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Chemie im Organismus: So wirkt Nahrung im Körper

07.01.2012 | 18:17 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Ernährungswissenschaftler der Uni Wien erforschen die Wirkung von Rotwein oder Kaffee auf die Säuresekretion des Magens und von Salbeitee auf Entzündungen in der Mundhöhle.

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Ob man in der „Brotkiste geschlafen hat, bei den lustigen Scherzerln“, wird man als humoriger Mensch oft gefragt. Dass Brotscherzerl nicht unbedingt lustig, aber doch sehr gesund sein können, erforscht die Ernährungswissenschaftlerin Veronika Somoza. Sie hat an der Fakultät für Chemie der Universität Wien die Professur für „Biofunktionalität von Lebensmitteln“ inne. Und sie hat herausgefunden, dass das Erhitzen von stärkehaltigen Lebensmitteln etwa beim Brotbacken nicht so schädlich ist: Manche warnen ja vor „Acrylamid“, das bei Erhitzen in Brot und Kartoffeln entstehen kann und potenziell krebserregend wirke.

Somoza erklärt, dass solche Aussagen nicht pauschal getroffen werden können, denn die gesundheitlichen Auswirkungen geringer Mengen von Acrylamid sind nicht bestätigt. Ihre Forschungen zeigen hingegen, dass erhitztes bzw. gebackenes Brot eine gesundheitsförderliche Substanz enthält: „Pronyl-Lysin“. Es hat eine antioxidative Wirkung, fängt also Sauerstoff-Radikale im Körper ab. Am meisten Pronyl-Lysin findet sich in der Rinde bzw. den Scherzerln, wo eben beim Backen die höchsten Temperaturen auftreten.

Es herrschen unzählige Volksweisheiten rund um Lebensmittel und ihre Wirkung im Körper; das Team um Somoza versucht nun, diese Schritt für Schritt wissenschaftlich zu überprüfen. Die Verbindungen von Grundlagenforschung (bis ins kleinste molekulare Detail) und der angewandten Forschung, die für die Industrie dienlich ist, kann Somoza seit September im neuen Christian-Doppler-Labor für Bioaktive Aromastoffe als Laborleiterin noch besser ausleben.

Nicht ungesund. „Viele Aromastoffe und andere Inhaltsstoffe entstehen erst dadurch, dass man Lebensmittel verarbeitet“, sagt Somoza: „Die Menschen denken generell, dass unbehandelte Nahrungsmittel gesünder sind als verarbeitete. Doch so einfach ist das nicht.“ Man weiß, ein Toast schmeckt erst gut, nachdem er getoastet wurde – aber die Toastscheibe ist deswegen nicht als getoastete ungesünder.

Auch beim Kaffee ist es so, dass viele Menschen denken, seine Inhaltsstoffe wären grundsätzlich ungesund. „Wir untersuchen, welche Verarbeitung verschiedene Lebensmittel erfahren müssen, um den gesundheitlichen Mehrwert zu steigern.“ Beim Kaffee wurde man bereits fündig: Gemeinsam mit der TU München fanden die Forscher die Verbindung „N-Methylpyridinium“ (NMP), das antioxidativ gegen freie Radikale wirken kann. „Je mehr NMP im Kaffee enthalten ist, umso weniger stark wird die Sekretion der Magensäure stimuliert“, sagt Somoza. Eben diese erhöhte Magensäuresekretion kann bei empfindlichen Personen zu Magenbeschwerden führen. „Dunkle Kaffeeröstungen enthalten viel NMP, in der entkoffeinierten Form sind sie besonders magenfreundlich.“

Auch die anregende Wirkung von Kaffee auf das Belohnungszentrum des Gehirns wurde erkundet: Hier spielt tatsächlich (wie vom Volksmund vermutet) Koffein die größte Rolle. Aber auch weitere Inhaltsstoffe des Kaffeegetränks (z.B. Pyrogallol) wirken auf Mechanismen des Belohnungssystems: Das sind ähnliche Vorgänge wie die Freisetzung von Dopamin nach dem Verspeisen von Schokolade.

