26.05.2012 02:31 | Meine Presse Merkliste 0

Norden: Ultima Thule schlägt "La Dolce Vita"

06.02.2012 | 18:27 |  MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Lange Zeit war der Ausgangspunkt des Kompasskreises eine vernachlässigte Himmelsrichtung. Seit dem Ausbruch der Schuldenkrise wissen wir, dass im Süden der Schlendrian herrscht und im Norden der Fleiß daheim ist.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Flucht in den Süden“ hieß ein schmaler Band, den Sławomir Mrożek 1961 publizierte. Darin erzählte der polnische Dramatiker und Satiriker die Geschichte eines sprechenden Menschenaffen, den das Schicksal (in der Gestalt eines sinistren Schaubudenbesitzers) in den Norden Polens verschlagen hatte und der mithilfe dreier Burschen den Ausbruch plante. Der Fluchtweg sah wie folgt aus: zuerst in die Hohe Tatra, dann unterirdisch durch die Tschechoslowakei bis nach Mazedonien, weiter durch die Türkei nach Persien, den Euphrat entlang, und über Indien und Burma nach Indonesien.

Ob dem Primaten die Rückkehr gelang, wissen wir nicht. Mrożek ließ seine Figur beim Betreten des Höhlensystems in den polnischen Bergen zurück, während sich seine Fluchthelfer auf den Heimweg machten. „Und als sie den Ausgang der Höhle suchten, kam es ihnen vor, als würden sie die unförmige Gestalt ihres Freundes sehen, wie sie lichtdurchflutete Landstriche durchschreitet, immer der Sonne entgegen.“

Das war natürlich grundiert vom Kalten Krieg und vom Eisernen Vorhang, der jedem Menschen in Polen den Weg in mildere und lichtere Regionen versperrte. Aber das Motiv der Reise von Nord nach Süd ist viel älter, vermutlich so alt wie die Dichotomie zwischen diesen Himmelsrichtungen: da der karge Norden, dort der üppige Süden. Der Archetyp jener Menschen, die ihr Glück in wärmeren Gefilden suchen, waren die Vandalen. Der germanische Stamm brach von seiner Heimat im heutigen Polen auf – nicht ganz freiwillig, von Osten drängten Goten heran –, durchkreuzte im fünften Jahrhundert Mitteleuropa und Iberien, setzte nach Afrika über und ließ sich endlich in und um Karthago nieder, der Kornkammer der Römer.

Dass im Zuge dieser Wanderung auch das Handelsnetz des römischen Reichs zerrissen und damit der Untergang Roms besiegelt wurde – und die „Vandalen“ in üblen Ruf kamen –, war ein Begleitschaden: Die Vandalen hatten nichts gegen das Imperium Romanum, sie wollten nur ihren Platz an der Sonne. Und vielleicht muss man die teils obsessive Beschäftigung teutonischer Herrscher mit mediterranen Ränkespielen in dieselbe Kategorie einordnen und die römische Kaiserkrone als Sinnbild für La Dolce Vita sehen.

Auf unserem mentalen Kompass spielte jene Himmelsrichtung, die mit null bzw. 360 Grad Ausgangspunkt und Ende des Kreises markiert, lange eine untergeordnete Rolle. Der Norden war der Ursprung der Sehnsucht, der Süden der Ort ihrer Erfüllung – „Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage“, wie es in Rilkes Herbstgedicht heißt. Da war die Sehnsucht nach dem Süden – nach seinem Licht, das die Augen und die Gehirne öffnete, dort wurde die Philosophie geboren – auf dem Höhepunkt, das Bürgertum hatte sie kultiviert, spätestens nach Goethes Reise nach Italien.

Dass die Wahrnehmung des Nordens heute anders ist, hat vor allem einen pragmatischen Grund: die Ökonomie. Spätestens seit dem Ausbruch der europäischen Schuldenkrise wissen wir, dass im Süden der Schlendrian herrscht und im Norden Geld und Fleiß daheim sind. Was das Wirtschaftswachstum anbelangt, zählen die Ostsee-Anrainer Schweden, Finnland, Lettland, Estland und Deutschland zur konjunkturellen Elite der Union – zumindest im Moment.

 

Rüpelhafte Schweden...

Doch die Aufwertung des Nordens kam nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Ein Einflussfaktor war die Tatsache, dass jene strebsame, gesittete und zukunftsorientierte Geisteshaltung, die der Soziologe Max Weber 1905 in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ gelobt hat, im kühlen Norden gut verankert zu sein scheint – was beileibe nicht immer und überall der Fall war, denn noch im 19.Jahrhundert, tausend Jahre nach den Raubzügen ihrer Wikinger-Vorfahren, galten schwedische Seeleute wegen ihrer alkoholgeschwängerten Rüpelhaftigkeit als Schrecken aller Hafenmeister. Die Wikinger waren wohl die einzigen, für die der Norden eine positive Bedeutung hatte – als Niflheim, Heimat der Frostriesen und jener Ort, an dem die Urquelle Hvergelmir entspringt, die den Weltenbaum Yggdrasil mit Wasser versorgt. Doch selbst sie blieben nicht daheim, sondern kamen bis ins Mittelmeer. Für die Südländer wiederum war der Norden jene Himmelsrichtung, wo sich Thule befand, sagenumwobenes Eiland am Ende der Welt und Heimat des Comic-Prinzen Eisenherz. Dieser Name blieb uns im Fachausdruck „Ultima Thule 2008“ erhalten, der den nördlichsten Landpunkt der Erde bezeichnet.

