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Mathematik für Blinde

28.01.2012 | 19:03 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Ein neues Service im Internet übersetzt mathematische Formeln für Braille-Displays und in mp3-Files. Das hilft weltweit sehbehinderten Schülern und Studenten in technischen Fächern.

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Durch das Internet können blinde und sehbehinderte Menschen erstmals in der Geschichte selbstständig und unabhängig auf Informationen zugreifen“, sagt Klaus Miesenberger vom Institut „Integriert Studieren“ an der Uni Linz. Die Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnik sind für sehschwache Menschen revolutionär. Blinde Menschen zählt Miesenberger zu den „Early Adopters“, die sehr schnell mit neuen Medien, vor allem dem Internet umgehen lernen – und das mit Enthusiasmus: „Sie haben ja keine Alternative. Sehende haben Bücher, Zeitungen, das Fernsehen. Aber für blinde und sehschwache Menschen war es schnell so, dass sie einen Laptop mit Braille-Display immer dabei hatten, so wie Sie Zettel und Bleistift immer eingesteckt haben“, sagt Miesenberger mit Blick auf den Notizblock in der Hand der Journalistin.


Taktiler Bildschirm. Als Sehender kann man sich nur schwer vorstellen, wie man in dem stark optisch orientierten Medium Internet auch ohne Sehkraft zurecht kommt. Man braucht dafür jedenfalls eigene Computerprogramme. Hat man aber erst einmal den „Screenreader“ installiert, dann übersetzt das Programm Text- und Bildelemente der Webseiten entweder in gesprochene Sprache, sodass der blinde Nutzer hören kann, bei welchem Element er sich mit seiner Tastatur gerade befindet (die Maus kommt nicht zum Einsatz) und was dort steht.

Oder die vorhandenen Texte können in ein „Braille-Display“ ausgegeben werden. Dieses sieht für Laien fast aus wie eine Tastatur mit „Blindenschrift“ – es ist aber der Bildschirm für Blinde: In der „Braille-Zeile“ sind winzige Stiftchen eingelassen, angeordnet im bekannten Format der Buchstaben der Brailleschrift (sechs oder acht Pünktchen pro Zeichen). Die Stiftchen heben und senken sich und können so den Text des Computerbildschirms in Braillezeichen darstellen, über die der blinde Nutzer mit seinen Fingern fährt: Der „taktile Bildschirm“ ist direkt vor der Tastatur angebracht, damit der Weg von Tastatur zum Bildschirm nicht weit ist. Schließlich werden die Finger für das Lesen und das Schreiben verwendet. „Sogar in der ersten und zweiten Klasse Volksschule sitzen blinde Schüler mit diesem Equipment“, erzählt Miesenberger.


Universelle Sprache. Die aktuellste Errungenschaft auf dem Weg zu einer barrierefreien Nutzung der Computer wurde diese Woche in Wien präsentiert: Gemeinsam mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs entwickelte Miesenbergers Team ein Internet-Werkzeug, das mathematische Formeln für Blinde „lesbar“ macht. „Für Sehende ist Mathematik eine universelle Sprache. Doch die Umsetzung in Braille-Notation ist weltweit uneinheitlich. Unser System soll das ändern und Mathematik auch für Blinde global zugänglich und verständlich machen“, so Miesenberger.

Mathematische Inhalte sind oft in zweidimensionaler Form dargestellt: Brüche, Wurzeln etc. müssen auf eine eindimensionale Form gebracht werden, bevor sie der Computer verstehen und bevor man diese Inhalte für blinde Menschen übersetzen kann. Jeder, der schon einmal eine Formel mit Bruch und Quadratwurzel in den Taschenrechner getippt hat, hat dabei die zweidimensionale Mathematik in eine eindimensionale verwandelt.

