"An Jugendliche werden keine Softdrinks ausgeschenkt!“ Hängen solche Plakate bald in Wirtshäusern neben denen mit der Altersgrenze für Alkohol? Und werden Heranwachsende im Supermarkt einen Ausweis zücken müssen, sobald sie Cola oder Ähnliches kaufen wollen? Sofern sie es überhaupt zahlen können, wenn die süßen Säfte einmal prohibitiv bepreist sind, doppelt so hoch wie heute? Nach solchen Maßnahmen ruft eine Gruppe von US-Ärzten um Robert Lustig (UC San Francisco), die die Gesundheitsgefahren von übermäßigem Zuckerkonsum mit denen von Alkohol vergleicht und deshalb eine „ähnliche soziale Intervention“ fordert, und das nicht irgendwo, sondern in Nature, einem der führenden Wissenschaftsjournals (482, S. 27).
Hintergrund ist zum einen die „Epidemie der Fettleibigkeit“, die überall dort grassiert, wo der westliche Lebensstil eingezogen ist, und die sich in den USA laut Militärärzten schon zur „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ ausgewachsen hat: Jeder Vierte, der zu den Soldaten will, ist zu dick. Aber es geht nicht nur um die Verfettung – über deren Zusammenhang mit dem Zuckerkonsum streitet die Wissenschaft –, es geht auch und vor allem um Menschen mit Normalgewicht: 40 Prozent leiden am „metabolischen Syndrom“, darunter fallen Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Alle diese Krankheiten werden laut Lustig auch „von Zucker induziert“, er kann zudem die Leber verfetten und das Altern beschleunigen. Das macht ihn, „exzessiv“ konsumiert, zum „Gift“, an das man sich gewöhnt, wenn man nicht gar eine „Sucht“ danach entwickelt.
„Gräser, die ohne Bienen Honig erzeugen“
Denn von der Evolution her ist der Mensch darauf nicht eingestellt: Über Jahrhunderttausende gab es Zucker(haltiges) nur periodisch – wenn süße Früchte reif waren – oder in kleinen Mengen, im Honig etwa. Aber dann, vor 8000 Jahren, wurde in Papua-Neuguinea ein süßes Gras domestiziert, es fand seinen Weg nach Indien, von dort brachte ein Heerführer des Darius 510 v. Chr. die Kunde nach Europa: Es gebe „Gräser, die ohne Bienen Honig erzeugen“. Er brachte es auch mit, das Gras – Zuckerrohr –, es wurde am östlichen Mittelmeer angepflanzt.
Weiter nördlich gedieh es nicht, es blieb ein Luxusgut, das in Apotheken gehandelt wurde und die Tische der Reichen schmückte, oft nur zur Dekoration. Das Angebot stieg, als die Neue Welt erobert wurde, in ihr gedieh das Rohr und bald auch die Sklavenarbeit. Das Angebot stieg weiter, als ein Berliner Chemiker 1747 eine neue Quelle erschloss, die Zuckerrübe. Damals lag der Konsum pro Kopf und Jahr bei ca. zwei Kilo, er stieg langsam, seit Ende des 19. Jahrhunderts explodierte er: Jeder Österreicher konsumiert heute 35 bis 38 Kilo im Jahr, jeder US-Amerikaner fast doppelt so viel, weltweit hat sich der Absatz in den letzten 50 Jahren verdreifacht. Zucker ist allgegenwärtig, manchmal sieht man ihn in seiner weißen Pracht, manchmal nicht: In einem Liter Cola stecken 100 Gramm, das sind 20 Teelöffel bzw. 400 Kilokalorien. Im Weltschnitt nimmt jedermann täglich 500 Kilokalorien allein an dem Zucker zu sich, der in einem Fertigprodukt steckt.
Das ist Ärzten schon lange zu viel: 2003 empfahl die Weltgesundheitsorganisation WHO, Zucker sollte nicht mehr als zehn Prozent der täglich aufgenommenen Kalorien ausmachen (österreichischer Schnitt: 2500).
Daraufhin erhielt WHO-Chefin Gro Harlem Brundtland Post von der „Sugar Association“, einer Organisation der US-Zuckerindustrie – diese drohte damit, bei der US-Regierung eine Einstellung der Zahlungen an die WHO zu erwirken. Auch Lustig ist klar, „dass ein Regulieren des Zuckerkonsums nicht einfach sein wird“. Deshalb wird mancherorts schon zur Selbsthilfe gegriffen: In South Philadelphia, einer Stadt in Pennsylvania, schwärmen kurz vor dem täglichen Schulschluss Eltern aus und bilden Kordons um Lebensmittelgeschäfte in der Nähe von Schulen, sie lassen keine Schüler hinein. Anders werden sie des Zuckerhungers bzw. Softdrinkdurstes ihrer eigenen Kinder nicht Herr.
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