Beim Wort „Schatzfund“ denkt man unwillkürlich an Millionen. Erst recht, wenn von Gold die Rede ist. Da klingt es beinahe enttäuschend, dass der Schatz, der beim Ausheben eines Biotops in der Nähe von Wiener Neustadt gefunden wurde, vom Bundesdenkmalamt (BDA) bloß auf „mehrere zigtausend Euro“ Wert geschätzt wird.
Für die Wissenschaft sind Eurobeträge freilich keine relevante Kategorie. Der jüngste Fund gehöre zu den „bedeutendsten Schatzfunden Europas“, kommentiert Thomas Kühtreiber vom Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er hat Erfahrung damit: Er hat den letzten vergleichbaren Schatzfund Österreichs, 1997 im oberösterreichischen Fuchsenhof, bearbeitet. Dieser bestand vorwiegend aus Münzen; der jüngste Fund hingegen besteht vorallem aus hochkarätigen Kunstobjekten.
„Das sind High-End-Produkte für höchste Konsumenten-Schichten, für die Upper-Class“, so Kühtreiber. Die Qualität der Verarbeitung sowie die Materialien – vergoldetes Silber, Halbedelsteine, Email, Korallen – deuten auf Abnehmer wie den Adel oder sehr begüterte Geistliche hin.
Die Funde – 153 Stücke und 75 Kleinstfragmente – sind großteils Fingerringe, Gewandspangen und Gürtelschnallen, aber auch Gefäßteile und Tafelbesteck. Von der Gestaltung her seien die Stücke typisch für den internationalen Stil, der in den Jahrzehnten um das Jahr 1300 vorherrschend war. „Dieser war zwischen dem Schwarzen Meer und Irland sehr ähnlich, die Goldschmiede waren international vernetzt“, erläutert der Experte.
Diffizile Untersuchungen. Regionale Unterschiede gebe es höchstens in Nuancen. Laut einer ersten Beurteilung deuten manche Details auf Einflüsse aus dem ostmitteleuropäischen Raum sowie aus Frankreich hin.
Mit der genauen Untersuchung – die Kühtreiber zufolge drei bis vier Jahre dauern werde – wurde noch nicht begonnen, es wurden auch noch keine Materialanalysen durchgeführt. Besonders interessant werde die Interpretation der Inschriften und eingravierten Buchstaben werden – aber das sei eine „sehr diffizile Angelegenheit“, sagte die BDA-Chefin Bettina Neubauer Anfang dieser Woche bei der Präsentation des Fundes. Bei der Auswertung werde man mit Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland zusammenarbeiten.
Warum sind derartige Funde so selten? Das hänge vor allem damit zusammen, dass gebrauchte Metallstücke meist wieder eingeschmolzen wurden, sagt Kühtreiber – lediglich in Schatzkammern, etwa in Klöstern, seien ähnlich qualitätsvolle Stücke überliefert.
Die Forscher erhoffen sich sehr viel von der Analyse. Zum einen wird versucht, einen Konnex zu Schriftquellen aus Wiener Neustadt herzustellen – dann kann man vielleicht auch Konkreteres über die Geschichte des vergrabenen Schatzes herausfinden. Zum anderen hofft man auf neue Erkenntnisse zur Herstellungstechnik. Kühtreiber: „Das 13. und 14. Jahrhundert war ein Zeitalter technischer Innovationen.“
153 Stücke wurden beim Graben eines Biotops entdeckt, nur wenige 100 Meter neben einer alten Fernhandelsstraße von Polen über Wien nach Venedig. Hergestellt wurden die Fundstücke zwischen 1250 und 1350. Die genaue Erforschung beginnt erst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)
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