Als 1978 in England Louise Brown geboren wurde, das erste Retortenbaby, wurde es mit der Frage begrüßt, ob ein derartiges Geschöpf, zusammengemischt aus Eizelle und Sperma außerhalb des Körpers, eine Seele habe, andere sorgten sich eher um die Gesundheit des Kindes. Es ging gut, heute leben weit über eine Million Menschen aus der In-vitro-Fertilisation (IVF). Aber „Baby Louise“ war nur der Beginn, in Großbritannien wurde die Reproduktionsmedizin vorangetrieben wie nirgends sonst, dort gab es den ersten Klon – nur bei Tieren: Schaf „Dolly“ –, dort gab es das erste „Designerbaby“: Es wurde gezeugt, um ein schon lebendes Geschwister mit einem genetisch passenden Transplantat auszustatten, es nahm daran keinen Schaden.
Nun soll der nächste Schritt kommen, ein Embryo mit drei Elternteilen, einem Vater und zwei Müttern. Dabei geht es darum, dem Embryo im späteren Leben genetisch verursachte Krankheiten zu ersparen. Die meisten Erbleiden sitzen in der großen DNA im Zellkern, aber manche – sie treffen etwa eines von 5000 Kindern – kommen auch von der kleinen DNA in den Mitochondrien, sie versorgen die Zellen mit Energie.
Den Zellkern aus der Gefahrenzone bringen
Von ihnen sind tausende in jeder Zelle, sie alle kommen von den Müttern, die Väter tragen nichts zur mitochondrialen DNA (mtDNA) bei, ihr Erbe verschmilzt mit der mütterlichen im Zellkern. Diesen könnte man, so die Idee, retten, wenn er von krankmachender mtDNA der Mutter in seiner Umgebung bedroht ist. Dann könnte man den Kern außer Gefahr bringen, indem man ihn dem Embryo entnimmt und ihn in eine Eizelle einer anderen Frau transferiert, die selbst keine „mitochondriale Krankheit“ hat. Die Idee kam 2005, sie wurde bald Realität, im Tierversuch: 2008 wurden drei Rhesusäffchen geboren, die zwei Mütter und einen Vater hatten. Auch an menschlichen Embryos – überzähligen aus der IVF – wurde experimentiert, nur in frühen Stadien, heranreifen ließ man diese Geschöpfe nicht.
Das soll sich ändern: Die Forscher sind ihrer Verfahren sicher – es gibt zwei, einmal wird der ganze befruchtete Kern transferiert, das andere Mal nur die unbefruchteten weiblichen Chromosomen, befruchtet werden sie erst in der Empfängerzelle –, die in Großbritannien zuständige „Human Fertilisation and Embryology Authority“ (HEFA) hat am 19.Januar eine öffentliche Konsultation angekündigt, das ist der erste Schritt zur Legalisierung des Verfahrens (Nature, 24.1.).
„Es ist nicht wünschenswert, Kinder auf diese Art zu erzeugen“, reagierte Josephine Quintavalle von „Comment on Reproductive Ethics“ 2005 auf die neue Perspektive, „es wird die Welt schockieren.“ Die beteiligten Ärzte sahen es anders: „Wir tauschen nur die Energiequelle aus.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)
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