Ötzi litt am Herzen und vertrug keine Milch

28.02.2012 | 18:12 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Das Genom des Mannes aus dem Eis liegt vor und macht seine Herkunft zum Rätsel: Die DNA weist nach Korsika. Ötzi wurde wahrscheinlich im Kampf erschlagen oder stürzte dabei unglücklich.

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Ötzi war ein robuster Mann mit viel Bewegung, er stieg in den Bergen herum und aß nicht fett. Und doch zeigen die Röntgenbilder seiner Adern eine extreme Verkalkung. Wie war das möglich?“, fragt Carsten Pusch, Humangenetiker an der Uni Tübingen. Er meint es rhetorisch, kennt die Antwort: „Es kam von genetischen Prädispositionen für Gefäßkrankheiten und Arteriosklerose, und von Borreliose, die alles verschlimmerte.“ Das liest der Forscher aus dem nun vorliegenden Genom des etwa 50 Jahre alten Mannes, der 1991 in den Ötztaler Alpen nach 5000 Jahren aus dem Eis kam.

2010 ging Pusch gemeinsam mit Alexander Zink vom Mumienforschungsinstitut in Bozen – im dortigen Museum ruht Ötzi seit 2006 wieder im Eis – ans Sequenzieren des Genoms. Die Forscher entnahmen Ötzis Becken ein winziges Knochenstück – 1,5 Zentimeter mal ein Millimeter, 50 Milligramm Gewicht –, sie wollten „nur einen Testlauf für ein neues Verfahren unternehmen“, berichtet Pusch: „Aber dann hatten wir fast das gesamte Genom, 96 Prozent.“ Darin zeigte sich etwa, dass Ötzis Augen mit hoher Wahrscheinlichkeit braun waren und nicht blau, wie zuvor vermutet. Das sickerte bald durch, weil das Museum in Bozen zum 20-Jahres-Jubiläum des Fundes eine Ötzi-Rekonstruktion anfertigen ließ. Zunächst hatte sie blaue Augen, dann wurde rasch umgefärbt.

 

Borreliose verschlimmerte Gefäßleiden

Aber der Rest des Sequenzierens verzögerte sich, bei der Jubiläumsfeier konnte das Genom nicht präsentiert werden, nun wird es nachgeholt (Nature Communications, 28.2.). Demnach hatte der Eismann Blutgruppe 0, er vertrug keine Milch – hatte nicht die Variantes des Laktase-Gens, die sie für Europäer auch im Erwachsenenalter leicht verdaubar macht –, und er hatte gleich drei Gene in Varianten, die das Risiko für Gefäßleiden und Arteriosklerose erhöhen. Zudem plagte ihn eben Borreliose. Das ist eine Infektionskrankheit, deren Erreger – Bakterien – von Zecken übertragen werden und die Böses anrichten, wo immer sie sich im Körper einrichten. Die Gene dieser Bakterien fanden sich in Ötzis Knochen, Pusch sah genau hin, er ist Spezialist, hat auch schon Krankheitserreger – für Malaria – im Genom Tutenchamuns gefunden und ist anderen bei Mitgliedern der Borgias auf der Spur. Das Problem ist immer das gleiche: Bakterien bzw. ihre Gene in fossilen Knochen sind oft Verunreinigungen, die sich erst nach dem Tod des Menschen in ihm breitmachen. Aber Ötzi hatte die Borrelia burgdorferi schon zu Lebzeiten im Leib, sie sorgte mit für seine Arteriosklerose.

 

Verwandtensuche: Aufwendig und teuer

Gestorben ist er an ihr nicht, er wurde im Kampf erschlagen oder stürzte dabei unglücklich, ganz exakt ist sein Ende nicht geklärt. Und nun kommen auch beim Anfang neue Ungewissheiten: „Wir haben sein Genom mit dem von 1300 heutigen Europäern verglichen“, berichtet Pusch, „und finden die meisten Ähnlichkeiten mit den Bewohnern der Inseln im Tyrrhenischen Meer, vor allem mit denen in Südkorsika und Nordsardinien.“ Wie das? Fest steht nur, dass der Eismann selbst nicht von dort stammte und in die Alpen wanderte: Man weiß aus früheren Isotopenanalysen seiner Knochen, dass er auch in den Alpen aufwuchs.

