Der Mutterkuchen ist kein „Superfood“

Ein Arzt der Med-Uni Wien hat zusammengetragen, was man über Plazentophagie weiß: Nutzen bringt der Verzehr dieses Gewebes keinen. Aber Krankheitserreger und Gifte können in ihm lauern.

Wer bei Google unter „placenta recepy“ sucht, erhält 440.000 Treffer. Empfindsame Gemüter sollten nicht weiter klicken, die Rezepte gehen in Details und sind blutig, auch wenn am Ende der häufigsten Zubereitung ein Pulver steht, das in Pillenhüllen gefüllt wird. Aber auch dann ist es Fleisch vom eigenen Fleisch: Die Plazenta, ihrer Gestalt wegen auch Mutterkuchen genannt, ist weithin vom Fötus gebaut, in den äußeren Schichten sind Zellen auch der Mütter. Dieses Gebilde nährt und schützt uns, und Letzteres erklärt möglicherweise, warum lange in keiner Kultur die Plazenta verzehrt wurde.

Das ist erklärungsbedürftig, weil bei anderen Säugetieren die Mütter die Plazenta fressen. Warum, weiß man wieder nicht, es könnte Spuren beseitigen, die Raubtiere anlocken. Allerdings fressen auch Tiere wie Giraffen das Gewebe, bei denen die Jungen kurz nach der Geburt laufen können und sich mit den Müttern vom Geburtsort entfernen.

Warum immer sie es tun, Menschen tun es für gewöhnlich nicht, dahinter könnte ihre große Erfindung stecken, die Domestizierung des Feuers: Die Gifte in seinem Qualm kommen nicht in den Fötus, sie werden in der Plazenta ausgefiltert, deshalb stellten frühe Menschen den Verzehr ein, die Mütter könnten sonst sich selbst und – über die Milch – den Neugeborenen schaden.

Das ist eine Hypothese, viel weiß man eben nicht, selbst unter Fachleuten: Über die Hälfte der Gynäkologen und Geburtshelfer fühlt sich zu wenig informiert, um ihren Patientinnen Rat erteilen zu können. Nach dem wird aber immer häufiger gefragt, seit den 70er-Jahren ist Plazentophagie in Mode gekommen, es folgte dem Trend zu naturnahem Leben und Hausgeburten: Dort wurde der Mutterkuchen wörtlich genommen und zum „Superfood“.

Und was sollen Ärzte nun raten? Hände weg! Alex Farr (Med-Uni Wien) hat alles Bekannte zusammengetragen, er hat nichts gefunden, was für den Verzehr sprechen würde, und vieles, was ihn riskant macht: „Vermutete Nährstoffe wie Eisen, Selen und Zink befinden sich in keinen ausreichenden Konzentrationen in der Plazenta. Es wurden jedoch hohe Konzentrationen von Schwermetallen festgestellt, die sich in der Schwangerschaft ansammeln.“ Auch Krankheitserreger können in dem Gewebe lauern, dazu Gifte, von Alkohol und Tabak etwa (American Journal of Obstectrics and Gynecology 12. 10.).

 

„Grenzt an Kannibalismus!“

„Medizinisch gesehen ist die Plazenta ein Abfallprodukt“, schließt Farr und weist darauf hin, dass der Ekel, der sich fast automatisch auch nur bei der Vorstellung des Verzehrs einstellt, einen Grund hat: „Da die Plazenta zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen an Kannibalismus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2017)

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