Beim Dolmetschen spielen auch Gefühle hinein

Fühlen und Denken sind untrennbar aneinandergekoppelt. Diese Erkenntnis der Neurobiologie wollen die Translationswissenschaften stärker bei der Übersetzungsarbeit beachten – etwa wenn der Klient die Nase rümpft.

Beim Übersetzen geht es um Nuancen.
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Beim Übersetzen geht es um Nuancen.
Beim Übersetzen geht es um Nuancen. – (c) imago/allOver-MEV (imago stock&people)

Nora studierte den Gesichtsausdruck des Klienten, starrte auf die Topfpflanze am Fenster, trank einen Schluck Wasser, betrachtete die Hände des Klienten oder fummelte selbst an einem Taschentuch herum. Sie ist eine literarische Figur, die Hauptfigur in Mascha Dabić' Roman „Reibungsverluste“.

Diese Nora ist eine Dolmetscherin bei psychologischen Sitzungen mit Flüchtlingen und ihre Übersetzungsarbeit bezeichnet sie als „alchemistischen Prozess“. Das Gesagte dringe dabei in einer bestimmten Wortkombination durch den Gehörgang in ihren Kopf ein und sollte, möglichst unbeschadet und so wenig wie möglich durch Reibungsverluste in Mitleidenschaft gezogen, durch den Mund den Körper wieder verlassen. „Reibungslos sollte die Kommunikation ablaufen, das war das Ideal, keine Reibung, keine Verluste“, heißt es im Roman.

Michéle Cooke ist Professorin für Interkulturelle Kommunikation am Zentrum für Translationswissenschaften der Uni Wien, an dem übrigens auch die Autorin Dabić arbeitet. Das Flüchtlingsdolmetschen sei ein gutes Beispiel dafür, was Cooke mit ihrer Forschung thematisieren will. Sie ist allerdings der Ansicht, dass es dabei zu Reibungsverlusten kommen muss.

Die Translationswissenschaften beschäftigen sich auch mit der Synchronisation von Filmen, dem Übersetzen von Literatur und dem mündlichen Dolmetschen zum Beispiel vor Gericht. „Wenn wir übersetzen, versuchen wir jenseits der Wörter zu verstehen, was die Menschen zu einer bestimmten Äußerung bewegt“, sagt sie. „Wir versuchen, das Unsagbare, das unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ausmacht, mittels Sprache zum Ausdruck zu bringen.“

 

Wie Zittern übersetzen?

Wie beeinflussen Emotionen, Lebensumstände und unterschiedliche kulturelle Umgebungen die Übersetzungsarbeit? Damit beschäftigt sich Cooke am Zentrum für Translationswissenschaften: „Die Geisteswissenschaften, darunter auch die Translationswissenschaften, tendieren seit langer Zeit dazu, das Biologische ausklammern“, heißt es in der soeben publizierten Aufsatzreihe „Translation ohne Biologie – Henne ohne Ei?“, herausgegeben von Cooke, erschienen im Peter Lang Verlag.

Das Senken der Augen, Zittern und Naserümpfen: Diese Oberflächenerscheinungen emotionaler Prozesse sollen ebenfalls erfasst werden, meint Cooke. Ihr geht es um die Nuancen, die bei Wörtern mitschwingen. „Körpersprache ist fundamental. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut, und unsere Sprache kommt aus unserem Körper“, sagt sie und plädiert dafür, diese körperliche Dimension einzubinden und die „emotionale Biografie“, wie sie es nennt, in den Vordergrund zu stellen.

 

Fühlen und Denken gekoppelt

„Es geht nicht darum: Was bedeutet dieses Wort?“, erläutert Cooke, „sondern: Was will dieser Mensch sagen – und warum?“ Dafür brauche es vor allem eines: Empathie.

Christine Steyskal, eine von Cookes Studentinnen, hat deshalb den Begriff „emorational“ geschaffen. Er unterstreicht, was die Neurobiologie in jüngster Zeit festgestellt hat: Es gibt keine Trennung zwischen kognitivem und emotionalem Areal im Gehirn. Man kann nicht nur fühlen oder nur denken; es ist immer gekoppelt. Im Idealfall geschieht also auch Übersetzung über Emorationalität.

LEXIKON

Dolmetsch lässt sich als Wort über das Ungarische bzw. über slawische Sprachen ins Türkische zurückverfolgen. Schon im 11. Jahrhundert überbrückte der „tilmaç“ Sprachbarrieren.

Emorationalität – die Verschränkung von Denken und Fühlen – ist ein neu geschaffener Begriff der Translationswissenschaft, basierend auf Erkenntnissen der Neurobiologie – zitiert wird die Arbeit von Luiz Pessoa vom Maryland Neuroimaging Center.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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