Biologie: Wetterfeste Zunge

Chamäleons haben einen Trick erfunden, der ihnen die Jagd auch in der Kälte ermöglicht.

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(c) Christopher Anderson

Chamäleons sind Meister der Tarnung, sie verbergen sich mit ihrem Farbkleid vor Räubern und Beute, ganz gleich, ob sie in Wüsten leben, wo die Temperaturen auf über 39 Grad steigen, oder in alpinen Zonen, wo sie mit Frost rechnen müssen. Aber wie können sie dort überhaupt hausen, sie brauchen Wärme von außen? Bei allen anderen wechselwarmen Tieren sinkt die Leistung – Stoffwechsel, Nervenleitung und vor allem die Dynamik der Muskeln um mindestens ein Drittel, wenn die Temperaturen um zehn Grad sinken.

Das ist bei der Sprungweite von Fröschen so, bei der Schwimmgeschwindigkeit von Fischen und beim Lauftempo von Eidechsen. Natürlich ist das auch bei Chamäleons so, aber sie laufen ohnehin nicht rasch, sie lauern auf Beute. Aber dann geht alles blitzschnell: Sie können ihre Zunge mit einer Beschleunigung von über 400 Metern pro Quadratsekunde aus dem Maul schleudern, 41 g, ein Spaceshuttle bringt es auf drei. Das schafft kein Muskel, das schafft nur die Konstruktion der Zunge, sie ist aus elastischem Material, ähnlich einem Gummiband. Das wird allmählich von Muskeln im Maul gespannt, dann schnellt es los und wird anschließend – mitsamt der Beute an der Spitze – wieder von Muskeln zurückgezogen.

Dieses Gewebe trotzt auch der Kälte. Christopher Anderson (University of South Florida) hat es experimentell an einem Chamäleon gezeigt, Ch. calyptratus. Was er mit „Pfeil und Bogen“ vergleicht, funktioniert in einem Temperaturbereich von 20Grad. Zehn Grad weniger bringen nur zehn Prozent Verlust, die Zungenmuskeln büßen in der gleichen Kälte über 40 Prozent ein. Anderson vermutet, dass es bei allen Chamäleons so ist und sie deshalb schon früh morgens jagen können, wenn es für die Konkurrenz – Eidechsen – noch zu kalt ist. Zudem könnten ähnliche Tricks bei manchen Fröschen und Käfern mitspielen, die auch in Kälte gut springen bzw. fliegen. (Pnas, 8.3.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2010)

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