Somoza, gebürtige Deutsche, hat an der Uni Wien promoviert und ist 2009 nach Aufenthalten in der USA und Deutschland wieder nach Wien zurückgekehrt. Sie freut sich, hier das Faszinosum Chemie und Lebensmittelchemie der Öffentlichkeit zu vermitteln: Wer denkt schon, dass z.B. Kaffeekochen ein chemischer Vorgang ist? Doch das Gluckern der Kaffeemaschine verrät, dass hier „chemische Wasserextraktion“ stattfindet.

In jedem Haushalt werden Lebensmittel tagtäglich verarbeitet (gekocht, gebraten, gerührt etc.) und Somoza möchte das Image der „verarbeiteten Lebensmittel“ verbessern. „Dabei geht es uns nicht um Lebensmittelsicherheit, die ist in Österreich generell sehr hoch“, sagt sie – aus Erfahrung im direkten Vergleich mit den USA und Deutschland. „Auch das öffentliche Interesse an Lebensmittelsicherheit und die Qualität der erschwinglichen Bioprodukte ist hier enorm.“

Derzeit forscht ihr Team an verschiedenen Weinsorten: „Die meisten denken, Weißwein sei schlechter für den Magen als Rotwein, wegen der Säure.“ Doch mit dem pH-Wert des Getränks hat die Magenverträglichkeit genauso wenig zu tun wie beim Kaffee. „Auch hier sind es bestimmte Inhaltsstoffe, die auf Rezeptoren wirken und so die Magensäureproduktion fördern“, erklärt Somoza. Zudem wird das Nationalgetränk Bier unter die Lupe, genauer gesagt, unter Gas-Chromatografen und Massenspektrometer genommen. Für handfeste Ergebnisse ist es allerdings noch zu früh.

Eine ihrer Dissertantinnen konnte jedoch aus Salbeitee ein herzeigbares Ergebnis destillieren: Der Volksmund sagt dem Tee eine hohe Heilkraft bei Mund- und Rachenentzündungen nach. „Wir konnten zeigen, dass u.a. der Aromastoff 1,8-Cineol für die entzündungshemmende Wirkung verantwortlich ist.“

Getestet werden solche „Bioaktivitäten“ in Laborschälchen an menschlichen Zellen (Zellkulturen). Dabei werden die fraglichen Substanzen den Zellen in Plasma-repräsentativen Konzentrationen verabreicht. Konzentrationen also, wie sie nach üblichen Verzehrmengen im Blut (entweder als Ausgangsverbindung oder als Stoffwechselprodukt) nachweisbar sind. „Das im Rotwein enthaltene Resveratrol, mit dem wir auch arbeiten, kursiert im Körper nicht als Glykosid, wie es in der Pflanze vorkommt, sondern wird im Stoffwechsel in Sulfate und Glucuronide umgewandelt.“


Wirkung testen. Wenn sich in der Zellkultur ein messbarer Effekt der Substanzen zeigt, folgen Studien, bei denen gesunde Probanden die Substanzen einnehmen. Danach wird gemessen, ob sich etwa die Magensäureproduktion ändert oder welche Biofunktionen sonst beeinflusst werden. Apropos Resveratrol: Diesem Molekül wird gemeinhin eine herz- und gefäßschützende Wirkung aufgrund seiner hohen antioxidativen Eigenschaften nachgesagt. „Die verstoffwechselten Formen zeigen jedoch bei weitem nicht so hohe antioxidative Wirkungen“, so Somozas.

Ein 6. Geschmack?

Zu den vier altbekannten Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter ist im Jahr 2002 offiziell „umami“ dazugekommen – der Geschmack von Eiweiß und Aminosäuren wie Glutamat.

