Biochemikerin: "Die Bibel ist keine Lektüre für Kinder"

Die Biochemikerin Renée Schröder sprach mit der "Presse am Sonntag" über ihre Jugend, die Entwicklung des Lebens, die Unabwendbarkeit der Gentechnik und die Grausamkeiten der Bibel.

Biochemikerin Bibel keine Lektuere
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Biochemikerin Bibel keine Lektuere
Schroeder – (c) Michaela Bruckberger

Sie forschen an der RNA – einem der ersten Bausteine des Lebens. Hätte Leben auch ganz anders aussehen können?

Renée Schröder: Stephen Jay Gould hat einmal ein Gedankenexperiment angestellt. Er hat sich gefragt: Wenn wir die gesamte Evolution noch einmal ablaufen lassen könnten, von Anfang an – würde dann das Gleiche entstehen? Die Frage ist mit ziemlicher Sicherheit mit Nein zu beantworten. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass noch einmal exakt das Gleiche abläuft, extrem gering ist.

Auch auf dieser basalen Ebene der DNA? Ganz am Beginn der Entwicklung des Lebens?

Man weiß nicht, ob der genetische Code eine chemische Notwendigkeit darstellt. Es gibt jedenfalls keinen Hinweis darauf, und nach derzeitigem Erkenntnisstand glaubt man eher, dass es nicht so ist. Wir nennen das einen eingefrorenen Zufall: Es gibt ein zufälliges Ereignis, aus dem sich etwas weiterentwickelt – und irgendwann ist die Entwicklung so weit fortgeschritten, dass es kein Zurück mehr gibt. Wenn man es verändern wollte, würde zu vieles, was sich daraus entwickelt hat, nicht mehr funktionieren. Das heißt nicht, dass Leben zwangsläufig eine DNA braucht. Wie gesagt: Würde der Prozess noch einmal ablaufen, ginge die Wahrscheinlichkeit, dass er sich wiederholt, gegen Null. Null selbst wird es freilich nicht sein, denn Null gibt es nicht, das ist ja nur ein nützliches Werkzeug der Mathematiker.

 

Also wenn eine Entscheidung einmal getroffen ist, ist sie nicht mehr umkehrbar.

So würde ich das nicht ausdrücken. Diese Formulierung geht mir zu sehr von einem Plan aus, von jemandem, der Entscheidungen trifft, etwas will. Ein Ziel und ein Wollen also. Der Glaube an so einen Plan ist tief in uns verwurzelt. Die Entwicklung des Lebens ist aber kein Prozess, der zielgerichtet verläuft. Allerdings gibt es Zusammenhänge, und die wollen wir erkennen. Wir wollen ja wissen, woher wir kommen, wie wir aufgebaut sind, wie wir funktionieren. Und da ist die Biochemie ein sehr nützliches Gebiet: Wenn wir in der Genetik die verschiedenen Organismen vergleichen, dann erkennen wir, dass alle die gleiche Sprache sprechen – das legt nahe, dass wir alle von einer gemeinsamen Urzelle abstammen.

 

Jetzt stellt sich noch die Frage, wie die ersten Aminosäuren entstanden sind: In der Ursuppe durch Blitzschlag? Oder sind sie nicht doch in Meteoriten auf der Erde gelandet?

Chemisch gesehen ist das irrelevant, weil es das Problem, wie Leben entstanden ist, ja nur örtlich verschiebt: Ob auf der Erde oder anderswo ändert für mich nicht viel. Ich denke, es ist der reine Egozentrismus, der uns da beschäftigt: Nachdem wir von Kopernikus erfahren mussten, dass wir uns nicht im Mittelpunkt des Universums befinden, und von Darwin, dass wir ein Produkt der Evolution sind, wäre das eine weitere Kränkung: dass nicht einmal das Leben selbst auf der Erde entstanden ist. Wir sind zu sehr auf uns selbst bezogen. Das zeigt sich auch in den Religionen.

 

Gott ist immer menschenähnlich.

Der Mensch ist gar nicht in der Lage, sich etwas Göttliches vorzustellen, das nicht menschenähnlich ist. Anton Zeilinger hat einmal bei einer Podiumsdiskussion gesagt: „Gott spielt mit uns Verstecken.“ Ein Gott, der Verstecken spielt! Menschlicher und männlicher geht es ja kaum mehr! Platon hat einmal gesagt, würde man einen Esel fragen, wie Gott aussieht, dann würde er einem Esel gleichen. Die Unfähigkeit, dieses Etwas in einer nicht personifizierten Form darzustellen, führt für mich dazu, dass ich Götterbilder überhaupt ablehne. Ich finde es auch nicht gut, wenn man Kindern da etwas vormacht.

 

Als meine ältere Tochter vier war, hat sie ein Bilderbuch von Disneys „König der Löwen“ in die Hand bekommen. Da gibt es eine Seite, wo der alte Löwe auf einer Wolke sitzt, im Himmel sozusagen. Sie hat gemeint: Das will ich auch haben, wenn ich einmal sterbe. Da habe ich ihr eine Kinderbibel besorgt.

