Vormenschen: Frauen wanderten weiter als Männer

Aus Zähnen lesen Anthropologen, dass bei Australopithecinen die Geschlechter unterschiedlich heimattreu waren.Untersucht wurde die Verteilung der Strontium-Isotope in den Zähnen.

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(c) APA (United Exhibits)

Die Männer jagten und streiften umher, die Frauen sammelten und blieben eher daheim: Dieses Bild unserer Vorfahren ist weit verbreitet. Anthropologen um Sandi Copeland (Max-Planck-Institut Leipzig) widersprechen ihm nun: Bei den Australopithecinen (die vor 3,5 bis 1,8 Millionen Jahren in Afrika lebten; das bekannteste Fossil ist „Lucy“) seien die Frauen weiter herumgekommen als die Männer.

Woher wollen sie das wissen? Sie haben fossile Zähne untersucht, die in Höhlen aus Dolomitgestein gefunden wurden. Genauer: die Verteilung der Strontium-Isotope in den Zähnen. Dolomit hat nämlich eine typische Verteilung. Der Zahnschmelz der männlichen Individuen zeigt nun genau diese Verteilung, während die Zähne der weiblichen Australopithecinen ein anderes Strontium-Muster haben, das für Regionen typisch ist, die einige Kilometer weit entfernt sind (Nature, 474, S.76).

Daraus schließen die Anthropologen, dass die Männer eher in den Höhlen oder in deren Nähe blieben, während die Frauen vor allem in ihrer Jugend – denn dann bildet sich der Zahnschmelz – einen größeren Wirkungsradius hatten. Das sei wohl damit zu erklären, dass sie als Heranwachsende ihre Gruppe verließen, um sich anderswo Partner zu suchen. So „exogam“ verhalten sich die Weibchen bei den Schimpansen, aber auch die Frauen in etlichen menschlichen Kulturen. Bei den meisten anderen Primaten wandern eher die Männchen.

Die Analyse beruht allerdings auf einer Prämisse: dass bei den Australopithecinen die Männer signifikant größere Zähne hatten als die Frauen. Es wurden nämliche einfach größere Zähne als männlich und kleinere als weiblich betrachtet. tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2011)

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