Als es auf der Erde zwei Jahre lang stockfinster war

Das Massensterben vor 65 Millionen Jahren kam vor allem daher, dass Fotosynthese unmöglich wurde.

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Dunkelheit – APA/AFP/TIBTA PANGIN

Erst brannte, was brennen konnte, dann fuhren Tsunamis über das Land, und dann wurde es duster. So stellt man sich vor, was vor 65 Millionen Jahren geschah, als ein zehn Kilometer großer Asteroid vor der Küste von Yucatán in die Erde fuhr. Drei Viertel aller Lebensformen gingen zu Grunde, allen voran die Dinosaurier – außer denen, die zu Vögeln geworden waren –, aber das Leben litt auch dort enorm, wo man es eher nicht vermutet, in den Meeren. Vor allem um das zu klären, hat Charles Bardeen (Boulder) in Klimasimulationen durchgerechnet, was der Ruß der Brände angerichtet haben könnte.

Gebrannt hat es nicht nur in der Region, sondern global, das zeigt eine Rußschicht, die sich rund um die Erde legte, als sich dort gerade eine dünne Schicht aus Iridium abgelagert hate, sie stammt vom Asteroiden, sie ist seine Signatur. Wie viel Biomasse als Ruß in die Luft ging, lässt sich nur schätzen, man hat Erfahrungswerte von Waldbränden und kommt auf Zahlen zwischen 15.000 und 35.000 Teragramm (ein Tg sind 1012 Gramm gleich eine Million Tonnen). Ganz große Teilchen steigen nicht weit, sie sinken wieder ab, solange sie noch glühen, das verbreitete die Brände. Kleineren steigen – in ihrem Schwarz von der Sonne geheizt – weit hinauf und verfinstern den Himmel.

Das machte es kalt, global um 15 Grad, über dem Land um 28, über dem Meer um 15, und in den Meeren um sieben, das alles ist viel mehr als in Eiszeiten. Für das Leben ärger aber war, dass es stockfinster wurde, nicht für ein paar Schreckminuten wie bei einer Sonnenfinsternis, sondern für zwei Jahre, in denen kam gerade ein Prozent des Sonnenlichts durch. Dieses eine Prozent ist das Minimum dessen, was es für Fotosynthese braucht, an Land wäre sie vielleicht möglich gewesen, in Oasen, wo das Leben den großen Schlag überstanden hatte.

Aber in Wasser dringt Licht nicht tief. Und im Wasser lebt alles von der Fotosynthese, die von Phytoplankton betrieben wird. Der ist zwar zäh, seine Sporen können 50 Jahre still liegen und dann erwachen, aber es gab eben keine Primärproduktion, die gesamte Nahrungskette brach zusammen. Das war um so schlimmer, als das Leben im Meer im Durchschnitt sehr viel rascher umgeschlagen wird als das am Land.

 

„Nuklearer Winter“ wäre ganz ähnlich

Unterdessen spielte sich hoch oben am Himmel ganz Anderes ab: Der aufgestiegene Ruß wärmte die Atmosphäre – und wie: um 200 Grad Celsius – sie füllte sich mit Wasserdampf, und der sorgte dafür, dass die Ozonschicht ausgedünnt wurde, die die Erde vor der UV-Strahlung schützt. Das normalisierte sich, als auch der leichte Ruß allmählich wieder sank, aber das Licht – mitsamt dem UV darin – kam rascher wieder zur Erde als die Ozonschicht an den Himmel (Pnas 21. 8.). Alles in allem ist es ein Wunder, dass irgendetwas überlebte, denn es muss noch viel ärger gewesen sein, in Bardeens Rechnung fehlen die beim Einschlag ausbrechenden Vulkane mit ihren Schwefelemissionen. Eines fehlt nicht: Der Hinweis darauf, dass Menschen zwar nicht so viel können wie ein Asteroid, dass aber die in den Achtzigerjahren erstmals aufgetauchte Schreckensvision vom „nuklearen Winter“ – durch Atombomben – im Prinzip ganz ähnliche Effekte hätte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2017)

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