Nun sind deutsche Forscher einem weiteren Grundgeschmack auf der Spur: fettig. Bisher dachte man, dass Fette nur durch ihre physikalischen Eigenschaften und das „Mundgefühl“ wahrgenommen werden. Nun wurden aber bei Nagern und Menschen Rezeptoren (GPR120) in den Geschmacksknospen entdeckt, die chemisch auf langkettige Fettsäuren ansprechen. Allerdings ist noch nicht klar, wie diese Rezeptoren mit Neuronen „verschaltet“ sind und ob sie im Gehirn Empfindungen auslösen.

Das, was wir „Geschmack“ eines Lebensmittels nennen, stammt zum größten Teil vom Geruchssinn: dem sogenannten „retronasalen Riechen“, bei dem die Nase während des Kauens (flüchtige) Aromastoffe wahrnimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2012)

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14 Kommentare
Gast: Strg Alt Entf
13.01.2012 11:25
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ein chemischer Vorgang ist das aber nicht....

....wenn Kaffeepulver mit heißem Wasser extrahiert wird, sondern ein rein physikalischer.
Chemisch wird es erst durch eine Stoffumwandlung, also z.B. beim Rösten der Bohnen

Gast: der Apotheker
10.01.2012 21:41
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Frau Prof.Somoza

will scheibar das Rad neu erfinden. Das sind doch alles alte Hüte, die ich vor 30 Jahren schon in der Vorlesung Pharmakognosie gelernt habe!
Sie sollte lieber was Intelligenteres tun, als alte Skripten durchblättern.

Gast: jetzt bekomme ich antwort, antwort die ich als kind nie bekommen habe.
08.01.2012 09:42
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brotrinde...

als kind liebte ich brotscherzerl und brotrinde. alle schwarzbrotscherzerl waren für mich reserviert und es kam nicht nur einmal vor, dass meine eltern brot in der brotlade ohne rinde vorfanden.


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In Vollkornprodukten

gibt es aber nicht nur Kohlehydrate,sondern auch Fette und Eiweiße

und deren negative Auswirkungen im Darm sollten auch untersucht werden,wenn sie erhitzt werden oder doch?

Weißbrot ist deshalb auch verdaulicher und gesünder als Vollkornbrot, denn ich bemerkte es selbst am eigenen Körper.

Aber der Vollkorn-Wahn ist derzeit leider sehr modern und verbreitet in der Bevölkerung.

Antworten Gast: medicus
10.01.2012 18:35
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Re: In Vollkornprodukten

oi, na gut: Vollkorn! Wie der Name schon sagt, Korn mit Schaale. Warum ist die Schaale so wichtig? Weil da Vitamine (hauptsächlich Niacin und Tryptophan) drin sind. Wofür brauchen wir die? Als Cofaktoren in unserem Stoffwechsel.

Was passiert wenn wir diese "Vitamine" nicht haben? Sie bekommen eine Hypovitaminose. Bekanntestes Beispiel hierfür ist z.B. in Asien verbreitet, Pellagra. Es gibt noch ganz viele tolle andere Hypovitaminosen, aber die bekommen sie in Europa zum Glück nur, wenn sie sich wirklich seeehr dumm anstellen, manche Spezialisten schaffen das aber irgendwie und kommen dann mit den abstrusesten Vorderungen in die Praxis.

Zur Ernährung gibt es eigentlich nur eine Binsenweisheit die immer zutrifft: Wenn der Urin wie Weißwein und der Stuhl wie Sachertorte aussieht dann machen sie es richtig! Glauben sie mir, das war der einzige Konsens auf den sich Schulmediziner einigen können!

Aber natürlich haben wir unrecht! Die wahrnehmung der eigenen Kompetenz verhält sich bekanntlich reziprok zu ihrem tatsächlichen Zustand. ... Da muss man sich ja schütteln was da so verzapft wird!

Antworten Antworten Gast: chemiker
15.01.2012 10:58
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Re: Re: In Vollkornprodukten

Tryptophan ist eine AS, kein Vitamin...

