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Biologie: Auch die Kultur moduliert Gene

16.08.2010 | 21:25 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

In nur 4000 Jahren hat sich eine Genvariante, die das Leben in großer Höhe erleichtert, durch 90 Prozent der Tibeter verbreitet, so rasch wurde noch kein Gen positiv selektiert. Die Variante ist höchst überraschend

In nur 4000 Jahren hat sich eine Genvariante, die das Leben in großer Höhe erleichtert, durch 90 Prozent der Tibeter verbreitet, so rasch wurde noch kein Gen positiv selektiert. Die Variante ist höchst überraschend - sie senkt die Zahl der roten Blutzellen, die Sauerstoff transportieren -, ihr Fund ist es fast noch mehr. Denn der große Gen-Hype ist vorbei: Die Sequenzierung des Humangenoms anno 2001 hatte die Hoffnung auf Fischzüge bei den Genen beflügelt, die unseren Ahnen nach Erwanderung der Erde vor etwa 70.000 Jahren beim Anpassen an unterschiedlichste Umwelten half.
Man identifizierte auch Kandidaten-Genregionen, und wie: 2006 stand man bei 1800 Genen, 2009 erhöhte man auf 2465. Aber das waren grobe Regionen, die Gene fand man nicht, es blieb bei den alten Musterbeispielen von Laktosetoleranz bei den Europäern und Alkoholintoleranz bei Ostasiaten. Hinzugekommen war nur eine erhöhte Kopienzahl eines Gens für das Enzym Amylase in der Spucke von Asiaten, es hilft beim Verarbeiten der Stärke im Reis.
So war es nach dem Höhepunkt 2009 mit dem Optimismus bald vorbei: Offenbar sind große Spuren im Genom selten - selbst Katastrophen wie die Pest haben keine hinterlassen -, zumindest sind sie mit den bisherigen Methoden schwer zu fassen. Das mag daran liegen, dass diese Methoden das Genom als Ausgangspunkt nahmen und nach einzelnen Genen suchten („harte" Selektion).

 

„Weiche" Selektion

Inzwischen setzt man eher auf „weiche" Selektion - bei der mehrere Gene mit Veränderungen zusammenspielen - und lässt sich von den Herausforderungen der Umwelten leiten. Wer hoch im Norden lebt, hat mit wenig Nahrung, wenig UV-Strahlung (für Vitamin D) und viel Kälte zu kämpfen. Was ist das Wichtigste, worauf wurde selektiert? Auf Anpassungen an die Kälte (Pnas, 107, S. 8924). Andere Gene sind in Regionen wichtig, in denen Menschen sich überwiegend von Wurzeln ernähren, wieder andere dort, wo Getreide wächst (Science, 329, S. 740).
Nun kommt noch eine Umwelt hinzu, die des Sozialen. Sie beeinflusst ein Gen für ein Hormon, das für sozialen Kitt sorgt, Oxytokin. Das hilft Frauen beim Gebären und Milchgeben, es stärkt auch andere Bande, gilt als Hormon der Treue und des Vertrauens.
Aber nicht alle Kulturen behelligen Mitmenschen mit Vertraulichkeiten. Im Westen tut man das eher, in Ostasien ist es tabu, das spiegelt sich in den Oxytokin-Genen. Sie kommen in zwei Varianten, eine ist in Korea häufiger, die andere in den USA. Dort lässt sie Amerikaner in Not offenherzig bei Freunden Beistand suchen. Es gibt die Variante auch in Korea, aber erstens ist sie selten, und zweitens wirkt sie nicht, auch in Not sucht man keine Hilfe (Pnas, 16. 8.).


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