wien, wo sie einst Politikwissenschaften studierte. Dort las sie das deutsche Feuilleton, damals die Speerspitze der Kritik an der israelischen Freigabe der Stammzellenforschung. Und dabei fiel ihr auf, dass sowohl Befürworter als auch Gegner mit der Menschenwürde argumentierten. Die Erklärungen, die sich meist mit Religion befassten, griffen für sie zu kurz. Ihre Antwort darauf war eine umfassende, später preisgekrönte Dissertation zum Thema, in der sie u. a. auch die Technologiefreundlichkeit der israelischen Gesetzgebung ergründete.

Im Zweitfach studierte Prainsack Arabistik, daneben belegte sie Lehrveranstaltungen am Juridicum: Zunächst nur einzelne Fächer, dann fesselte sie die Materie immer mehr. „Ich bereue, dass ich nicht fertig studiert habe. Aber ich bereue nicht, dass ich keine Juristin geworden bin“, sagt sie heute. Die Liebe zu den Politikwissenschaften war größer – und dort zur Gesundheitspolitik: Wer sich für Verteilungsprobleme und Gerechtigkeit interessiere, für den müsse Medizin ein fundamentales Thema sein.

 

DNA liefert kein Phantombild

Prainsack ist ein politischer Mensch, als Forscherin war sie anfangs mit Bewertungen aber vorsichtig. „Ich war überzeugt, dass Sozialwissenschaftler nicht normativ argumentieren sollen“, sagt sie. Das erscheine ihr heute feig, sie überlasse daher nicht mehr anderen das Feld: Wo eine gute empirisch basierte und theoretisch informierte Argumentation möglich sei, nutze sie diese auch.

Sensibilität braucht es dennoch, denn die Themen, mit denen sie sich befasst, sind heikel. Inwieweit lassen sich etwa DNA-Analysen etablieren, die dazu dienen, Aussehensmerkmale oder das Alter unbekannter Täter festzustellen? „Es wird kein Phantombild geben, nur Aussagen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit“, sagt Prainsack. Daher könnten diese die Ermittler zwar bei ihrer Arbeit unterstützen, aber nicht als Beweismittel vor Gericht dienen.

An England schätzt sie besonders, dass zählt, was eine Person kann, und weniger, was sie studiert hat: „Das ist zweitrangig. Das Lösen von Forschungsfragen steht im Vordergrund, die dazu benötigten Disziplinen arbeiten zusammen.“ Damit gehe eine stärker meritokratische Organisation der Wissenschaft einher: „Es kommt weniger darauf an, wen man kennt, vielmehr darauf, wie gut die Forschung ist.“

 

Bürokratischer als Österreich

Dafür seien die Wissenschaftsorganisationen noch weit bürokratischer organisiert als in Österreich. Alles sei engmaschig überwacht und koste viele Wissenschaftler einen Großteil ihrer Arbeitszeit. „Wir können nicht einmal eine Prüfungsfrage schreiben, ohne dass sie durch drei Gremien geht“, sagt sie. Der Hintergrund: Die Studenten zahlen mehr als 18.000 Pfund Studiengebühren im Jahr, die Hochschule will sich vor Klagen absichern.

Bereut hat sie den Schritt nach London dennoch nie. Die Stadt empfindet sie heute allerdings oft als sehr stressig: Sie müsse sich jeden Tag durch Menschenmassen drängen. Die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten nicht gut. Und die schlechte Luft ihr raube den Atem. „In Wien kann ich ohne Keuchen auf einen Hügel gehen.“

Das alles hat sie aber nicht dazu bewegt, der Eliteeinrichtung den Rücken zuzukehren. Schließlich sei sie ursprünglich nicht weggegangen, um wieder nach Österreich zurückzukommen, sagt sie. Der Brexit wirkte als Entscheidungshilfe. „Wir wollen nicht in einem Land bleiben, das uns die EU wegnimmt.“ Außerdem verliefen die Verhandlungen mit der Uni Wien gut – sie wird daher dort ab Oktober als Professorin tätig sein.

Ob sie den internationalen Bypass gebraucht hat, um in Österreich erfolgreich zu sein? Sie sei hier nie schlecht behandelt worden, sagt sie. Dennoch seien die Positionen jüngerer Kollegen schlecht abgesichert, selbst gute Leute bekämen keine fixen Stellen. Sie wünscht sich: „Nur Qualitätskriterien sollen darüber entscheiden, wer bleibt und aufsteigt.“

 

Der Beruf als Leidenschaft

Weil sie zur „obsessiven Beschäftigung mit Themen“ neige, nimmt Prainsack diese auch mit nach Hause. „Ich habe mein Interesse zu meinem Beruf gemacht“, sagt sie. Daher hätten die Bücher, die sie in der Freizeit liest, fast immer einen Bezug zur Arbeit. Immerhin kann sie sich daheim auch gleich dazu austauschen. Ihr Mann, ein Holländer, ist nämlich ebenfalls Politikwissenschaftler. Mit ihm gebe es mitunter leidenschaftliche Diskussionen darüber, wie ein Autor etwas gemeint haben könnte.

ZUR PERSON

Barbara Prainsack (41) wurde in Klagenfurt geboren. Sie studierte in Wien. Vor zehn Jahren folgte sie dem Ruf ans King's College in London, eine der angesehensten Universitäten Europas.

Im Oktober kehrt sie als Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse an die Uni Wien zurück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2017)

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