Neandertaler schmückten sich mit Federn

Ein Fund in der italienischen Fumane-Höhle zeigt, dass unsere Brüder die Vögel nicht nur alltagspraktisch nutzten – Fleisch zum Essen, Knochen für Werkzeuge – sondern auch als Lieferanten für symbolische Zeichen.

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(c) REUTERS (NIKOLA SOLIC)

Zogen Neandertaler mit Federschmuck in Kriege wie die nordamerikanischen Indianer? Oder verehrten sie ihre Götter mit Federkronen wie die Azteken? Ganz so absurd sind die Fragen nicht: Ein Fund in der Fumane-Höhle in den italienischen Voralpen deutet darauf, dass Neandertaler von manchen Vögeln weder das Fleisch noch die Knochen nutzten, sondern ausschließlich Federn, die großen der Flügel. Federn hatten und haben in allen menschlichen Kulturen symbolische Bedeutung, nicht nur in „primitiven“, auch bei uns schmücken Frauen sich selbst mit Boas und Weidmänner ihre Hüte mit Beute. Aber dabei geht es eben um Menschen und Kultur, und beides hat man den Neandertalern lange abgesprochen.
sDass sie Menschen waren, ist inzwischen unstrittig, heute zeigt es die Molekularbiologie. Aber auch unsere Ahnen sahen es so und paarten sich mit ihnen: Zwei bis vier Prozent unserer Gene haben wir von ihnen, Svante Pääbo (MPI Evolutionäre Anthropologie,  Leipzig) wies es letztes Jahr mit der Sequenzierung des Neandertaler-Genoms bzw. dem Vergleich mit unserem nach. Und dass sie elaborierte Alltagstechniken beherrschten, ist auch geklärt; sie waren gute Jäger, hatten ein komplexes Sozialleben etc. Aber hatten sie zudem die höheren Techniken, die wir „Kultur“ nennen, hatten sie all das, was von Symbolen und Abstraktion lebt: Sprache, Kunst, Religion?
Bei der Sprache wird es sich nie klären lassen – immerhin hatten die Neandertaler das Gen, das mit unserer Sprachfähigkeit in Verbindung gebracht wird, FOXP2. Bei der Religion braucht es neue Funde – es gibt umstrittene Hinweise darauf, dass Neandertaler ihre Toten bestatteten. Aber bei der Kunst zeigte sich schon in Spanien, dass Neandertaler Schmuck fertigten, aus Muschelschalen, vor 50.000 Jahren. Auch die frühesten Hinweise auf Kultur bei Homo sapiens stammen von Schmuck aus Muscheln, er wurde in Marokko angefertigt, vor 90.000 Jahren.

Adler, Geier, Falken, Tauben

Da waren die Neandertaler schon lange in Europa, Homo sapiens kam erst vor 40.000 Jahren, auch in die Fumane-Höhle; er hinterließ Zeugnisse seiner Kultur, ornamentale Objekte und bemalte Steine. Aber der erste Nutzer der Höhle war er nicht, vor ihm lebten Neandertaler dort. In diesen Schichten fand ein Team um Marco Peresani (Ferrara) nun 44.000 Jahre alte Vogelknochen, die Spuren menschlicher Bearbeitung zeigen (Pnas, 21. 2.). Zu deren Nachweis braucht es feinste Analyse, denn die Höhle war periodisch auch von Tieren bewohnt, Bären und Füchsen. Aber zu deren Zähnen passen die winzigen Kratzer auf den Vogelknochen nicht. Sie entstanden, als Neandertaler die Federn entfernten, etwa bei Adlern, Geiern und Falken – Fleisch von Raubvögeln ist nicht essbar –, oder bei Tauben, die munden zwar, aber an den Flügeln ist kaum Fleisch, warum hätten just diese Knochen abgeschabt werden sollen?
Zur Stabilisierung von Pfeilen im Flug? Die Neandertaler hatten keine Pfeile, sie müssen die Federn für anderes gebraucht haben: „Alles deutet auf die symbolische Sphäre und darauf, dass diese eingesessene Population ein modernes Verhalten hatte, lange bevor die modernen Menschen (H. sapiens, Anm.) nach Europa kamen“, schließen die Forscher. Damit wird immer rätselhafter, warum die Alten verschwanden – körperlich, in einem Teil ihrer Gene sind sie ja da –, als die Neuen einwanderten.

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