Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Mitmenschen in einer Notlage, aus der er sich befreien kann, wenn Sie ihm helfen: Wenn Sie ihm ein Werkzeug reichen, einen Stock etwa oder ein Seil! Das können Sie, Sie haben eine Werkzeugkiste mit sieben verschiedenen Instrumenten – einem Stock, einem Strick, einem Pinsel etc. –, Sie müssen nur erstens helfen wollen und zweitens begreifen, welches Instrument der andere braucht. Natürlich reichen Sie ihm dann das richtige: Wir können uns in andere emotional hineinversetzen (Empathie), und wir können uns intellektuell in sie hineinversetzen, ihre Gedanken lesen („theory of mind“), im Beispielsfall nachvollziehen, was der andere für die Befreiung aus seiner Notlage plant und welches Instrument er dafür benötigt. Dann helfen wir gezielt („targeted help“).
Das können wir, nur wir, das macht uns keiner nach. Oder doch? Schon in der Antike wurde beobachtet, dass Delfine einander – und vielleicht sogar Menschen – ganz gezielt helfen, sie beißen Gefangene aus Fischnetzen und von Harpunenleinen frei, sie stützen Ertrinkende; Ähnliches tun Elefanten, sie richten Sterbende auf, tragen Futter für sie herbei; zuletzt gesellten sich gar Ratten, die ohne Zögern gefangene Mitratten befreien, zum Heer der Helfer.
Geizen Menschenaffen, auch mit Hilfe?
Natürlich gehören auch Affen dazu, vor allem Menschenaffen, jeder Tierpfleger kann davon erzählen. Aber ausgerechnet bei den uns am nächsten verwandten ist es umstritten: In vielen Experimenten sind Schimpansen nicht so freigiebig wie wir, geben etwa ungern Futter ab, und sie geizen auch mit Hilfe. Manche Forscher schließen daraus, dass exakt hier – bei Empathie und „theory of mind“ – die entscheidende Grenze zwischen ihnen und uns verläuft.
Aber wenn sich in einem Experiment etwas nicht zeigt, kann das auch am Design des Experiments liegen: Shinya Yamamoto (Primate Research Center, Kyoto University) hat einen neuen Anlauf unternommen und zwei Schimpansen in zwei nebeneinanderliegende Kammern platziert. Die Wand dazwischen war entweder durchsichtig oder opak, und sie hatte, etwa in Brusthöhe der beiden Tiere, einen Schlitz. Der war groß genug, um eine Hand durchzustrecken oder – falls die Wand opak war – um einen Blick hindurchzuwerfen. Einer der Schimpansen musste eine Aufgabe lösen, er brauchte dafür ein Werkzeug – entweder einen Stock oder einen Strick –, aber er hatte keines. Dafür hatte der andere gleich sieben Stück – Stock, Strick, Pinsel etc. – wild durcheinander in einer Kiste. Daraus konnte er wählen, wenn der andere Hilfsbedarf signalisierte: seine bittende Hand durch den Schlitz steckte. Dass er das tut, darauf hatten die Forscher die Tiere trainiert, sie waren auch alle wohlvertraut damit, welches Werkzeug man für welche Aufgabe braucht.
Mehr nicht, ansonsten ließen die Forscher dem Experiment freien Lauf. Und vier (von fünf) Schimpansen wählten (meist) das richtige Instrument und drückten es in die bittende Hand. Nur ein Weibchen, Pan, offerierte zunächst immer etwas völlig Ungeeignetes, den Pinsel. Aber als die Forscher den aus dem Angebot entfernten, griff auch dieses Tier richtig, nach Bedarf des anderen.
Den mussten allerdings alle Tiere erst einmal sehen. Wenn die Wand opak war, drückten sie zwar auch etwas in die bittende Hand, aber das war nach Zufall gewählt: Sie leisteten Hilfe, aber keine „gezielte“. Nur eines der Versuchstiere, das Männchen „Ayumu“, tat es auch dann: Wenn die bittende Hand kam, richtete es sich auf, sah durch den Schlitz und machte sich ein Bild vom Bedürfnis des anderen (Pnas, 6. 2.). Dann wählte es mit Bedacht. Es braucht bei den Schimpansen also zweierlei für die „gezielte Hilfe“: Der Notleidende muss dazu auffordern – mit der bittenden Hand –, und der Helfer muss die Notlage nachvollziehen können.
Schimpansen sind wie Menschenkinder
Das ist bei uns auch so, wenn wir klein sind. Ab dem Alter von 18 Monaten helfen Kinder Erwachsenen, die ihnen unbekannt sind, Margerita Svetlova (Pittsburgh) hat es gerade gezeigt (Child Development 81, S. 1814). Aber sie helfen nur dann, wenn der Erwachsene lange auf sie einredet und seine Situation erklärt. Das ändert sich erst mit 30?Monaten, dann kommt Hilfe auch ohne Aufforderung: „Das Verhalten von Schimpansen ist dem von 18 Monate alten Menschen sehr ähnlich“, schließen die Forscher.
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