Kaiserin Elisabeth hat nichts an lebensvoller Gegenwart in der Erinnerung verloren. Noch anziehender als jemals zuvor wirkt ihre von allen Reizen eines tiefen Gemüts umflossene Gestalt auf die Einbildungskraft des Volkes.“ So beginnt der Leitartikel in der „Neuen Freien Presse“ am 10. September 1908, dem zehnten Jahrestag ihrer Ermordung durch den italienischen Anarchisten Luigi Lucheni. Ehrfürchtig und in wahrhaft barocken Sprachbildern wird Elisabeths gedacht. Die Rede ist etwa von einer „Vereinigung der Schönheit des Körpers und des Geistes, der äußeren Stellung und der inneren Gewalt zu einer strahlenden und mächtigen Harmonie, zu einer tiefen, alles durchdringenden Vornehmheit“.
Wie anders sahen die Berichte zu Lebenszeiten der Kaiserin aus: Medien schenkten ihr zuletzt so gut wie keine Beachtung. Ihr 50.Geburtstag z.B. wurde in der „Neuen Freien Presse“ am 24. Dezember 1887 gerade einmal mit sieben Zeilen bedacht. Von ihrem 60.Geburtstag erfuhren die Leser nur, dass sie ihn in Paris begehe. Dass Elisabeth in ihrem letzten Lebensjahrzehnt kaum mehr medial präsent war, darf nicht verwundern: Sie hatte sich sukzessive aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und trat nur mehr zu den wichtigsten Anlässen bei Hof auf. Die Bevölkerung hatte kein aktuelles Bild der Kaiserin – die letzten authentischen Fotos stammen aus dem Jahr 1869, diese wurden dann immer wieder kopiert (sodass bei Doppelporträts des Herrscherpaares der Kaiser immer älter wurde, Elisabeth aber stets jugendlich blieb). Abgesehen von einem offiziellen Kommunique zu ihrem (dürftigen) Gesundheitszustand im Juli 1898 wusste nur ihre engste Umgebung Genaueres darüber, wie es ihr ging, was sie machte – und wo sie gerade war.
Das änderte sich nach dem Mordanschlag in Genf schlagartig. Der Tod der Kaiserin wurde zu einem riesigen Medienereignis, alle Zeitungen widmeten ihr den Leitartikel, die „Neue Freie Presse“ stampfte über Nacht sechs Seiten Sonderberichte aus dem Boden.
Welle der Sympathie. In allen Medien sei die Berichterstattung über Elisabeth „im Großen und Ganzen eine einheitlich positive“ gewesen, resümiert Evelyn Knappitsch, Historikerin an der Universität Graz, in ihrem eben erschienenen Buch „(Nach-)Blicke auf die Kaiserin“ (64 S., 12,90 Euro; Grazer Universitätsverlag). Sie hat darin die Berichterstattung von fünf Wiener Zeitungen zwischen 10. und 22. September 1898 analysiert. „Wurde die Kaiserin zu ihren Lebzeiten in der Residenzstadt als assimilationsresistente ,Fremde‘ begriffen, löste ihr tragischer Tod kurzfristig eine unvermutete Welle der Sympathie aus“, schreibt die Forscherin. Diese „spontane Popularisierung Elisabeths“ war aber in den verschiedenen Medien nicht einheitlich. Vielmehr erwiesen sich die pressemedialen Blicke auf Elisabeth „mehr als Spiegel der Gedankenwelt ihrer Betrachter denn als Abbild der Monarchin“. Mit ein Grund dafür war, dass es kaum verlässliche Quellen über ihr Leben gab: Es existierten nur eine Biografie und ein Vorabdruck eines Werkes zum 50. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph. Dadurch gab es viel Platz für Spekulationen. Die „Rekonstruktionen“ der Kaiserin waren daher „klar tendenziös und an die allgemeine Blattlinie“ angelehnt, so Knappitsch.
In den liberalen Zeitungen „Neue Freie Presse“ und „Neues Wiener Tagblatt“ entsprach Elisabeth demnach ganz dem Ideal der „bürgerlichen Frau“, die ihre Rolle als Kaiserin deshalb nicht erfüllt hat, weil sie eben nicht das repräsentative Glanzstück des Hofes sein wollte. Die „Wiener Zeitung“, das offizielle Amtsblatt des Kaiserhauses, beschrieb Elisabeth hingegen als „ideale Herrscherin“, die ihrem Mann eine Stütze war und sich sozial engagierte. Wenig überraschend betonte die „Arbeiter Zeitung“, das offizielle Organ der österreichischen Sozialdemokratie, die besondere Individualität Elisabeths und hob als einziges Medium hervor, dass sie bereits vom Alter gezeichnet gewesen sei. In den meisten Medien wurde ihre Schönheit und Anmut besungen – und in der Folge überhöht und entmaterialisiert. Das führende katholische Medium „Vaterland“ schrieb etwa, dass die Kaiserin nun „zu Füßen des Thrones des Allmächtigen als Österreichs guter Engel“ stehe.
Stark thematisiert wurden in allen Medien die psychischen Leiden der Kaiserin. Die Symptome wurden bisweilen in die Nähe der damals massenhaft diagnostizierten „Hysterie“ gerückt, allerdings wurde immer auch ein Bezug zum Schmerz nach dem Tod ihres Sohnes, Kronprinz Rudolf, im Jahr 1889 hergestellt. Elisabeth wurde in vielen Zeitungen zur „Mater Dolorosa“ stilisiert, die ihr schweres Unglück mit Würde zu tragen wusste. Dieser Gedanke trieb auch einige Blüten: Im Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ zum Beispiel war am 18.September 1898, dem Tag des Begräbnisses, zu lesen: „Sie war das Ideal einer Frau: als Gattin, als Mutter, als Königin, als Schönheit; ganz besonders aber als Dulderin, als Mater Dolorosa. Das duldende Weib ist ein Geschöpf, das der Gottheit am nächsten steht.“
Die Berichterstattung nach ihrem Tode war der Startpunkt des Mythos Elisabeth: Bereits wenige Wochen später überschwemmten Biografien der Kaiserin den Markt, die sich großteils auf die Informationen aus den Zeitungen stützten. Der moderne „Sisi-Mythos“ ist aber in den Augen Knappitschs dennoch kein Produkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern entfaltete sich erst in der Zweiten Republik voll – genährt vor allem durch die „Sissi“-Filmtrilogie (1955 bis 1957).
Jedenfalls sollte die „Neue Freie Presse“ vor 104 Jahren recht behalten: „Die Kaiserin Elisabeth kann nie vergessen werden“, lautete der Schlusssatz des eingangs zitierten Artikels.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)
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