CERN: Die Kollaborationsmaschine

CERN bietet nicht nur Experimente der Physik, sondern auch ein einzigartiges soziales. Die Physiker werden zu einer ,Kollaboration‘ – so nennen sie es selbst –, die die Maschine ja auch entworfen hat.

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(c) EPA (Salvatore Di Nolfi)

Als am 17. Februar die erste Publikation einer der Gruppen erschien, die am weltgrößten Teilchenbeschleuniger – dem LHC im CERN – arbeitet, erhielt er für Fachleute die Überraschung, dass bei dem Experiment ein wenig mehr Mesonen angefallen waren als erwartet. Laien staunten über etwas anderes: Die Liste der Autoren füllt 15 Seiten mit 2.200 Namen, die in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Herkunftsländer angeführt sind, von V. Khachatryan aus Armenien bis M. Weinberg aus den USA.

„Das ist mehr als eine Konvention, es ist auch ein Trick, um Synergien freizusetzen und die Kollaboration zu stärken“, erklärt Karin Knorr Cetina, gebürtige Grazerin, die an der Uni Konstanz als Soziologin forscht und seit 30 Jahren die Arbeitsweise bei CERN mit einem soziologischen/ethnologischen Blick begleitet. Dabei geriet sie in eine „uns fremde, hoch esoterische und spezialisierte Welt“, die sie mit dem Superorganismus eines Bienenstaats vergleicht. Im Zentrum steht eine Maschine, die von ihrer schieren Größe und Komplexität her Heerscharen höchst qualifizierter Bediener erfordert: Der CMS-Detektor etwa, von dem die Daten der 2200-Mann-Publikation stammen, ist 22 Meter lang und 12,5 Tonnen schwer, in ihm stecken über 15 Jahre Entwicklungsarbeit.

„Die Physiker bewohnen quasi das Gebäude zusammen mit dem Detektor“, beschreibt Knorr Cetina die eigenartige Koexistenz: CERN ist eine Welt für sich, dort essen und schlafen die Forscher auch – das Gebiet ist sogar exterritorial, die Schweizer Polizei hat keinen Zutritt –, insgesamt sind es für die Experimente am LHC um die 3000.

Die leben in einem Zusammenhang des Wissens, der vom Experiment bzw. der Maschine gestiftet wird: „Die Maschine ist zentral, man muss zu ihr hin, muss sie zum Funktionieren bringen“, erklärt Knorr Cetina, „aber es ist nicht so, dass die Physiker zu Robotern oder Hilfsknechten werden, es ist ein wechselseitiger Zusammenhang. Die Physiker werden zu einer ,Kollaboration‘ – so nennen sie es selbst –, die die Maschine ja auch entworfen hat.“ Mit der identifizieren sie sich stark, manche haben von Alpträumen berichtet. „Das war wörtlich gemeint, aber auch übertragen: Wenn einer einen Fehler macht, wirft das das Ganze zurück.“

 

Selbstorganisation und -kontrolle

Umgekehrt duldet die auf Tausende geteilte Verantwortung bzw. das ihr zugrunde liegende Wissen kaum Hierarchien. Die Kollaboration funktioniert nicht wie eine Firma – es können nicht alle Details an einer Spitze zusammenkommen, und in Gegenrichtung würden keine Anweisungen geduldet – sie organisiert sich selbst, in „Meetings“, in denen die Gruppen einander informieren. Und kontrollieren: Die Publikation im Februar wurde intern monatelang debattiert, im Fachjournal ging sie in vier Tagen durch – wer soll auch noch gutachten, wenn (fast) alle Kundigen am Experiment beteiligt sind?

Am Ende ordnen sich alle nach dem Alphabet ein (unvorstellbar in der zweiten Leitwissenschaft, der Molekularbiologie, in der wild umkämpft ist, wer an welcher Stelle der Autoren einer Publikation aufscheint). Allerdings informieren viele auch für sich, in Blogs. Was das für die Zirkulation des Wissens bedeutet, will ein 20-köpfiges Sozialwissenschaftsteam – 20 (!) sind extrem viele – demnächst erkunden (Nature 464, S.482).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2010)

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