Moderne Mathematik setzt seit vielen Jahren Computersprachen wie MathML oder LaTeX ein, die Formeln als Symbole und in Textform (eindimensional) darstellen. „Auf diesen gebräuchlichen Systemen baut Math-in-Braille auf“, erklärt Projektmitarbeiter Peter Heumader von der Uni Linz: „Über das Internet kann auf die neue Seite zugegriffen werden. Der Nutzer muss keine eigenen Programme installieren, sondern nur die Formel hier eingeben: Dann wird der mathematische Inhalt in einer Form wiedergegeben, die man auf dem Braille-Display lesen kann – oder als mp3-Format gespeichert, sodass der Nutzer es sich anhören kann.“

Das neue Tool kann von blinden Schülern direkt genutzt werden, die im Umgang mit dem Computer vertraut sind. Oder Eltern, Lehrer oder Sitznachbarn können schnell auf die Homepage zugreifen, um im Unterricht oder bei der Hausübung verwendete Formeln in Braille zu übersetzen.

Förderung für dieses Projekt stammt – wie schon 2010 beim Projekt Robobraille, das schnell und kostenlos Textdokumente in Braille-Lesbarkeit verwandelt, – von Netidee, einer Initiative der Internet Foundation Austria (IPA): Dort läuft jenes Geld zusammen, das man bezahlt, wenn man in Österreich eine Domäne – z.B. „diepresse.at“ – kauft. Jährlich zehn bis 20Projekte werden aus diesem Topf gefördert, und zwar innovative Internet-Ideen, die das Bildungsniveau in Österreich steigern sollen. Voraussetzung ist, dass die Ergebnisse des Projekts kostenlos im Internet zugänglich sein müssen. Zudem werden Forschungen, um Menschen mit Behinderung den Zugang zur Informationsgesellschaft zu erleichtern, auch von der FFG, dem FWF und der EU gefördert.


Mathematik ist überall. „Derzeit sind zwölf Studierende an der Uni Linz blind“, weiß er: „Aber nur einer davon studiert ein technisches Fach.“ Das Dilemma ist eben, dass blinde Jugendliche – egal, ob sie technisch hochbegabt wären – immer mehr von der Mathematik Abstand nehmen, weil die Inhalte für sie nicht leicht zugänglich sind, und sie dann in andere Fächer „flüchten“. Das soll sich durch das aktuelle Werkzeug ändern.

„Mathematik braucht man für fast jedes Studium, außer vielleicht für Jus und Theologie“, so Miesenberger. Er plädiert auch für die breitere Umsetzung der Gleichstellungsgesetze, die seit 2006 eigentlich verpflichtend sind: Jede öffentliche Homepage in Österreich sollte barrierefrei sein – also für Braille-Displays lesbar oder in ein Audioformat übertragbar. „Doch bisher schafft das erst ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Homepages“, sagt Miesenberger.

Dabei sollte das auch für die Wirtschaft interessant sein: In unserer alternden Gesellschaft wird es immer mehr Sehbehinderte geben: „Die Generation, die jetzt mit dem Internet aufwächst, will das auch noch nutzen, wenn sie im Alter schlecht sieht und schlecht hört.“ Erstaunlich, dass trotzdem erst vier Institute in Europa und acht weltweit daran arbeiten, mathematische Inhalte für Blinde erfahrbar zu machen.

Lexikon

Die Brailleschrift
wurde 1825 von Louis Braille entwickelt, der im Kindesalter erblindet war. Er baute dabei auf eine militärische „Nachtschrift“ auf, die er stark vereinfachte.

Die Schriftzeichen sind ein Muster aus drei mal zwei Punkten, die typischerweise in Papier eingeprägt sind.

Seit 30 Jahren werden bei Computern für die Textausgabe Braille-Zeilen verwendet.
Weil dafür mehr unterschiedliche Zeichen notwendig sind, wurde die „Basisschrift“ auf
vier mal zwei Punkte erweitert.

Es gibt viele Varianten von Brailleschriften – etwa als Musikschrift oder auch als Silbenschrift z.B. für das Chinesische.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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