Die Kategorisierung des Weltkreises in gute und schlechte Himmelsrichtungen ist so hartnäckig, dass sie selbst die Barriere zwischen Realität und Fiktion überwunden und in der imaginären Topografie der fantastischen Literatur Einzug gehalten hat. Man nehme etwa die Welt, die der Brite J.R.R. Tolkien, Schöpfer des Epos „Herr der Ringe“, kreiert hat: Im Westen und Süden die Kräfte des Lichts – Hobbits, Elfen und Menschen; im Osten der Bösewicht Sauron – „im Lande Mordor, wo die Schatten drohn“. Und der Norden? Eine Einöde, die durch Berge vom Rest der Welt separiert ist und für Tolkien keinerlei Bedeutung hat.

Dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch das Genre. Der wohl einzige Nordländer, der es im Fantasy-Metier zu etwas gebracht hat, ist Conan der Barbar – doch selbst er hielt es nicht lange in seiner unwirtlichen Heimat Cimmerien aus, sondern machte sich auf den Weg in den Süden, um dort König zu werden.

Wer heute an den Norden denkt, kann hingegen aus dem Vollen schöpfen – Kinderbücher von Tove Jansson und Astrid Lindgren, modernistische Möbel von Aarnio Eero und Arne Jacobsen, die Kompositionen von Arvo Pärt, Ikea und Volvo, der skandinavische Mix aus dicht geknüpftem Sozialnetz und international wettbewerbsfähigen Firmen. Selbst in kulinarischer Hinsicht hat sich das Blatt gewendet. Noch vor wenigen Jahren fiel dem Durchschnittseuropäer zur skandinavischen Küche nur der Schlachtruf des dänischen Kochs aus der „Muppet Show“ ein: „Smørrebrød, Smørrebrød, røm pøm pøm pøm.“ Sein Nachfolger ist René Redzepi, dessen Kopenhagener „Noma“ 2011 zum weltbesten Restaurant gekürt wurde.

 

...und biedere Hanseaten

Ist nun der frivole Süden dazu verdammt, wie einst der Norden aufs Abstellgleis der Geschichte verfrachtet zu werden? Wer diesen sozioökonomischen Determinismus auf die Spitze treiben möchte, kann auch weiter zurückblicken als auf die aktuelle Krise und einen Vergleich zwischen der Hanse und den italienischen Stadtstaaten anstellen: Während Genua und Co. im Laufe des Spätmittelalters zur Speerspitze der Finanzavantgarde aufstiegen und die Spekulation mit Wertpapieren erfanden, ging es bei den Kaufleuten im Norden langweiliger zu: biedere Wechsel statt hohe Schulden. Selbst der Tauschhandel hielt sich bei den Hanseaten erstaunlich lange.

Dass Südeuropa biederer werden muss, steht angesichts der Schuldenberge, die es abzutragen gilt, außer Frage. Doch diese Entwicklung, so lobenswert sie in volkswirtschaftlicher Hinsicht auch sein mag, stellt die Nordländer auch vor ein Dilemma: Wenn der Süden nicht mehr üppig sein darf, wohin soll man dann noch flüchten?

Auf einen Blick

Ein Nord-Süd-Dialog mit schwerwiegenden Folgen war der Einfall der Vandalen ins römische Reich. Der germanische Stamm, der im heutigen Polen siedelte, musste Goten weichen. Er wandte sich erst nach Westen, dann nach Süden, über Spanien nach Nordafrika: Man eroberte die Kornkammer Roms, Karthago, man fiel in Rom ein und zog sich wieder zurück. 534 war alles zu Ende, Ostrom eroberte Karthago, die Vandalen verschwanden, die Männer im römischen Heer, die Frauen in Ehen mit Römern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

2 Kommentare
Gast: Be-obachter
07.02.2012 19:26
0 0

Die Vandalen

wurden wohl nicht von den Goten südwärts gedrängt, es muss andere Ursachen gehabt haben. Weil es ist überliefert, dass ein Bote zu den Vandalen nach Nordafrika geschickt wurde um sie zu fragen, ob die von ihnen zurückgelassenen Ländereien noch "reserviert" bleiben sollen oder den dort verbliebenen Vandalen übereignet werden dürfen.

Erstaunlich zivilierte Gesellschaft bereits zu jener Zeit!

Gast: Kapiert?
07.02.2012 07:50
1 1

Der deutsche Süden!

Bayern (katholisch) und Baden-Würtenberg (protestantisch) sind Jahr für Jahr die wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der BRD. Und die Schweiz und die Niederlande sind ohnedies gemischt protestantisch und katholisch.

Bitte keine Paulschalierungen ("protestantische Arbeitsethik").