In die Irre gehen

Auch Wissenschaftler, Individuen und ganze Communitys können sich auf Holzwege begeben und dort mehr oder weniger dramatisch verrennen.

July 4 2017 Niagara Falls Ontario Canada An aerial view of Niagara Falls Niagara Falls Ontar
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July 4 2017 Niagara Falls Ontario Canada An aerial view of Niagara Falls Niagara Falls Ontar
Brach die Sintflut „mit der Gewalt von 200 Niagara-Fällen“ durch den Bosporus? Darüber gab es viel Hin und Her. – (c) imago/ ZUMA Press (Ronen Tivony)

Erinnern Sie sich noch an Carlo Rubbias narren- bzw. explosionssicheren Atommeiler oder an den bevorstehenden Endsieg über Krebs oder den Nachweis der Sintflut und den der wirklichen Heimat des Odysseus? All das füllte Schlagzeilen, all das ist längst vergessen: Forscher können sich verrennen, die Kosten können ihnen über den Kopf wachsen, die Herausforderungen auch, Spuren können versanden.

Das war im Wortsinn so bei der Heimat des Odysseus, auch bei der Sintflut. Beide sollten sich in Sedimenten zeigen, die der Flut in denen am Nordende des Bosporus. Der lag vor 8000 Jahren trocken, weil die Eiszeiten die Meeresspiegel um 120 Meter gesenkt hatten. Dann stiegen sie, und weil sie es im Mittelmeer stärker taten als im Schwarzen, bahnten sie sich von Süden her ihren Weg, und wie: „Mit der Gewalt von 200 Niagara-Fällen“ brachen sie durch, so sahen es 1997 die Ozeanografen William Ryan und Walter Pitman (Marine Geology 138, S. 119).

Das brachte viel Hin und Her um die Sedimente – andere Spezialisten lasen aus ihnen, dass der Bosporus sich langsam gefüllt hatte und/oder von beiden Seiten her –, irgendwann schlief die Debatte ein. In aller Stille verschied auch eine Idee, die mit viel PR-Geschick begonnen hatte, die des Projekts „Odysseus Unbound“: Einem Hobbyforscher, dem britischen Managementberater Robert Bittlestone, war aufgefallen, dass die in der Odyssee beschriebene Lage der Burg des Listenreichen zu Ithaka nicht passt. Geeigneter wäre das nahe Paliki, nach antiken Berichten war das eine Insel, durch einen Isthmus von Kefalonia getrennt.

Aber heute sind beide miteinander verbunden. Wurde der Isthmus im Lauf der Jahrtausende verfüllt, durch Steinschläge in der bebengeplagten Region? Man müsste aus dem verbindenden Tal Bohrkerne ziehen, das war die Idee. Brittlestone tat es und sah sich auf der rechten Spur. Die Geldgeber sahen es offenbar nicht, die „News“ der Website enden im August 2012: „Locating Ithaca: Continuing the Search for Odysseus's Island Kingdom“.

Nun ja, es gibt dringlichere Probleme, und die können in den Wahn treiben, auch ganz Große. Das war etwa so bei Nicola Tesla, der der Welt den Wechselstrom und damit die Elektrizität bescherte und am Ende auf Todesstrahlen verfiel, die „New York Times“ machten am 11. Juli 1934 damit auf: Mit den Strahlen wollte Tesla den Weltfrieden sichern, jeder Staat sollte sich damit gegen jeden Angriff feien können. Auf Lebensstrahlen setzte hingegen Wilhelm Reich, der bei der Verschmelzung von Psychoanalyse und Kommunismus scheiterte, er wollte am Ende viele Krankheiten, Krebs vor allem, mit der Energie der Bläue des Himmels kurieren (in manchen Kellern Wiens werden sich noch die dazu nötigen Orgon-Akkumulatoren finden).

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