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Re: Re: In Vollkornprodukten

In der Schale von Pflanzensamen gibt es auch sekundäre Pflanzenstoffe,die den Pflanzen-Embryo vor Bakterien und Pilzen schützen,nicht nur Vitamine!

Diese reizen auch besonders den Darm des Menschen und behindern die Verdauung.

Deshalb ist Weißbrot auch gesünder als Vollkornbrot.

Die bekennte Beri-Beri-Krankheit als angebliche Vit-B.-Mangel-Krankheit durch geschältem Reis ist eigentlich eine Toxin-Vergiftung,die durch Schimmelpilz-Toxine im Reis unter trop.Bedingungen verursacht wurde usw.

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Re: Re: Re: In Vollkornprodukten

Der Vollkornbrot-Wahn ist ibrigens eine deutsche Erfindung am Ende des 19.Jahrhunderts nach dem deutsch-französischen Krieg und Gründung des 2.Deutschen Reiches.

Bis dahin wurde fast nur französisches Weißbrot in Deutschland,wie auch in den meisten anderen Ländern, gegessen und kaum Vollkornbrot,das bekanntlich nur die aschwer verdauliche Nahrung der armen Leute war,die sich das besser verdauliche Weißbrot,das zuerst nur den Adeligen vorbehalten war nicht leisten konnten.

Wurde aber mit der franz.Revolution auch der armen Bevölkerung zugänglich.

Kaiser Willhelm II wollte aber kein französisches Weißbrot und hat deshalb mit esoterisch-anthroposophischen Bauern-Gruppen eine Kampagne für ein echtes deutsches dunkles Brot entfacht und das war die Wurzel der heutigen Vollkorn-Hysterie in deutschen Landen.

Alle Mittelmeervölker leben gut mit Weißbrot und sind nicht mehr krank als die Deutschen,sondern oft viel gesünder.

Antworten Gast: Peter Taub
10.01.2012 09:07
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Re: In Vollkornprodukten

zu Kohlenhydraten gibt es aber auch einiges zu sagen.
http://www.youtube.com/watch?v=FSeSTq-N4U4

auch sonst sind Lebensmittel mit hohem Anteil an Balaststoffen wichtig für unsere Ernährung. http://www.youtube.com/watch?v=KLjgBLwH3Wc

Antworten Gast: u n d
08.01.2012 09:47
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Re: In Vollkornprodukten

der verdauungsapparat leistet schwerarbeit bei körnigen vollkonsorten, ungekochten gemüse.

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Re: Re: In Vollkornprodukten

Genau!

Und die unverdaulichen Ballast-Stoffe in Vollkorn -Produkten reizen ständig den Darm,

bekannt auch als Reizdarm in der medizinischen Praxis, mit bis zu blutigen Durchfällen,

denn wir Menschen

sind keine Kühe mit 4 Mägen

oder körnerfressende Vögel

mit einem zusätzlichen Kropf und Muskelmagen

als wichtige Organe zur Vorverdauung pflanzlicher Nahrung,

sondern hpts. Fleisch-Esser mit nur

EINEM Magen,

wie alle Fleischfresser.

Antworten Antworten Antworten Gast: international_
10.01.2012 18:36
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Re: Re: Re: In Vollkornprodukten

dass ein beachtlicher teil unseres gebisses aus mahlzähnen besteht, während die zahl der reisszähne überschaubar ist, lässt aber wieder andere schlüsse über die verteilung fleisch - getreide zu!

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Re: Re: Re: Re: In Vollkornprodukten

Der Verdauungskanal des Menschen entspricht dem des Wolfes und der Hunde

und der ist eindeutig carnivor

und mit der Entwicklung der ersten Steinklingen zur Zerteilung der Fleischnahrung ersparten sich unsere Vorfahren die Reißzähne.

Antworten Antworten Antworten Gast: u n d
09.01.2012 17:57
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Re: Re: Re: In Vollkornprodukten

richtig!