Menschen pflegen mit Tieren unterschiedlichste Beziehungen. Wo soll da die Forschung ansetzen?
Ludwig Huber: Wir wollen die Mensch-Tier-Beziehung vielfältig verbessern: Je mehr man über die emotionalen und kognitiven Fähigkeiten der Tiere weiß, umso größer wird unser Respekt sein. Welche sozialen Bedürfnisse haben Nutz- und Versuchstiere, wie muss die Umgebung angereichert sein? Zum Wohlbefinden zählt nicht nur, dass Hunger und andere Triebe gestillt werden, sondern dass die Tiere auch geistig und emotional reifen können.
Am wichtigsten ist vielen Menschen wohl die Beziehung zum eigenen Haustier.
Das ist auch eine unserer Fragen: Hier geht es z.B. um Überprotegierung und Vermenschlichung von Tieren, besonders bei Hunden und Katzen. Eine der Hauptgefahren ist, dass man das Tier zu kleinen Menschen macht und Dinge hineininterpretiert, die nicht da sind. Eine andere Frage ist die Verbannung ganzer Tiergruppen, z.B. der „Kampfhunderassen“ in Wien. Dem liegt ein vollkommen falsches Verständnis zugrunde. Mein Motto ist: Das tierwürdige Dasein sollte über die tierische Leistung gestellt werden. Dass das Tier nur eine Leistung erbringen soll – ob als Nutztier, Labortier oder Haustier – ist eine sehr anthropozentrische Sichtweise, wo noch viel Wissen und Verständnis für das Tier fehlt.
Was ist unter „naturwissenschaftlichen Grundlagen von Tierschutz“ zu verstehen?
Unser Augenmerk liegt auf Fähigkeiten von Tieren im Bereich Kognition, Tierpsychologie und Sozialverhalten. Dazu kommen physiologische Faktoren wie hormonelle und neuronale Steuerung, Stressfaktoren und auch pathologische und genetische Einflüsse. All das ist für das Wohlbefinden relevant. Aber wir erstellen auch vergleichende Persönlichkeitsprofile von Menschen und ihren Tieren, um zu schauen, wo es Probleme geben könnte.
Bei Hunden erforschen wir auch das Altern: Was beeinflusst die geistige Entwicklung in den ersten Monaten? Wie fördert man kognitive und emotionale Fähigkeiten im Alter? Und wie schreitet Demenz bei Tieren voran? Anstatt den Hund nur als Streichel-, Schmuse- oder Apportierwesen anzusehen, sollte die hündische Kognition gefördert werden – auch durch technische, motorische und soziale Herausforderungen.
Was umfasst der Begriff „Kognition“?
Es geht um Verstandes- und Intelligenzleistung. Aber ich verwende die Begriffe selten, da sie oft missverstanden werden. Wir machen keine IQ-Tests mit Tieren, sondern testen Fähigkeiten der Entscheidungsfindung und Problemlösung.
Wir wollen nicht wissen, ob Tiere Schach spielen können, aber sehr wohl, ob sie mit Gruppenmitgliedern flexibel umgehen und sich in sie hineinversetzen können, ob sie Werkzeuge zum Erwerb versteckter Nahrung verwenden oder gar herstellen. Dafür spielen Gedächtnis, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und emotionale Bewertung ebenso eine Rolle wie soziale strategische Mechanismen, Kooperation und Kommunikation.
Um „Einfühlungsvermögen“ geht es auch im soeben genehmigten Projekt aus dem WWTF-Call „Cognitive Science“?
Ja, gemeinsam mit Claus Lamm von der Uni Wien und Christian Windischberger, Med-Uni-Wien, erforschen wir Imitation und „Empathie“ bei Menschen und Tieren: Das Nachahmen von und das Hineinfühlen in den anderen. Gearbeitet wird mit Brain-Imaging bei Menschen und Verhaltensexperimenten bei Hunden. Wenn man zeigen kann, dass Tiere sich in andere hineinfühlen können – was viele Menschen ja vermuten – ist das ein wichtiger Mosaikstein für unser Bild von Tieren und ein weiterer Ansporn für unser Nachdenken über Tierschutz und die Beziehung zwischen Menschen und Tieren.
Sie sind von der Biologie in die Veterinärmedizin gewechselt – manche könnten das so interpretieren, dass Sie die Seiten gewechselt haben. Sehen Sie das Schlagwort „Tierschutz“ nun in einem neuen Licht?
Nein. Wichtig ist, dass Tierschutz und Tierrecht unterschieden werden. Tierschutz kann und soll auch ohne rechtliche Änderungen erfolgen, es muss die persönliche Verantwortung gegenüber Tieren gestärkt werden. Natürlich soll Tierschutz nicht so radikal gesehen werden, dass man den Menschenschutz außer Acht lässt. Aber wenn das Tier instrumentalisiert wird, gebraucht und verbraucht durch den Menschen, dann muss man schon an das gebildete, moralische Gewissen gegenüber den Tieren appellieren. Bei Tierschutz muss man auch an Artenschutz denken, die Beeinträchtigung des Lebens von Wildtieren und schließlich auch – an unsere eigene Zunft gerichtet – die Beeinträchtigung von Tieren für den Erkenntnisgewinn. Eine große ethische Herausforderung ist die Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass das Individuum für seine Art oder für das Wohlbefinden nachkommender Generationen „leidet“.