Aber seine Ahnen? Über die weiß man gar nichts. Und seine Erben? Zink vermutet, dass sie von neuen Zuwanderern aus den Alpen verdrängt wurden und sich nur auf den Inseln halten konnten, bis heute. Pusch ist vorsichtiger, er will in den Genomvergleich des einen fossilen Ötzi mit 1300 heutigen Europäern „nicht zu viel hineininterpretieren. Um die frühen Wanderbewegungen zu rekonstruieren, müsste man Ötzis Genom mit anderen Genomen aus dem Neolithikum vergleichen, man brauchte eine Bibliothek von etwa 100, 200 neolithischen Genomen.“

Aber die wäre aufwendig und teuer. Das wäre auch eine Suche nach heutigen Ötzi-Verwandten in entlegenen Tälern Tirols. Eine erste Runde mit dem mitochondrialen Genom – das ist das kleine in den Zellkraftwerken, es wurde früher schon sequenziert – hat keinerlei Erben in Tirol gefunden. Und eine neuer Anlauf, nun mit dem Kerngenom, wird wohl an den Kosten scheitern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2012)

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43 Kommentare
 
12
Gast: Was sagt das nun ...
03.03.2012 12:52
0

Damals und Heute


Menschen sollen auf ihre Herzen hören und danach leben.
Und befinden sich die Menschen in ihrer Mitte
sind sie gegen Entzündungen immun.

Gast: Gartenzwerg
02.03.2012 19:33
0

Wilderer

Ich denke Oetzi war nur ein Wilderer
oder anders er wurde ermordet, warum auch immer.
Deshalb hat der Mörder dem Oetzi die Ausrüstung dann nicht gestohlen denn dann hätte ja jeder den Mörder gefragt wo hast
du denn das her.

Wieviel Geld...

.. hat diese Erkenntnis gekostet? Wem interessiert es wirklich ob Ötzi Milch vertragen hat? Aber dieses Wissen hat sicher Millionen verschlungen, und was bringt es der Wissenschaft wirklich? Aber der Ötzi wird ausgeschlachtet, so wie die Kampusch!

Gast: damals und heute
01.03.2012 10:59
0

menschen leiden am herzen und vertragen keine milch


Gast: xxxx
29.02.2012 16:03
0

Wahrscheinlich hat der gute Ötzi an der Grenze ein Kopftuch aufgesetzt.

Seitdem ist er steif.

Gast: mavo
29.02.2012 13:39
0

neue Erkenntniss!

Interessant,habe auch Borreliose,aber kein Arzt will davon etwas hören,bzw. mich behandeln,muss ich also erst warten bis ich Arteriosklerose habe? vielleicht bekomme ich dann ärztliche Hilfe! unglaublich!!!

Re: neue Erkenntniss!

Das kenne ich auch,aber die Ärzte sind diesbezüglich sehr ungebildet,denn von Gicht über Arteriosklerose bis Depressionen ist Borelliose die Hauptursache für Krankheiten,die offiziell als ernährungsbedingt gelten.

Meiner Mutter erklärte z.B. ihr Hausarzt,als ich ihre Symptome dieser Krankheit über einen medizinischen Fachartikel übermittelt habe

wörtlich:

"Ist Ihr Sohn Arzt? Das ist ja nur eine Zeitungs-Ente"

Sie bekam dann von einem befreundeten Tierarzt

Tetracycline für Haustiere und konnte diese Infektions-Krankheit noch rechtzeitig stoppen.

Würde Borelliose von unseren Ärzten rechtzeitig erkannt werden,würden sich die Kosten für Nachfolge-Erkrankungen massiv verringern.

Nach serologischen Untersuchungen sind in Zeckengebieten 2/3 der Bevölkerung mit Borellien infiziert worden usw.

Re: Re: neue Erkenntniss!

Im Ernst jetzt, Sie haben Ihrer eigenen Mutter aufgrund einer Selbstdiagnose Marke Daumen mal Pi Borreliose wirds sein für Menschen nicht zugelassene Antibiotika gegeben, womöglich wochenlang in hoher Dosis???? Anstatt einfach zu einem anderen Arzt zu gehen????? Wow. Wow.

Re: Re: Re: neue Erkenntniss!

Das war der Tierarzt des Vertrauens meiner Mutter und die Symptome von Borelliose waren damals schon in den Medien bekannt,aber nicht bei ihrem Hausarzt,der sich mit 70 Jahren nicht mehr medizinisch weitergebildet hat, aber trotzdem mit der Verschreibung diverser Medikamente gut verdiente und in seiner Senilität noch praktizierte!