Ich glaube nicht, dass die Bibel die richtige Lektüre für Kinder ist: Die Arche Noah ist die Beschreibung eines Genozids! Das ist ja unglaublich grausam. Die Geschichte geht im Übrigen interessant weiter: Als Noah endlich gelandet ist, baut er Wein an. Er betrinkt sich und liegt dann entblößt im Zelt. In diesem Zustand findet ihn einer seiner drei Söhne – und erzählte es den anderen, die ihn dann zudecken. Und jetzt kommt das Wichtige: Als Noah aufwacht und erfährt, was dieser Sohn ihm „angetan“ hat, wird er zum Sklaven erklärt – und nicht nur er, sondern auch alle seine Nachkommen. Das ist genau das, was der Papst jetzt mit den Missbrauchsopfern auch macht: Betrunken und entblößt hat sich Noah. Aber der, der ihn dabei gesehen hat und es weitererzählt, wird bestraft. Das ist noch immer so! Täter-Opfer-Umkehrung. Da kann man doch nicht sagen, das sei ein tolles Buch, aus dem man einen Verhaltenskodex ableiten solle.

Viele Leute, auch Atheisten, meinen, die Bibel sei die Basis unserer Kultur.

Kultur ist für mich etwas anderes. Kultur bedeutet für mich, dass man zwar seine Triebe erkennt und auch versteht, warum sie vielleicht einmal evolutionär wichtig waren – aber dass man eine soziale Lebensform anstrebt und auf dem Weg dorthin gegen diese Triebe ankämpft. Die Angst vor Fremden zum Beispiel: Als mein Sohn zehn Monate alt war, sind wir auf einem Spaziergang einem Schwarzen begegnet – und er hat gebrüllt. Es war mir furchtbar peinlich, aber das ist eben in uns. Jetzt kann man das als evolutionäres Relikt verstehen und dagegen angehen – oder man kann die Ängste noch schüren, wie das die FPÖ macht. Und übrigens auch die Grünen, wenn sie vor den bösen fremden Genen warnen.

 

Ist es nicht etwas prinzipiell anderes, ob ich die Angst vor einem fremden Menschen schüre oder Angst vor einer neuen Technik?

Man soll keine Angst vor der Technik haben – man soll sie beherrschen lernen und sich fragen, ob sie sinnvoll ist oder nicht. Die Gentechnik ist nicht abzuwenden. Aus der Medizin ist sie nicht mehr wegzudenken. In Wirklichkeit ist sie fast überall akzeptiert: Tampons, Euroscheine – die bestehen aus gentechnisch veränderter Baumwolle. Die Falschinformationen werden bewusst politisch genützt – und daher rühren die Ängste. Es ist eben die Angst vor dem Fremden oder Unbekannten oder Neuen.

 

Es geht Ihnen also darum, dem überholten evolutionären Erbe so etwas wie Informationen entgegenzusetzen.

Es geht darum, Muster zu erkennen und aufzubrechen. Der Mensch neigt zum Beispiel dazu, kausale Verbindungen zwischen zwei Ereignissen herzustellen, die nur temporär verknüpft sind. Wie der pawlowsche Hund, der speichelt, sobald eine Glocke ertönt. Ein Arzt hat mir erzählt, dass Krebspatienten das, was sie am Beginn ihrer ersten Chemotherapie zu sich nehmen, nie wieder essen können. Der Körper merkt sich das. Auch wenn man weiß, dass die Nahrung nichts mit der Übelkeit zu tun hat! Das ist natürlich ein Extrem, aber es gibt viele solcher Muster. Auch die Angst vor Veränderungen kommt zum Teil daher. Die Menschen erinnern sich an einen Abschnitt ihres Lebens, der besonders glücklich war. Oft ist es die Kindheit. Dieses Glücksgefühl prägt. Und wenn sie sich heute nicht mehr so glücklich fühlen, machen sie die Veränderungen dafür verantwortlich: die Technik zum Beispiel.

Was ist mit Ihrer eigenen Kindheit? Sie sind in Brasilien geboren – wollten Sie nie wieder zurück?

Nein, dabei habe ich viele schöne Erinnerungen. Ich denke, ich habe so einiges von Brasilien mitgenommen: die Lebensfreude zum Beispiel. Die Menschen dort haben wirkliche Probleme – und nehmen sie einfach nicht so ernst. Und ich quatsche jeden an, was meinen Kindern manchmal peinlich ist. Ich kann mir eben nicht vorstellen, stundenlang jemandem im Zug gegenüberzusitzen und nicht mit ihm zu sprechen. Brasilien war schön: Aber als ich mit 14 nach Österreich gekommen bin, war ich trotzdem erleichtert. In Brasilien dachten die Mädchen in dem Alter schon ans Heiraten und daran, Kinder zu bekommen! In Bruck an der Mur bin ich in die Klasse gekommen und habe gleich gemerkt: Das waren auch noch Kinder! Die befetzten sich mit dem Schwamm! Da fühlte ich mich sehr wohl. Ich habe gute Erfahrungen gemacht in Österreich. Auch mit den Wienern, wenn man von ein paar Kriegswitwen absieht, die glaubten, aufpassen zu müssen, dass man sich ordentlich benimmt und sich an die Hausordnung hält. Die Wiener, wie ich sie kenne, sind nicht eitel und sie sind sehr tolerant. Ich finde, so wie Wahlkämpfe zum Teil ablaufen, welche Sprache verwendet wird – das haben sich die Wiener einfach nicht verdient.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2010)

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