Eine Rückkehr, versehen mit vielen Fragezeichen

Forscher der Uni Graz haben gemeinsam mit SOS-Kinderdorf fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche befragt, die zu ihren Familien zurückgekehrt sind. Dort braucht es Unterstützung für schwierige Phasen.

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(c) REUTERS

Bei der Tagung „Jugend-Lebenswelt-Bildung“ kommende Woche in Innsbruck wird die Abteilung Forschung und Entwicklung (F & E) von SOS-Kinderdorf Österreich erste Ergebnisse ihrer neuesten Studie präsentieren: „Wieder daheim“ beschäftigt sich mit der Rückkehr fremduntergebrachter Kinder und Jugendlicher zu ihren Familien. Dazu wurden in Zusammenarbeit mit der Universität Graz 33 Personen interviewt: Betroffene Kinder und Jugendliche, Betreuungspersonen und die Familien. Die Kinder und Jugendlichen waren zwischen 1,5 und zwölf Jahre lang in Einrichtungen von SOS-Kinderdorf, sind inzwischen aber ein bis acht Jahre wieder zurück bei ihren Familien.

Das Thema, so Projektleiterin Christina Lienhart, spiegle einen Paradigmenwechsel in der Unterbringung wider. Während früher die Kinder und Jugendlichen so lange in den Betreuungseinrichtungen verblieben, bis man sie in die Selbstständigkeit entließ, sei das seit einiger Zeit nicht mehr so: „Heute gehen knapp 45 Prozent irgendwann wieder zu ihren Familien zurück.“ Wie alle Betroffenen diesen Übergang von einem System ins andere erlebt haben, war Gegenstand der Interviews. Daraus soll Reflexionswissen generiert werden, das künftig einen möglichst reibungslosen Verlauf dieser Phase ermöglichen, aber auch auf andere schwierige Übergänge bei Jugendlichen umlegbar sein soll.

 

Sicherheitsnetz notwendig

Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen kristallisieren sich drei Bereiche heraus, berichtet Bettina Hofer, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung F & E: „Da ist einmal die Bedeutung einer Beziehung zwischen Betreuungspersonen, Kindern und Jugendlichen und den Familien.“ Gemeint ist selbstverständlich eine professionelle Beziehung. Zweiter wichtiger Punkt ist die Zusammenarbeit mit den Familien. Christina Lienhart: „Dazu bedarf es eines differenzierten Blickes auf die Familien. Dass man ihnen nicht nur sagt: Ihr habt das nicht auf die Reihe bekommen, sondern auch, was gut war.“ Das ermögliche eine Einbindung in Entscheidungsprozesse. Und drittens brauche es, wenn die Rückkehr zur Familie vollzogen sei, eine Art Sicherheitsnetz.

Allerdings nicht in Form einer weiteren Einrichtung. Lienhart präzisiert: „Wichtig ist es, ein Unterstützungsangebot für schwierige Phasen zur Verfügung zu stellen, am besten in einem kontinuierlichen Begleitprozess.“ Speziell aus diesem letzten Punkt würden sich auch Forderungen (an die Politik) ergeben, so Bettina Hofer: „Unsere pädagogischen Ableitungen allein bringen nichts, wenn nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden.“

Da die Kinder- und Jugendforschung in Österreich bislang ein eher stiefmütterliches Dasein fristet, ist die F-&-E-Abteilung SOS-Kinderdorf in Innsbruck ein gern gesehener Partner. So gab und gibt es Projekte mit den Universitäten von Graz, Klagenfurt, neuerdings Innsbruck, der FH St. Pölten oder der deutschen Universität Siegen. Die Leiterin der Abteilung, Susanne Zoller-Mathies: „Das ist eine Zusammenarbeit mit gegenseitigem Nutzen: Wir haben die Praxisnähe, sie das breitere Wissen.“

Überdies hätte die Kooperation für die Universitäten den Vorteil, dass die Ergebnisse von Studien wieder in die Praxis bei SOS-Kinderdorf einfließen und neuerlich Erfahrungen produzieren würden. Das sei gewissermaßen wie ein Follow-up.

LEXIKON

Jugendforschung. Vom 6. bis 18. November 2017 findet an der Universität Innsbruck die Tagung „Jugend-Lebenswelt-Bildung“ statt. Sie soll Perspektiven in der Jugendforschung in Österreich aufzeigen. Die Tagung umfasst über 40 Symposien und Sessionen zu für Jugendliche wichtigen Themen wie Familie, Schule, Sexualität, Medien, Jugendarbeit, Jugendhilfe, Arbeit und Beruf oder Migration.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2017)

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