Empathie und Hilfe in der Not: Eine Ratte lässt die andere nicht im Stich

Nagetiere haben, was man bisher für ein Monopol des Menschen hielt: Altruismus. Ausgerechnet die Ratte zeigt in Experimenten Mitgefühl, bemerkt die Unruhe und Furcht einer anderen Ratte und sorgt für Abhilfe.

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Wenn ein Mensch einen anderen eine „Ratte“ nennt, dann klingt viel mit: Ratten sind schlau und tückisch, dunkle Gestalten an anrüchigen Orten, sie beißen sich überall durch und retten ihre Haut, wenn sie den Untergang wittern. Dann verlassen sie das Schiff. Sie sind die geborenen Egoisten, halten allerdings im Pack zusammen, aber nur um des je eigenen Vorteils willen. So sind sie das Gegenbild zum idealen Menschen, der mit anderen mit- und sich in sie einfühlt und dessen Altruismus so weit gehen kann, dass er seine Ressourcen und sein Leben für andere opfert, auch für solche, die er gar nicht kennt.
Solche Heiligen gibt es, massenhaft, sie widersprechen jeder biologischen und ökonomischen Vernunft: Am Markt regiert der Eigennutz, und sonst nichts, und in der Evolution bzw. ihrer Theorie regiert die Reproduktion, und für die muss man erst einmal im Überlebenskampf bestehen und bei der Partnerwahl die Konkurrenz ausstechen.

Gibt es Selbstlosigkeit?

Woher kommt es, dass Menschen aus allen Gesetzmäßigkeiten ausbrechen, aus denen der ersten Natur (Biologie) und denen der zweiten (Ökonomie)? Woher kommt Hilfsbereitschaft, die auf keine Gegenleistung spekuliert? Manche Forscher vermuten, dass es sie gar nicht gibt, dass sie eine Täuschung bzw. Selbsttäuschung ist und dass sich jede gute Tat umwegig auszahlt, etwa durch den guten Ruf, den man sich damit erwirbt, die Reputation. Die wird dafür sorgen, dass einem selbst geholfen wird, wenn man in Not ist.

Andere Forscher akzeptieren das Phänomen – den Altruismus – zwar, halten es aber für ein Monopol des Menschen. Wir und nur wir haben Empathie, Einfühlungsvermögen, die Grundlage jeden selbstlosen Handelns. Über diese Gabe verfügen nicht einmal unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen. In vielen Experimenten hat sich gezeigt, dass sie emotionslos zusehen, wie Mitschimpansen darben. Aber das kann auch am Design der Experimente liegen: Manche Forscher legen sie so an, dass die Differenzen zwischen Menschen und Schimpansen herausgearbeitet werden, stellvertretend für diese Gruppe steht Michael Tomasello (Leipzig); andere fahnden eher nach Gemeinsamkeiten und finden sie auch bei der Empathie, dafür stehen Frans de Waal (Atlanta), dafür stand Marc Hauser (Harvard), er allerdings sah zu viel Menschliches in Affen, geriet in Fälschungsverdacht und verlor seinen Lehrstuhl. Die beiden Lager liefern einander heftige Schlachten, alle paar Wochen kommen Publikationen, in denen Schimpansen entweder Einfühlungsvermögen haben und sozial handeln oder auch nicht, die Frage ist offen.

Um so befreiender, dass nun ein anderes Tier aushilft, die Ratte, ausgerechnet sie zeigt Mitgefühl, bemerkt die Unruhe und Furcht einer anderen Ratte und sorgt für Abhilfe. Zumindest tut sie das in Experimenten, die eine Gruppe um Peggy Mason (University of Chicago) erdacht und durchgeführt hat: Dabei ging es immer um zwei Ratten, die eine Zeit lang gemeinsam in einem Käfig lebten. Dann kam eine davon zusätzlich in einen kleineren Käfig in der Mitte des größeren Käfigs, der hatte eine Tür. Aber öffnen konnte man sie nur von außen, mit viel Mühe.

Ratten handeln ohne Belohnungsmotiv

Trotzdem befreiten die „freien“ Ratten ihre Artgenossen. Die Forscher hatten sie nicht darauf trainiert, die Tiere lernten selbst, wie man die Tür öffnet. Sie brauchten lange dazu, einfache Neugier scheidet aus, obwohl Ratten viel davon besitzen, sie öffneten den anderen Käfig auch nur, wenn eine andere Ratte darin war; war er leer oder enthielt er eine Stoffratte, unternahmen sie nichts.
Aber für die Mitratten taten sie es, ungerufen – die eingesperrten Ratten sandten nur höchst selten akustische Alarmsignale aus – und um Gottes Lohn, sie hatten nichts davon, auch keine „soziale Belohnung“. Die könnte man als Motiv der Befreiung vermuten: Die eine Ratte hilft der anderen, damit sie selbst wieder Gesellschaft hat. Aber die „freien“ Ratten machten die Türen auch dann auf, wenn die eingesperrten dadurch gar nicht zu ihnen, den Helfern, gelangten, sondern in einen dritten Käfig.

Damit immer noch nicht genug, das Vorweihnachtswunder wuchs sich in einem zweiten Experiment aus. Diesmal stellten die Forscher zwei kleine Käfige in den großen, im einen war die zweite Ratte, im anderen Schokolade, die Lieblingsspeise der Ratten (Vorversuche hatten dies gezeigt). Davon ließen sich die „freien“ Ratten schon locken, aber nicht über Gebühr: Sie öffneten etwa ebenso häufig zunächst die Tür zur Schokolade – die sie natürlich für sich hatten – wie die zur Mitratte, mit der sie dann auch teilten, nachdem sie obendrein die andere Tür geöffnet hatten (Science, 334, S. 1427).

Prosozial? Oder nur emotional infiziert?

„Das ist mehr als Empathie, das ist prosoziales Verhalten“, urteilt Jeffrey Mogil (McGill University), und Christian Keysers, Amsterdam, ergänzt: „Es zeigt, dass Empathie tief in das Erbe der Tiere eingeschrieben ist.“ Aber nicht alle stimmen zu, Daniel Povinelli (University of Louisiana) etwa sieht lediglich eine Verwirrung bzw. Vermischung der Begriffe: „Mit Empathie – der Möglichkeit, sich in andere zu versetzten –, hat das nichts zu tu. Es geht nur um ,emotionale Infektion'“: Demnach wird die „freie“ Ratte von der Unruhe der anderen angesteckt und will sie loswerden – sich selbst helfen, nicht der anderen.

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