"Konrad Lorenz wäre heutzutage nicht mehr möglich"

Der deutsche Biologe Josef Reichholf im Presse-Interview über Naturschutz - und über die vielen Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden.

Konrad Lorenz waere heutzutage
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Konrad Lorenz waere heutzutage
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Die Presse: Sie schreiben in ihrem nun zum Wissenschaftsbuch 2010 ausgezeichneten Buch „Rabenschwarze Intelligenz", dass Naturschutz mehr schaden könne als er nutzt. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Josef Reichholf: Krähenvögel waren jahrzehntelang unter Schutz gestellt. Es durfte niemand mehr ohne Ausnahmegenehmigung der Naturschutzbehörden eine junge Krähe, Dohle oder Elster aus dem Nest holen und großziehen – so wie Konrad Lorenz das gemacht hatte. Lorenz wäre heutzutage nicht mehr möglich. Kurze Zeit, nachdem der Vollschutz wirksam wurde, kamen dann die Ausnahmegenehmigungen für den Abschuss. Allein in Bayern werden jedes Jahr 60.000 oder 70.000 Krähen geschossen. Das ist ein Unding. Was ist bitte falsch, wenn jemand eine Rabenkrähe aufzieht und privat hält, wenn in einem Jahr Zigtausende abgeschossen werden. Da ist das Prinzip der Verhältnismäßigkeit überhaupt nicht mehr gegeben. Wenn Beschäftigung mit der Natur einer Ausnahmegenehmigung bedarf, dann ist das System von Grund auf falsch.

Ausnahmen gibt es auch in vielen anderen Bereichen. . .

Reichholf: Die Landwirtschaft ist ausgenommen von den ganzen Beschränkungen. Ordnungsgemäße Landwirtschaft ist kein Eingriff in die Natur, heißt es in den Gesetzen und Verordnungen. Das ist ein solcher Blödsinn. Wenn ein Naturfreund einen falschen Schritt in die Wiese setzt, hat er ein naturschutzrechtliches Vergehen begangen. Wenn die Kuh des Landwirts aber einen Enzian zertritt, dann soll das kein ökologischer Fußabdruck sein? Dasselbe gilt im Prinzip auch für Straßenbau und andere öffentliche Maßnahmen: Wenn die Maßnahmen erst einmal genehmigt sind, dann spielte es keine Rolle mehr, ob sie Tiere oder Pflanzen gefährden.

Wenn Biotope unter Schutz gestellt werden, dann erzielt man oft nicht das gewünschte Ergebnis. Warum ist das so?

Reichholf: Die meisten dieser Flächen sind zu klein, und die indirekten Einflüsse – die Düngung aus der Luft zum Beispiel – sind zu massiv. Sehr viele Gebiete sind durch Nutzungen aus früheren Zeiten in den Zustand übergegangen, in dem sie nun als naturschutzwürdig festgestellt wurden. Wenn diese früheren Eingriffe nicht mehr da sind, dann läuft eine ganz natürliche Entwicklung – die Sukzession – weiter, deren Ergebnis sehr häufig ein anderer Zustand ist, der von dem, der unter Schutz gestellt wurde, recht weit abweichen kann.

Beruht dieses Problem nicht auch darauf, dass die meisten Menschen nicht verstehen, dass das, was sie unter „Natur" verstehen, eigentlich eine Kulturlandschaft ist?

Reichholf: Ganz genau. Wir schützen nicht eine unangetastete Wildnis, sondern es ist alles seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden Menschenwerk. Wenn man das berücksichtigt, dann ist klar, dass auch Neues als Menschenwerk entstehen kann das sich für Tiere und Pflanzen als sehr ergiebig herausstellt. Wir dürfen nicht immer so tun, wie wenn immer etwas vernichtet würde.

Zum Beispiel?

Reichholf: Zum Beispiel beim Ausbau der Gewässer. Ein aufgestauter Fluss ist natürlich weit vom Naturzustand entfernt. Aber man kann den Aufstau so gestalten, dass sich in größeren Teilen des Flussbereichs mehr Natur entwickeln kann. Eine Millionenstadt wie München leistet es sich, die Isar wieder zu einem Wildfluss zurück zu bauen und in die Stadt hineinzulassen.

Das funktioniert?

Reichholf: Das funktioniert wunderbar. Man hat neue Überflutungsflächen geschaffen, die Hochwasserspitzen werden gesenkt. Das ist eine der Sternstunden des Naturschutzes.

In Wien wird Ähnliches seit langem mit dem Wienfluss versucht. Bisher ohne Ergebnis. Warum?

Reichholf: Das kann ich nicht sagen. Wobei es mich ein bisschen wundert, weil die Österreicher in der Regel flexibler sind und nicht so stur auf Vorgaben beharren.

