Warum sich Frauen seltener einem Wettbewerb stellen

In Spitzenpositionen sind Frauen auch heute noch Seltenheiten. Schon im Kindergarten sind Buben wettbewerbsfreudiger als Mädchen. Über die Gründe wird noch gerätselt. Sicher ist, dass Interventionen wirken.

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(c) Bilderbox

Frauen verdienen in Österreich deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Und in Spitzenpositionen sind Frauen auch heute noch auffallende Seltenheiten. Über die Benachteiligungen im Berufsleben wird viel diskutiert – und nach Gründen dafür viel geforscht.

Einer der Gründe, warum Frauen im Berufsleben oft schlechter abschneiden, wurde erst kürzlich entdeckt: Frauen treten weniger gern einen Wettbewerb an als Männer. Das konnte Matthias Sutter, experimenteller Ökonom an der Uni Innsbruck, kürzlich bei einem Laborexperiment an 360 erwachsenen Probanden beweisen (Science 335, S.579). Und er konnte, wie „Die Presse“ berichtete, auch zeigen, dass Maßnahmen, mit denen die Chancen von Frauen verbessert werden – etwa Quotenregelungen–, wirklich wirken.

Doch woher kommt der Geschlechterunterschied? Und besteht er von Geburt an, oder entwickelt er sich erst im Laufe der Lebensjahre? „In einem Projekt mit etwa 1500Kindern haben wir gezeigt, dass es im Alter von circa vier Jahren beginnt, dass Buben mit höherer Wahrscheinlichkeit in einen Wettbewerb eintreten als Mädchen“, erläutert Sutter. Ab dann bleibt der Geschlechterunterschied gleich. Bei vielen Experimenten ging es um Rechnen (bei Älteren) oder Laufen (bei Jüngeren). Aber auch bei motorischen Aufgaben, bei denen Mädchen definitiv besser und schneller sind, zeigte sich der Unterschied: In einer Studie ging es darum, aus einem Korb mit unterschiedlichsten Holzgegenständen z.B. alle Sternchen oder Bäumchen herauszusuchen. „Sobald wir den Test im Wettbewerb anboten, wollten die Mädchen weniger mitmachen“, so Sutter. Konkret: Es waren um 20Prozent weniger Mädchen, die sich das trauten.


Allein oder gegeneinander. Diese Ergebnisse sagen noch nichts über die Gründe aus. Bei einer seit zwei Jahren laufenden Studie mit knapp 600Jugendlichen aus Tiroler Schulen konnten die Forscher aber nun einige Einflussfaktoren herausfiltern. Die zentralen Fragen bei diesem Projekt lauteten: Welchen Einfluss hat das Lebensalter auf die Wettbewerbsorientierung? Und kann man Maßnahmen entwickeln, die den Unterschied zwischen Männern und Frauen aufheben? Die Untersuchung wurde vom Wissenschaftsministerium im Programm „Sparkling Science“ gefördert, in dem Jugendliche durch aktive Mitarbeit an der Forschung für Wissenschaft begeistert werden sollen.

Die Schüler aus der fünften, achten und elften Schulstufe mussten unter Zeitdruck Rechenaufgaben lösen und bekamen für richtige Ergebnisse Geld. Sie konnten sich aussuchen, ob sie allein oder im Wettbewerb gegen andere Schüler rechnen wollen. Für jede für sich allein gelöste Addition wurden 40Cent in Aussicht gestellt. Wenn man hingegen in einer Sechsergruppe um die Wette rechnete, dann winkten den beiden besten Schülern 1,2Euro pro Addition. „Da ist natürlich Risiko dabei, und diese Version sollte man nur wählen, wenn man wirklich gut ist“, sagt Sutter: „Das haben die, die gut rechnen können, auch gemacht. Aber die Burschen hatten, egal wie gut sie waren, eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, in den Wettbewerb einzutreten als die Mädels.“

Zwei Gründe für diesen Unterschied konnte das Forscherteam identifizieren: Erstens überschätzen sich Burschen systematisch. Fragt man die Kinder nach ihrer Einschätzung, ob sie Erst-, Zweit- oder Drittbeste der Gruppe sind, geben Mädchen meist genau jene Rechenleistung an, die man am Ergebnis ablesen kann. Buben schätzen sich aber um 15 bis 20Prozent besser ein, als sie wirklich sind.

Zweitens sind Männer einfach risikofreudiger als Frauen. „Sogar junge Frauen sind risikoscheu, sie sehen weniger Anreiz, in eine Wettbewerbssituation einzutreten, bei der sie ohne Belohnung aussteigen könnten.“

Doch diese beiden Gründe erklären nur zu circa 50Prozent, warum Burschen so viel öfter die Wettbewerbsvariante wählen als Frauen. „Der unerklärbare Rest wird von uns die ,Variable Geschlecht‘ genannt“, sagt Sutter: „Wir wissen nicht genau, woran es liegt.“ Einerseits könnten genetische Faktoren eine Rolle spielen – allerdings hat bisher noch niemand ein „Wettbewerbsgen“ gefunden. Andererseits könnten frühkindliche Sozialisierung und die Rollenbilder der Gesellschaft die Frauen in eine weniger wettbewerbsorientierte Rolle drängen.


Quotenregelungen. Sutter hält es für wahrscheinlich, dass es eine Mischung aus beidem ist. Weltweit tragen Forscher Indizien dafür zusammen. Die Biologie spielt etwa dadurch eine Rolle, dass das Wettbewerbsverhalten von erwachsenen Frauen stark vom Hormonzyklus abhängt. Auch soziale Faktoren haben Einfluss: So weiß man, dass sich Frauen in egalitäreren Gesellschaften mehr zutrauen als in solchen mit starker Geschlechterdifferenzierung.

Das Spannende am „Sparkling Science“-Projekt war, dass die Jugendlichen selbst überlegt haben, wie man die besten Mädchen dazu bewegen kann, im Wettbewerb ihr Können zu zeigen. Wie im „echten Leben“ kam man auf zwei Interventionen: Erstens eine Quotenregelung, die besagt, dass das beste Mädchen automatisch einer der beiden Gewinner einer Sechsergruppe ist. Und zweitens eine „bevorzugende Behandlung“: Mädchen erhalten eine gelöste Rechenaufgabe als Startvorteil, sodass bei einem Unentschieden zwischen Bub und Mädchen automatisch das Mädchen gewinnt.

„Tatsächlich fördert beides die Bereitschaft der Mädchen, in den Wettbewerb zu treten“, resümiert Sutter. „Das wichtigste Ergebnis ist, dass insbesondere die guten Mädchen durch die Interventionen stärker den Wettbewerb wählten.“ Es wurden also nicht die schlechteren Rechner zum Sieger gekürt. Vielmehr trauten sich Mädchen, die wirklich zu den Besten gehörten, den Wettbewerb eher zu.

Zum gleichen Ergebnis kam die nun veröffentlichte Studie mit Erwachsenen. „Ich war über viele Jahre ein großer Skeptiker, was Quotenregelungen und andere Frauenförderungsmaßnahmen im Berufsleben anlangt“, bekennt Sutter. „Aber seit ich Forschungen in diesem Bereich mache, sehe ich, dass diese Maßnahmen sinnvoll sein können.“ Im Experiment war es leicht messbar, dass sich durch die „Bevorzugung“ die wirklich besseren Frauen in den Wettbewerb wagten. Im Berufsleben ist das natürlich nicht immer so leicht zu beweisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)

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