EU-Projekt: Die Zukunft von Amazonien

08.10.2011 | 17:48 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Diese Woche wurde ein EU-Projekt gestartet, in dem die Bedrohung des Amazonasbeckens durch Klimawandel und Entwaldung erforscht wird. Auch Grazer Forscher sind beteiligt.

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Das Amazonasbecken ist ein Ökosystem der Superlative: Entwässert wird das 5,8 Millionen Quadratkilometer große Gebiet durch das größte Flusssystem der Welt, Schätzungen zufolge wachsen dort zehn bis 15 Prozent der globalen Biomasse, rund ein Drittel aller Arten haben dort ihre Heimat, die Pflanzen gelten als größter Sauerstoffproduzent auf Erden, die Region ist zudem die größte CO2-Senke – und gleichzeitig die größte Quelle für das potente Treibhausgas Lachgas (N2O).

Dieser Lebensraum ist bedroht – unter anderem durch die voraussichtlichen Folgen des Klimawandels und durch fortschreitende Nutzungsänderung bzw. Entwaldung. In den letzten Jahren sind unzählige Details erforscht worden, doch ein Gesamtbild über die großen Zusammenhänge hat derzeit niemand. So sind auch die Rückkoppelungen der Vorgänge in Amazonien auf globale Prozesse weitgehend unbekannt.

Die Synthese der vielen Puzzlesteine ist das Ziel des diese Woche gestarteten EU-Projekts „Amazalert“, in dem 14 Forschergruppen aus sechs europäischen und vier südamerikanischen Ländern zusammenarbeiten. Aus Österreich sind Experten von Joanneum Research beteiligt.

Erforscht werden zum einen die naturwissenschaftlichen Grundlagen – vom Klimawandel über den Wasser- und Nährstoffkreislauf bis hin zu biologischen, ökologischen und biochemischen Fragestellungen. Zum anderen werden auch die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen analysiert. Das allein wäre freilich noch nichts Neues: Zentral beim Amazalert-Projekt sind die vielfältigen Wechselbeziehungen und Feedbacks zwischen den einzelnen Faktoren.


Konflikte bei Landnutzung. Gudrun Lettmayer (Joanneum Research) erläutert das am Beispiel der Landnutzung: „Die Landnutzung, die ja in Brasilien besonders konfliktträchtig ist, hat gesellschaftliche und wirtschaftliche Gründe, aber auch naturräumliche Voraussetzungen und Folgen“, sagt die Geografin. Wenn z.B. ein Wald in eine Weide verwandelt wird, dann ändern sich dadurch nicht nur die Strahlungsverhältnisse, der Wasserhaushalt oder der Gasaustausch, sondern auch die Möglichkeiten des Ökosystems, Dienstleistungen für den Menschen zu erbringen. Gesellschaftliche Prozesse sind also – neben den natürlichen Vorgängen – eine Ursache der Veränderungen, gleichzeitig bestimmten sie aber wesentlich mit, wie Ressourcen genutzt werden können.

Was dabei entscheidend ist: Jede Nutzergruppe hat andere Einflussmöglichkeiten und andere Erwartungen für die Nutzung. „Indigene Völker haben andere Interessen als Bauern, Minengesellschaften andere als Großgrundbesitzer“, so Lettmayer. Daher sollen in das Projekt in allen Stadien alle relevanten „Stakeholder“ eingebunden werden – das ist eine der Hauptaufgaben der Grazer Forscher.

Die EU als Hauptfinancier des mit 4,7 Millionen Euro budgetierten dreijährigen Amazalert-Projekts erwartet sich vor allem zwei Ergebnisse: erstens detaillierte Szenarien über die künftige Entwicklung des Amazonasbeckens – als Grundlage für (klima-)politische Entscheidungen – und zweitens ein Frühwarnsystem, sobald sich ein irreversibler Waldverlust ankündigt.

LEXIKON

Entwaldung.
Bevor der Mensch sesshaft wurde, waren rund 6,2 Milliarden Hektar der Erdoberfläche mit Wald bedeckt. Heute sind es zwischen 3,5 bis 3,9 Milliarden Hektar.


In vielen Tropenwäldern geht die Entwaldung bis heute weiter. In Europa hingegen nimmt die Waldfläche seit einigen Jahrzehnten wieder deutlich zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)

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