Wie beurteilen Sie das Messerli-Institut in der österreichischen Forschungslandschaft?
Es ist einzigartig: Nicht nur aufgrund der privaten Beteiligungen aus der Schweiz, sondern es sind hier drei gewichtige Universitäten in Wien beteiligt. Auch die Ausrichtung ist einzigartig. Zwar gibt es auch anderorts Zentren zur „Mensch-Tier-Beziehung“ oder zur Tierethik. Aber die Vereinigung der Ethik und Naturwissenschaft – Biologie und Medizin – und in naher Zukunft auch die Einbeziehung von Sozial-, Kultur- und Rechtswissenschaften zu dieser Thematik in einem Institut: Ich wüsste nicht, wo es das sonst noch gibt. Damit übernehmen wir auch den gesellschaftlichen Auftrag, Menschen in ihrer Verantwortung gegenüber Tieren zu unterstützen und ihnen Orientierungshilfen zu bieten.
Denken Sie, dass Wien mit diesem interdisziplinären Institut als Zentrum der Kognitionsforschung weiter gestärkt wird?
Ja, weil mit der Vet-Med-Uni eine weitere Universität sichtbar beteiligt wird. Es wird hier sicher zu Verstärkungseffekten kommen – nicht nur durch neue Ressourcen und mehr Personal, sondern auch durch Kooperationen mit anderen Instituten am Vet-Med-Campus. Außerdem eröffnen wir einen weiteren Forschungszweig, nämlich Kognition bei Haus-, Nutz- und Versuchstieren.
Um welche Tiere handelt es sich genau?
An der Uni Wien haben wir an Modelltieren geforscht: Keas, Krallenäffchen, Tauben, Schildkröten und Hunden. Aus manchen Bereichen ziehe ich mich nun zurück, sie werden von Kollegen und meiner Nachfolgerin Ulrike Aust weitergeführt. Dafür bauen wir hier an der Vet-Med-Uni Wien ein neues Hundelabor auf. Dazu kommen nun auch Nutztiere in den Fokus: Angedacht ist Kognitionsforschung an Schweinen und Hühnern, danach vielleicht auch an Rindern, Ziegen, Schafen und Pferden.
Sie haben heuer den alternativen Ig-Nobelpreis, erhalten: Wurde die prämierte Studie durchgeführt, weil sie lustig ist?
Nein, keiner von uns dachte daran, dass diese Arbeit mit dem Ig-Nobelpreis „geehrt“ werden könnte. Das ist ganz seriöse Forschung: Die Arbeit ist eine von mehreren Studien über soziales Lernen. Sie zeigt, dass Gähnen bei Schildkröten nicht ansteckend wirkt. Dabei geht es um soziales Lernen bei nichtsozialen Tieren: Wie ist soziales Verständnis evolutionär entstanden? Gibt es diese Fähigkeiten nur bei sozialen Tieren, oder beruhen sie auf reflexartigen Mechanismen, die auch nicht-soziale Tiere haben? Wir zeigen, dass einzeln lebende Tiere zwar voneinander lernen können und den Blicken anderer folgen, aber dass ansteckendes Gähnen offenbar mit Empathie verbunden ist, die diesen Tieren fehlt.
Regt das starke Feedback dazu an, mehr „Forschung zum Schmunzeln“ zu machen?
Man sollte Forschung nicht extra für den Ig-Nobelpreis machen. Die Auszeichnung ist umstritten: Es sind auch sehr grenzwertige Dinge dabei. Aber auch seriöse Kollegen haben den Preis bekommen, einer wurde sogar wenig später mit dem echten Nobelpreis ausgezeichnet. Das Motto lautet: Zuerst schmunzeln, dann nachdenken. Und es zeigt auch, dass Forschung nicht immer todernst sein muss.
Die Schweizer Messerli-Stiftung – im Bild Herta Messerli, die kürzlich von Minister Karlheinz Töchterle geehrt wurde – finanziert die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung auf der Vet-Med (beteiligt sind Med-Uni und Uni Wien). Von vier Professuren sind schon drei besetzt: mit Ludwig Huber, Erika Jensen-Jarolim und Herwig Grimm.
Seit 1. 9. 2011 ist Ludwig Huber Professor für Naturwissenschaftliche Grundlagen des Tierschutzes und der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli-Forschungsinstitut der Vet-Med.
1991 schloss Huber sein Doktoratsstudium der Biologie in Wien ab. Er war lange Assistent beim Evolutionsforscher Rupert Riedl.
2000 wurde er a.o. Professor für Zoologie an der Uni Wien und leitete ab 2010 das Department für Kognitionsbiologie.
Er betreibtKognitionsforschung an Hunden, Wölfen („Clever Dog Lab“), oder Keas (Bergpapageien) und will dies nun auf Haus-, Nutz- und Labortiere ausweiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2011)
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