Fremdkörper in der Medizin

Eine Historikerin legt in allen Details offen, wie die weltberühmte Zweite Wiener Medizinische Schule Juden und Frauen diskriminiert hat.

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(c) APA (HELMUT FOHRINGER)

Das leider nicht ganz auszurottende Unkraut der Wiener Studentenschaft“ wurzle in der „mit den verschiedensten nationalen Elementen überfüllten Weltstadt Wien“: „schlimme galizische und ungarische jüdische Elemente“. Dieser Satz stammt nicht etwa von einem dumpfen Judenhasser, sondern von einem Aushängeschild der österreichischen Wissenschaftsgeschichte: von Theodor Billroth, Pionier der modernen Chirurgie und Leitgestalt der weltberühmten Zweiten Wiener Medizinischen Schule.

Billroth, ein geborener Norddeutscher, war 1867 als Professor nach Wien berufen worden. Er war eine Koryphäe, eine charismatische Persönlichkeit – und ein fanatischer Deutschnationaler. Damit passte er gut in das damalige Wien, wie Felicitas Seebacher in dem diese Woche präsentierten Buch „Das Fremde im ,deutschen‘ Tempel der Wissenschaften“ (Verlag der ÖAW, 456 S., 68 €) deutlich macht. Die an der Universität Klagenfurt forschende Historikerin durchstöbert seit Jahren Archive, um ein „Zeitbild der Wiener Medizinischen Schule in einer Epoche der Wirtschaftskrise und gesellschaftlichen Brüche“ zu zeichnen. Das detailreiche Material, das sie auswertete, macht den Glanz dieser Epoche bisweilen ziemlich matt.

Nach der Verabschiedung der Staatsgrundgesetze 1867 waren akademische Karrieren nicht mehr nur einer privilegierten Schicht vorbehalten. Zumindest theoretisch. Denn die Niederlage Österreichs gegen Deutschland in Königgrätz 1866 und der Börsenkrach 1873 mit der nachfolgenden Rezession machten, so Seebacher, „die bis dahin manifestierten Konflikte sichtbar“.

Einer davon ist die Judenfeindlichkeit. Damals strömten mehr Juden denn je aus den östlichen Provinzen nach Wien. 1875 studierten an der Medizinischen Fakultät 512 „Katholiken“ und 421 „Israeliten“. Der Stern des Mitbegründers der Wiener Schule, Carl Freiherr von Rokitansky, seines Zeichens ein überzeugter Deutschliberaler, war am Verblassen. Der Liberalismus wurde vom Nationalismus abgelöst. Die Universität Wien stilisierte sich zu einem „deutschen Tempel der Wissenschaften“ und setzte dabei voll auf eine deutsche Elite.


Tumulte im Hörsaal. In diesem Umfeld schrieb Billroth das Buch „Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten der deutschen Nation“, aus dem das obige Zitat stammt. Seine antisemitischen Äußerungen hatten Folgen: Am 6.Dezember 1875, kurz nach der Veröffentlichung, wurde Billroth von Studenten im Hörsaal mit stürmischem Applaus begrüßt, am 10.Dezember gab es in seiner Vorlesung die ersten antisemitischen Ausschreitungen an der Universität Wien – mit „Juden hinaus!“-Rufen. Billroth war zwar fest davon überzeugt, dass Juden nicht der deutschen Nation angehören könnten, er war dennoch von der Wucht des aufkeimenden Antisemitismus überrascht – und distanzierte sich davon: Er wünsche nicht, dass man ihn „mit den jetzt so beliebten Judenschimpfern zusammenwürfe“, schrieb er. Später trat Billroth sogar dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ bei.

Das half aber alles nichts: Billroth hatte dazu beigetragen, dass der Graben zwischen Deutschen und Juden rasant tiefer wurde. Seine Anhängerschaft sah sich zu radikaleren Aktionen legitimiert, Studentenverbindungen begannen ab 1877, jüdische Kommilitonen auszuschließen.

Als Reaktion entwickelten die Juden ein neues Nationalbewusstsein, etwa in der jüdischen Studentenverbindung „Kadimah“ oder in der „Allgemeinen Poliklinik“, die sich zu einem Antipoden der elitären Klinik der Medizinischen Fakultät entwickelte: gedacht für sozial Schwache, geleitet von jüdischen Medizinern. In dem immer schärfer werdenden Konflikt zwischen Deutschen und Juden versuchte etwa Sigmund Freud – lange Zeit vergeblich – Fuß zu fassen, Theodor Herzl entwickelte die Idee des Zionismus. Begründet wurde der Antisemitismus immer stärker durch biologistische und sozialdarwinistische Theorien, die strikt zwischen einer „arischen“ und einer „jüdischen Rasse“ unterschieden.

Dieselben Ideen mussten auch für die Diskriminierung von Frauen herhalten. Das Ziel war in den Augen Seebachers das Gleiche: Die Elite wollte sich in der Krisenzeit vor bedrohlich erscheinender Konkurrenz schützen – indem Frauen und Juden als „Fremdkörper“ interpretiert wurden.

Das bürgerliche Grundrecht auf freie Berufs- und Studienwahl wurde folglich ausschließlich als „Männerrecht“ interpretiert – weil die Frau dem Mann nicht ebenbürtig sei. In der Schweiz oder in England war es damals längst üblich, dass Frauen Medizin studierten. In Wien wurde die angebliche Überlegenheit des Mannes hingegen weiterhin behauptet – etwa in der Broschüre „Die Frauen und das Studium der Medizin“, die der Chirurg Eduard Albert 1895 veröffentlichte. Die eigentliche Aufgabe der deutschen Frau sei es, den Ehemännern „himmlische Rosen in's irdische Leben zu weben“. Albert argumentierte, dass es in der Geschichte keinen einzigen Fortschritt, keine einzige Entdeckung in Wissenschaften und Künsten, keine neue Wahrheit gegeben habe, die „jemals von einer Frau ausgegangen wäre“.


Neues Frauenbild. Albert löste das Gegenteil dessen aus, was er erreichen wollte: In einer hitzigen Debatte bröckelte die Front zusehends. Einerseits, weil in den muslimischen Gebieten der Monarchie weibliche Ärzte dringend benötigt wurden; ab 1890 wurden daher vereinzelt Schweizer Diplome von Ärztinnen anerkannt. Andererseits ging der Zeitgeist klar in Richtung Gleichberechtigung – nicht zuletzt, weil immer mehr Töchter aus bürgerlichem Hause in diese Richtung drängten. 1903 schloss Margarete Hönigsberg als erste Frau in Wien ein Medizinstudium ab. Der Anteil jüdischer Medizinstudentinnen war in dieser Zeit der Pionierinnen hoch. „Die jüdische Ärztin widerlegte endgültig das alte Vorurteil, dass weder Frauen noch Juden zum Medizinstudium befähigt seien“, merkt Seebacher an. Es sollte aber noch bis 1966 dauern, bis mit Erna Lesky die erste Frau in das Wiener Medizinprofessorenkollegium berufen wurde.

Das neue Frauenbild war auch einer der wichtigsten „Aufreger“ beim Streit um Gustav Klimts Fakultätsbild „Medizin“, das er 1904 für die Aula der neuen Universität schuf – es war der größte Kunstskandal der Monarchie: Die Gestalt der Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit, als selbstbewusste und sinnliche Frau war dem Establishment definitiv zu viel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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