Der Stress junger Kohlmeisen

Erstmals wurden an Kohlmeisen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten die Stresshormone gemessen: Schüchterne Küken haben einen dauerhaft erhöhten Wert.

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Stress junger Kohlmeisen
Kohlmeise – (c) AP (JENS MEYER)

Wer mehr als ein Haustier besitzt, weiß, dass jedes Tier seine eigene Persönlichkeit hat. Die eine Maus ist mutiger als ihre Schwester, die eine Schildkröte verlangt mehr Streicheleinheiten als ihr Vorgänger. Solche Verhaltensweisen – oder Charakterzüge – fallen nicht nur Haustierbesitzern auf. Auch die Wissenschaft forscht intensiv an der Persönlichkeit von Tieren: Eine Gruppe der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat nun gemeinsam mit holländischen Forschern untersucht, wie bei Kohlmeisen die Persönlichkeit mit dem Hormonhaushalt zusammenhängt.

Seit 1996 züchtet die Gruppe um Pieter Drent in Holland Kohlmeisen, die entweder besonders mutig und neugierig sind (schnell reagierende Vögel) oder besonders schüchtern und vorsichtig (langsam reagierende Vögel). Die Basis dieser Persönlichkeitsunterschiede, ob die Tiere mehr oder weniger risikobereit sind, liegt also zum Teil in den Genen.

Da aber Risikoverhalten und Konzentration von Stresshormonen auch in Zusammenhang stehen können, hat das Team um Mareike Stöwe dies erstmals an jungen (13 Tage alten) Kohlmeisen untersucht. Dank einer an der Biochemie der VetMed-Uni Wien entwickelten Methode muss dafür den Vögeln kein Blut abgenommen werden: Die Hormonwerte werden aus dem Kot der Nestlinge bestimmt. „Singvogeljungen präsentieren, nachdem sie gefüttert wurden, ihren Kot den Elternvögeln, die diesen dann im Schnabel wegtragen. Das erleichtert auch bei handaufgezogenen Vögeln das Sammeln der Kotproben“, erläutert Stöwe.

Im Labor wurden etwa 50 Kohlmeisenjungen aus den Zuchtlinien der „schnellen“ und „langsamen“ Vögel ohne ihre Eltern aufgezogen. Dabei saßen jeweils vier Jungen gemeinsam in einem Nest im Brutkasten. Sie wurden jede halbe Stunde gefüttert, gleichzeitig wurden Kotproben gesammelt. Dabei wurden zwar die Nester, nicht aber die Vögel in der Hand gehalten. Denn das Angreifen der Kohlmeisen löst in ihnen Stress aus. Folglich wurde das „In-die-Hand-Nehmen“ als Testmethode gewählt: „Für den Stresstest nahmen wir die Jungen aus dem Nest und hielten sie eine Minute lang in der Hand. Wieder zurück im Nest wurden die Jungen wie an Kontrolltagen gefüttert und Kotproben gesammelt.“

Bei den Kohlmeisen, die besonders mutig sind, stieg die Konzentration an Stresshormonen (Kortikosteron-Werte) nach dem „Handling“ steil an. Bei den vorsichtigeren Meisenjungen erhöhte sich der Kortikosteron-Wert nicht so dramatisch. „Das kann daran liegen, dass der Grundwert dieser Stresshormone bei den vorsichtigen Vögeln bereits ohne akuten Stress relativ hoch ist. Vielleicht erreichen sie mit diesem Anstieg der Hormone schon das Maximum, das für den Körper möglich ist“, mutmaßt Stöwe.


Welche Auswirkungen? Eigentlich wirken sich hohe Konzentrationen von Stresshormonen (über längere Zeit) negativ auf die Entwicklung von Tieren aus: Das Wachstum wird eingeschränkt, das Immunsystem geschwächt und die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten (Kognition) verlangsamt. „Daher ist die Frage: Wie schaffen es Jungtiere, mit diesen hohen Kortikosteron-Konzentrationen umzugehen?“ Es könnte mit hormonbindenden Molekülen zu tun haben, dass derart hohe Werte auf die Entwicklung der jungen Vögel trotzdem keine zu große Auswirkung haben.

„Interessant war, dass die mutigeren Kohlmeisen an Kontrolltagen ohne akute Stresssituation viel niedrigere Stresshormonwerte haben – auch niedriger, als wir es bei jungen Tieren, die natürlich im Wienerwald vorkommen, gemessen haben.“ Anscheinend ging mit der Zucht auf forscheres Verhalten eine Abnahme der Stresshormone einher. „Insgesamt haben aber alle, auch die Mutigeren, viel höhere Werte als erwachsene Kohlmeisen“, so Stöwe.

Bei Jungtieren (und ihrem hohen Stresshormon-Level) muss nun weiter geforscht werden: Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Und welche Vorteile haben hohe bzw. niedrige Hormonwerte für schüchterne bzw. neugierige Kohlmeisen? Die Schüchternen verstecken sich länger, wenn Gefahr droht, die anderen kommen dafür schneller an Futter. Also beides Strategien, die das eigene Überleben sichern... Wer ein Vogelhäuschen hat, kann solche Verhaltensunterschiede der Meisen oft selbst beobachten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2011)

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