„In 50 Jahren werden wir von dem Aberwitz abgekommen sein, ganze Hühner heranwachsen zu lassen, um dann ihre Flügel oder Brüste zu essen“, prognostizierte Winston Churchill in den 1930er-Jahren, „wir werden die Teile selbst in einem passenden Medium wachsen lassen.“ Der Prophet lag nicht schlecht, in den 90ern ging die Nasa an die Produktion von Fleisch aus der Retorte – „In-vitro-Fleisch“ –, und 2001 tischten US-Forscher erstmals etwas auf: Fischstäbchen aus vermehrten Zellen von Goldfischen. 2008 endlich schrieb die Tierschutzorganisation Peta eine Million Dollar für die Firma aus, die 2012 als erste synthetisches Huhn in die Supermärkte bringt.
Das Geld wird keiner abholen, obwohl etwa 30 Labors an den Töpfen forschen, aus denen einmal Fleisch quillen soll ohne Ende und vor allem ohne Blutvergießen. Immerhin, den ersten In-vitro-Burger soll es noch heuer geben, das versprach der Niederländer Mark Post auf der Jahrestagung der US-Forscher (AAAS): Er hat inzwischen ansehnliche Fleischstreifen: 3,5 mal 1,5 mal 0,5 Zentimeter. Und die würde er am liebsten von Heston Blumenthal verarbeiten lassen. Der ist Starkoch („The Fat Duck“), aber selbst wenn er käme, stünde sein Salär in keinem Verhältnis zum Preis des (einen) Burgers: 330.000 Dollar wird das Material kosten, aus dem er geformt werden soll.
Wabblig wie ein zu kurz gekochtes Ei
Das besteht aus Muskelzellen – Satellitenzellen –, die Schweinen per Biopsie entnommen werden und in einer Nährlösung aus Kälberblut wachsen. Aber das geht erstens nur in extrem dünnen Schichten – 100 bis 200 Mikrometer –, weil sonst die Zellen im Inneren der Streifen keine Nährlösung mehr erhalten; zweitens ist es aufwendig, weil Satellitenzellen sich nicht endlos teilen. Und drittens hat man am Ende völlig formloses Fleisch, wabblig wie ein zu kurz gekochtes Frühstücksei. Muskeln müssen daraus erst werden, Post trainiert sein Produkt mechanisch und mit Stromstößen.
Fehlt noch das Wichtigste, der Geschmack. Bisher hat niemand in vitro getafelt – die Goldfischstäbchen wurden nur berochen –, auch Post nicht, es ist unklar, ob ein Verkosten legal wäre. Nur ein Journalist hat in Posts Labor beherzt mit der Pinzette zugegriffen, bevor der Forscher es verhindern konnte: „Zäh und geschmacklos“ sei das Zeug. Also zieht Post in anderen Retorten noch Fett heran, und Geschmacksstoffe liefert die Industrie ohnehin.
Wozu das Ganze? Nicht nur Tierschützer würden sich freuen, die heutige Massentierhaltung bringt viele Probleme – vom Landverbrauch über die Gülle bis zum Treibhausgas Methan –, und nicht einmal sie wird den steigenden Fleischhunger stillen können. Auch die Gesundheit könnte profitieren: „Das Fleisch aus dem Labor wäre besser kontrolliert“, urteilte Ernährungswissenschaftler Philip Thornton (Nairobi): „Aber werden die Leute es auch essen?“ (Phil. Trans. Roy. Soc. B, 365, 2853). Diese Frage treibt auch die Entwickler des In-vitro-Fleisches um, sie wollen ihr Produkt zunächst als „functional Food“ den Reichen und Schönen andienen. Ein breiteres Publikum wird sich kaum finden: Auch bei den überschwänglichsten Prognosen bliebe Fleisch aus dem Labor doppelt so teuer wie das aus dem Stall.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)
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