Wie könnte man Naturschutz besser gestalten, damit er keine widersinnigen Ergebnisse erzielt?

Reichholf: Der erste Schritt müsste sein, die ganzen Maßnahmen zurückzunehmen oder stark abzumildern, die sich als nicht zielführend erwiesen haben. Also zum Beispiel den Artenschutz entrümpeln. Alle Arten sollten grundsätzlich unter Schutz stehen, dass sie nicht kommerziell genützt werden dürfen. Die private Beschäftigung sollte aber nur für einen überschaubaren Bereich eingeschränkt sein, also nur für Arten, die wirklich von Aussterben bedroht sind oder besonderen Schutz brauchen. Das heißt, dass 95 Prozent der jetzt geschützten Arten wieder zugänglich gemacht werden könnten. Dann bekommen auch jene Arten, die wirklich Schutz brauchen, den Schutz. Jetzt gehen sie ja oft unter in dem Wust von geschützten Arten.

Der zweite Schritt ist es, den Menschen wieder an die Natur heranzuführen: Also nicht einen aussperrenden Naturschutz betreiben, sondern einen Naturschutz, der die Menschen wieder in die Natur bringt.

Und das dritte wäre: Wenn wir schon so viel Subventionen an die Land- und Forstwirtschaft geben, dann sollte es sich eigentlich lohnen, dass Natur erhalten oder geschaffen wird. Und nicht, wie es derzeit praktiziert wird, dass dort viel Mais produziert werden kann. Es ist ja logisch, dass die Landwirte das machen, wo sie am meisten Gewinn rausholen können.

In Österreich wird das durch das agrarische Umweltprogramm versucht. Die Erfolge sind aber überschaubar, meinen Kritiker.

Reichholf: Das Ergebnis sind halt dann Randstreifen, die nur ein Teil einer trotz alledem konventionell landwirtschaftlich genützten Flur sind. Wenn da nur ein Streifen weniger gespritzt wird, dann ist das Kosmetik. Die Wunschvorstellung wäre, dass man zehn Prozent der Freiflächen draußen dahin bringt, dass sie nicht primär für die Nutzung bewirtschaftet werden, sondern dass sich auch die Natur reich entwickeln kann. Wenn wir schon so viele Mittel in die Land- und Forstwirtschaft hineinstecken, dann sollte man auch gleich sagen: Diese Flächen lassen wir jetzt drei oder fünf Jahre völlig aus der Produktion.

Glauben Sie, dass die Bevölkerung das unterstützen würde?

Reichholf: Da bin ich ganz sicher. Der erste Schritt dazu könnte vom Staat getan werden: Man könnte attraktive Privatwälder für eine bestimmte Zeit tauschen gegen die Nutzung in Staatsforsten. Die Bauern haben dann keinen Schaden, aber in ihren Wäldern könnte sich die Natur reich entwickeln. In Deutschland gibt aus genug landwirtschaftliche Staatsflächen. Oder Flächen, die der Bundeswehr gehören.

Auch Siedlungs- und Verkehrsflächen engen den Lebensraum für Pflanzen und Tiere immer weiter ein. Wie kann man diese Versiegelung von Boden eindämmen?

Reichholf: Indem man verhindert, dass die Nachverdichtung weiter betrieben wird. Freiflächen in den Städten, die wirtschaftlich nicht genutzt werden, verschwinden immer mehr. Das sind aber gerade die besonders artenreichen Flächen. Draußen am Stadtrand wird der Maisacker besser geschützt als die artenreichen Flächen in der Stadt: Der Maisacker darf von der Stadt nicht gefressen werden, aber die besonders artenreichen Flächen in der Stadt werden nach und nach zugebaut.

Und was ist mit den Vorstädten?

Reichholf: Die Vorstädte sind die artenreichsten Regionen überhaupt. Sie haben eine Verzahnung mit dem Umland, sie sind strukturreich. Die Böden sind mager, weil sie nicht gedüngt werden, weil keine Intensivproduktion stattfindet. Und die Menschen sind den Tieren viel gewogener als am Land draußen, wo nach wie vor zwischen nützlich und schädlich unterschieden wird.

Aber Gärten werden doch auch sehr stark gedüngt und gespritzt. . .

Reichholf: Das ist nichts gegen das, was in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Einen so hohen Stickstoffüberschuss wie auf den Feldern kriegt keine Kleingartensiedlung hin. Und was da lokal gespritzt wird – das machen ja immer noch viele – das sind punktuelle Eingriffe verglichen mit dem flächigen Spritzen in der Landwirtschaft draußen.

("Die Presse", 28.02.2010)

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