Archäologie: Die Schrift an der Wand

Die Höhlenmalereien bestehen nicht nur aus Darstellungen, sondern vielleicht auch aus Zeichen.

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(c) AP

Beim Betrachten der Höhlenmalereien, die die Kultur des Gravettien vor allem in Südfrankreich und Spanien hinterließ, ziehen einen die Tier- und Menschdarstellungen so stark in den Bann, dass man leicht übersieht, dass noch etwas da ist: Linien, Kringel, Negativabdrücke von Händen etc. Für die braucht es einen frischen Blick, die Studentin Genevieve von Petzinger (University of Victoria) hatte ihn und katalogisierte für ihr Diplom das bisher Vernachlässigte in 146 Höhlen in Frankreich. Sie fand 26 verschiedene Zeichen, von denen viele häufig auftauchen, vor allem ganz einfache: Am häufigsten, in 70 Prozent der Höhlen, gibt es Linien, es folgen Punkte und offene Winkel (42%). Ganz selten sind Spiralen und Schlangenlinien, sie schmücken nur zwei Wände, bzw. eine.

 

„Rudimentäres Sprachsystem“

Schmücken sie sie? Oder enthalten sie eine Botschaft? Manche treten oft paarweise auf – Hände und Punkte etwa –, manche in noch größeren Gruppen: „Das zeigt, dass sie wirklich eine Bedeutung haben könnten“, erklärt April Novell, von Petzingers Professorin: „Wir sehen hier vielleicht den ersten Schimmer eines rudimentären Sprachsystems.“ Und zwar eben eines schriftlich fixierten. Das wäre früh, die Höhlenmalereien entstanden vor etwa 25.000 Jahren – manche halten sie für älter, über die Datierung wird gestritten –, die ältesten bekannten Schriftzeichen wurden vor etwa 5000 Jahren von Sumerern in Tontäfelchen geritzt. (Vielleicht waren die Ägypter etwas früher dran, es gibt harte Konkurrenz.)

Abstrakte Muster auf der anderen Seite sind viel älter, auf 70.000 Jahre bringt es ein Ocker mit Einritzungen aus der Blombos-Höhle in Südafrika. Dieses Stück Ocker gilt – neben 100.000 Jahre alten Meeresschnecken, die in Nordafrika als Schmuck getragen wurden – als erstes Zeugnis dafür, dass die Menschen in Symbolen zu denken begannen. Haben sie auch irgendwann irgendwo in Afrika die Schrift erfunden (und alle Zeugnisse sind in Afrikas Klima verrottet)?

Novell/von Petzinger vermuten es. Denn viele Zeichen treten schon in den ältesten Malereien auf, sie wurden nicht nach und nach entwickelt. Und: Viele Zeichen finden sich nicht nur in Europa auf Steinwänden, sondern weltweit, die in Europa sind nur besonders alt. Die Menschen könnten sie mitgenommen haben, als sie von Afrika aus die Welt erwanderten (New Scientist, 17.2.). Bleibt die Hauptfrage: Wenn die Striche etc. Zeichen einer Schrift sind, was bedeuten sie dann? Das wird für immer im Dunkeln bleiben, auf einen Fund wie den des Steins von Rosetta – der die ägyptischen Hieroglyphen erhellte – kann man nicht hoffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)

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