Sämtliche Augen der Stammzellenforschung sind auf zwei Frauen gerichtet, die fast blind und auf dem Weg zum völligen Erlöschen des Augenlichts sind. Sie leiden an Makuladegeneration, dabei gehen Zellen der Retina verloren: Heilen kann das die herkömmliche Medizin nicht, allenfalls aufhalten. Aber vielleicht könnte es der Weg, von dem man seit 1998 eine Revolution der Medizin erhofft: Damals wurden bei Menschen embryonale Stammzellen (ES) isoliert, das sind undifferenzierte Zellen, aus denen man alle spezialisierten Zellen „ziehen“ – und sie theoretisch als Ersatz für erkrankte Körperzellen verwenden kann.
Man kann daraus etwa die Zellen gewinnen, die bei Makuladegeneration absterben. Eine Gruppe um Robert Lanza (Advanced Cell Technology, ACT) hat das getan und den beiden Erblindenden solche Zellen in die Augen gespritzt, 50.000 in jedes. Vier Wochen später hatte sich ihr Sehvermögen etwas verbessert: Eine der Frauen konnte zuvor gerade noch schemenhaft ihre Hand erkennen, nun sah sie die einzelnen Finger; die andere konnte gar einige Buchstaben unterscheiden. „Das Sehvermögen hat sich messbar verbessert“, berichtet Lanza, „da könnte ein Placebo-Effekt mitspielen, aber offenbar ist auch eine biologische Komponente dabei“ (Lancet, 23. 1.).
Das sind ungewohnt leise Töne für Lanza bzw. ACT. Dabei trägt diese Firma sämtliche Hoffnungen der ES-Forscher auf ihren Schultern: Ihr Test an den beiden Frauen ist der einzige ES-Test weltweit; der große Konkurrent Geron, der mit ES Querschnittslähmungen therapieren wollte und das auch schon an Menschen versuchte, hat sich letzten Herbst aus dem Feld zurückgezogen, aus ökonomischen Gründen, man sah für ES keine Gewinnchancen mehr.
ACT: Firma mit üblem Ruf
Nun ist nur noch ACT da, und diese Firma hat – auch in der Forscher-Community – nicht den besten Ruf. Sie hat das ganze Feld (und sich selbst) durch voreilige und weit übertriebene Ankündigungen mehrfach fast ruiniert: 1999 kündigte sie eine „neue Ära der Medizin“ an, sie hatte erstmals Embryos geklont – einer Eizelle ihren Kern entnommen und durch den einer anderen Zelle ersetzt –, das war „therapeutisches Klonen“, man wollte aus diesen Embryos ES gewinnen. Aber mit dem gleichen Verfahren könnte man auch „reproduktiv klonen“, Kopien ganzer Menschen erschaffen.
Das kam in der Öffentlichkeit nicht gut an, zudem werden bei dem Verfahren Embryos zerstört: Präsident Bush verstärkte die Restriktionen für die ES-Forschung, Investoren hielten sich zurück. Das Feld litt, ACT ging fast bankrott. 2006 versuchte Lanza einen Befreiungsschlag und publizierte ein Experiment, in dem er angeblich ES aus Embryos gewonnen hatte, ohne diese zu zerstören. Aber er hatte sie zerstört, ACT geriet noch näher an den Abgrund. Diesmal soll alles anders gehen: „Wir sind eine neue Firma“, schwört Lanza (Nature, 480, S. 130).
Und deren Ausgangspunkt, das Auge, ist besser gewählt als der von Geron: Das Auge ist gut zugänglich – Operateure haben viel Erfahrung damit –, und im Auge ist das Immunsystem nicht stark ausgeprägt. Das ist wichtig, weil ES bzw. daraus gezogene Zellen vom Immunsystem nicht so stark abgewehrt werden wie anderswo im Körper. So erhielten die Frauen nur kurz Immunsuppressiva. (Das eröffnet allerdings auch die Möglichkeit, dass das bessere Sehen mit diesen Medikamenten zusammenhängt.)
Zellen mit Risiko: Tumor
Zudem brauchte jedes Auge nur 50.000 Zellen; das ist wenig, bei anderen Organen rechnet man mit Millionen, deshalb wurde Geron alles zu teuer. Und es ist nicht nur eine Frage des finanziellen Aufwands. ES-Zellen haben ein Risiko: Wenn sie als undifferenzierte ES-Zellen in einen Körper geraten, bilden sie Tumore; harmlos sind sie nur, wenn sie zu anderen Zellen ausdifferenziert sind. Deshalb dürfen die nicht mit ES verunreinigt sein. Und das ist bei 50.000 Zellen leichter als bei Millionen.
Die Reaktionen sind zurückhaltend, es sind nur zwei Patientinnen, sie wurden nur vier Monate beobachtet. Aber Lanza bleibt zuversichtlich, nicht nur für sich: „Die Versuche am Auge öffnen den Weg für andere Therapien, sie haben Bedeutung für das ganze Feld.“
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