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Ein Joker der Evolution: Prionen

15.02.2012 | 18:27 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Die infektiösen Proteine, die Menschen und Tieren tödliche Hirnleiden bringen, programmieren bei Hefen Gene um und ermöglichen die Anpassung an neue Umwelten.

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Anfang der 90er musste man ein Schreckenswort erlernen: „Prionen“. Das sind Krankheitserreger, die Rinder, Schafe und Menschen töten, sie zerfressen Gehirne (Rinderwahn, Scrapie, Creutzfeld-Jacob). Für die Biologie und Medizin waren sie zunächst unvorstellbar, weil sie – anders als Bakterien und Viren – nicht belebt sind und keine Erbinformation tragen. Sie sind „protein only“. So nannte sie Stanley Prusiner, als er 1982 postulierte, dass auch Proteine Infektionskrankheiten bringen können. Er wurde verlacht, aber 1997 erhielt er den Nobelpreis: Prionen sind Proteine, die sich falsch falten und mit diesem Fehler andere Proteine anstecken. Ein Unfall der Natur. Oder mehr? Warum hat die Evolution den Spuk nicht aus der Welt geschafft? Sind Prionen auch zu etwas gut? Ja, zumindest die im Hefepilz Saccharomyces cerevisiae, die sich nicht nur bei der Produktion von Alkohol und Brot nützlich machen, sondern auch in vielen Labors. Dort fiel auf, dass manche Hefen ohne jede Genmutation andere Phänotypen entwickelten, wenn sie in neue Umwelten gerieten – andere Nährlösung etc. –, und dass um so mehr von ihnen das tun, je größer der Umweltstress ist. Und: dass dahinter Prionen standen, die epigenetisch in die Regulation der Gene eingriffen. Das vermuteten manche Forscher, vor allem Susan Lindquist (Cambridge, Massachusetts). Aber es blieb umstritten, andere sahen in diesen Prionen bzw. ihren Phänotypen Laborartefakte. Denn bei Hefen in der freien Natur kannte man keine Prionen.

 

Von Zelle zu Zelle vererbt

Aber das lag am Blick. Lindquist hat 690 wilde Stämme der Hefe analysiert: In einem Drittel waren Proteine, die in Laborhefen zu Prionen werden können. Sie wurden das auch in den Wildstämmen, als die Forscher sie unter Umweltstress setzten: Dann kamen schlagartig neue Phänotypen, die sich mit zunehmendem Stress häuften und zu erstaunlichen 50 Prozent nützlich waren. Zudem wurden sie vererbt, von einer Zelle zur anderen, was beim Einzeller S.cerevisiae zugleich bedeutet: von einer Generation zur nächsten (Nature 482, S.363). Prionen sind also eine Art Joker der Evolution.

Auch bei uns? Wir sind keine Einzeller, und ob Prionen dort wirksam werden, wo wir von Generation zu Generation vererben – in der Keimbahn: Eizelle und Sperma –, ist unbekannt. Aber auch bei uns können Prionen vermutlich – und sehr metaphorisch – etwas „vererben“: Erinnerung. Darauf deuteten anno 2010 Experimente des Wiener Emigranten Eric Kandel in New York (Cell 140, S.421). Wenn eine Gedächtnisspur sich verfestigen soll, muss die Synapse – der verbindende Spalt – zwischen Nervenzellen gestärkt werden, mit Proteinen. Normale Proteine können das nicht, sie zerfallen rasch. Prionen aber halten sich, sie stecken immer wieder neue Proteine an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2012)

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7 Kommentare
Gast: Rybka5
16.02.2012 11:24
6 3

Ich schau' ja nur hier rein, um die genialen Kommentare von Lavater zu verschlingen.

Zu meinem Bedauern, muss ich feststellen, dass er hierzu noch nicht kommentiert hat.
Lavater, wo sind Sie?

Antworten Gast: lavater
17.02.2012 22:11
3 1

Re: Ich schau' ja nur hier rein, um die genialen Kommentare von Lavater zu verschlingen.

Bin gerade in der Österr. Nationalbibliothek, um meine 22.065 Kunstblätter anzusehen.

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Viren und Bakterien

aber Herr Langenbach! Da müssen Sie schon ein wenig auf die Ausdrucksweise achten =(

"Für die Biologie und Medizin waren sie zunächst unvorstellbar, weil sie – anders als Bakterien und Viren – nicht belebt sind und keine Erbinformation tragen."

Diese Formulierung könnte den Eindruck erwecken, dass auch Viren belebt sind.
Dabei ist das so eine wichtige Differenzierung, die auch so schön zeigt, dass es nicht nur das eine oder das andere gibt, sondern Viren praktisch zwischen Stein und Lebewesen stehen.

Sonst mag ich Ihren Artikel aber (auch wenn Ihnen das wahrscheinlich nicht so wichtig ist)! =)

Re: Viren und Bakterien

natuerlich geht es mir hinunter wie Honig, wenn jemand meine Dinge gerne liest
(aber ebenso gerne wuesste ich, wer diese/r jemand is,
Sie kennen mein censeo gegen die pseudonyme Posterei)

zur Sache, den Viren, da kann man es nur falsch machen. Schreibe ich: sie leben, habe ich die eine Fraktion auf dem Hals,
schreibe ich: sie leben nicht, die andere
(nur Lavatern greift da nie ein, mit gutem Grund, in der Genesis gibt es keine Viren, und eine Erklärung fuer die Entstehung von HIV vor 50 oder 80 Jahren hat er auch noch nicht geliefert)

es hängt halt alles daran, wie man "Leben" definiert, über Stoffwechsel und Reproduktion
oder über Information,

da gab es heute noch eine nette Koinzidenz: Im "Scientist" denkt jemand darüber nach, ob Viren leben und wie man Leben definieren soll (ich glaube, der Artikel ist frei zugaenglich)

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Re: Re: Viren und Bakterien

ist tatsächlich ein netter Artikel zu dem Thema (hier der Link: http://the-scientist.com/2012/02/16/opinion-what-is-life)! Danke für den Hinweis =)

Dass Sie die Forenbeiträge lesen, finde ich sehr lustig =) Ist Ihnen das noch gar nicht zu mühsam geworden? Ich glaube, ich würde unsere Plauderei/Streiterei nicht mitlesen wollen.

Antworten Antworten Antworten pck0
17.02.2012 11:41
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Re: Re: Re: Viren und Bakterien

Wenn man die Kommentare im Scientist mit denen in der Presse vergleicht wird man ganz deprimiert...

Meiner Meinung nach kann man Viren höchstens zu Lebewesen honoris causa ernennen, sonst ist wie im Artikel schon erwähnt dem Reduktionismus keine Grenze gesetzt, dann müsste man logischerweise mit anderen mobilen genetischen Elementen weitermachen, zuerst endogene Retroviren, dann ists nicht weit zu Transposons, Plasmide sowieso, etc., irgendwann ist dann alles ein Viech.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Ich bin gut zu Vögeln!
17.02.2012 12:14
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Re: Re: Re: Re: Viren und Bakterien

Ich möchte ja nicht Ihre wunderbare Depression zerstören, aber zu Lavaters Ehrenrettung muss schon erwähnt werden, dass jemand wie er dem Scientiest bereichern würde.