Morbus Alzheimer, der Schrecken der alternden Gesellschaften, ist kein mildes Versinken im Vergessen, er ist eine bittere Niederlage im Kampf gegen versagende Teile des eigenen Gehirns. Manche bäumen sich auf in ohnmächtigem Zorn – das hat gerade Rudi Assauer, Ex-Manager von Schalke 04 im TV-Outing getan –, andere wollen das Heft nicht aus der Hand geben und greifen zur Pistole, Gunther Sachs tat es. Die Medizin konnte bisher keine Hoffnung machen, obwohl an dem seit 111 Jahren bekannten Altersleiden geforscht wird wie nirgends sonst. Man kennt nur zwei Zeichen der Krankheit im Gehirn, Zusammenballung von Proteinen (Plaques) und Verdrillung von Nervenfasern (Fibrillen), und man weiß, dass zehn Prozent der Fälle erblich sind, der Rest kommt spontan.
Und man kann immer früher diagnostizieren – das ist eher fragwürdig, solange es keine Therapie gibt. Aber nun kommt völlig überraschend Hoffnung, höchst vorsichtige: Ein Team um Gary Landreth (Case Western Reserve University) hat an Mäusen mit gentechnisch eingebautem Alzheimer ein Medikament getestet, das für gewöhnlich gegen Krebs eingesetzt wird: Bexaroten. Die Idee war so weit hergeholt, dass sich kaum Forschungsgelder fanden.
Mäuse erinnern sich ans Nestbauen
Aber die Kur hatte Erfolg: Die Plaques lösten sich teilweise auf, sehr rasch, nach sechs Stunden waren 25 Prozent verschwunden, nach drei Tagen 75 Prozent. Und dann änderte sich auch das Verhalten: Mäuse bauen Nester, sie verwenden gern Papiertaschentücher, die sie in kleine Stückchen zerreißen und dann aufschlichten. Die Alzheimer-Mäuse hatten das vergessen, sie rührten die Papiertaschentücher nicht an. Aber nach drei Tagen bauten sie wieder Nester, auch ihre geschwächte Reaktion auf Düfte kehrte zurück (Science, 9.2.).
„Wir haben ein mögliches Versprechen auf eine Therapie für Alzheimer entdeckt“, schließt Landreth, „aber wir müssen sehr klar sagen: Das Medikament wirkt sehr gut an Mäusemodellen. Ob es bei Menschen ähnlich ist, müssen wir erst klären. Wir sind in einer sehr frühen Phase.“ jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)
Apollo 11 Die erste bemannte Mondlandung
Biologie extrem Die Top 10 der neuen Arten
Tödliche Experimente Für die Wissenschaft in den Tod