Verstanden?

Re: Re: Re: Re: neue Erkenntniss!

Alles klar Dr. Fishhouse, wohl bekommts!

Re: Re: Re: Re: Re: neue Erkenntniss!

Sie können auch Mister Fischgrund

zu mir sagen,

denn das ist auch meine Verwandtschaft in den US!

Antworten Antworten Gast: mavo
29.02.2012 16:35
1

Re: Re: neue Erkenntniss!

ich glaube,da geht es nur um die liebe kohle,die Folgekosten,bringen doch viel mehr ein,schlimm wenn wir alle im Anfangsstatium geheilt werden würden,da steckt so viel dahinter!die Pharmaintustrie,hat das sagen!!!

Re: Re: Re: neue Erkenntniss!

Genau!

Gegen Borelliose gibt es nämlich keine Impfung,wie gegen virale Meningo-Enzephalitis

und bei Borelliose gibt es nur viel zu verdienen

bei den danach auftretenden Folgekrankheiten.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: marvo
01.03.2012 15:52
0

Re: Re: Re: Re: neue Erkenntniss!

Aaron,ganz meiner Meinung!!!

Gast: Judas Ben Hur
29.02.2012 12:49
0

Ötz war also Migrant. Hm, also wollten damals schon alle ins gelobte Land - Mitteleuropa!

Mein Vorfahre war er definitiv nicht, da ich Milch in dermaßen rauen Mengen trinke wie Häupl seinen Veltliner.

Re: Ötz war also Migrant. Hm, also wollten damals schon alle ins gelobte Land - Mitteleuropa!

Der Michi trinkt keinen Veltliner,sondern nur edle Rotweine

und wegen der Milch als Gastgeschenk der Wikinger an die Indianer,

die dieses grausliche Getränk nicht vertragen haben,wurden sie auch aus N-Amerika vertrieben.

Gast: Juval
29.02.2012 12:19
0

Ötzi litt am Herzen und vertrug keine Milch

Also doch ein Italiener.

Re: Ötzi litt am Herzen und vertrug keine Milch

Auch 20% der erwachsenen Ösis vertragen keine Milch als Erwachsene!

Aber unsere Bio-Öko- Milchbauern brauchen eben Absatz und Profit.

Gast: ROTFRONT
29.02.2012 07:46
0

Hätte er eine ordentliche Schrumpfleber und kräftig ausgebildete Nierensteine...

dann wäre er eindeutig mit dem heutigen Typus "Tiroler Stutzentraditionsdreifaltigkeitsgebirgsschützen" verwandt, weil der sauft und sauft und sauft.

Das beweist auch wieder,

dass die Gesundheit von Menschen hpts. von den Genen gesteuert wird

und die Hauptgefahr von diversen Krankheitserregern( Bakterien,Viren,Einzellern,Schimmelpilzen etc.) ausgeht

und nicht von angeblich ungesunder Ernährung,

wie von grünreligiösen Ernährungs-Gurus immer wieder behauptet wird.

Ötzi hat sich sicher bio-ökologisch OPTIMAL ohne Umweltgifte ernährt oder doch?

Ich habe auch Blutgruppe 0 und vertrage seit dem 40. Lebensjahr keine Lactose mehr,da die Lactase-Aktivität bei vielen Menschen im Alter massiv abnimmt.

Antworten Gast: F. Katzenbeisser
29.02.2012 14:36
1

Re: Das beweist auch wieder,

Das beweist gar nichts von dem, was Sie da sagen.
Echte Krankheiten sind gefährlicher als bloße Risikofaktoren - na geh.
Ötzi hat sich gesund ernährt ? Wie das ? Schimmelpilze, Mutterkorn, Bakterien und Viren überall, nix sterilisiert, weil keine Ahnung wozu das gut wäre, Trichinenfleisch, Hungerperioden - da brauchts wirklich keine Umweltgifte mehr.
Und wenn Ihre Laktase-Aktivität nachlässt, heißt das nur, dass sie vorher eine hatten (anders als Ötzi).

Re: Re: Das beweist auch wieder,

Reine Natur war doch Bio-Öko oder doch?

Das lieben ja die Grünen.

Keine Spritzmittel,keine Gentechnik,kein Erdöl,keine Kohle usw.

Und diese Bandwürmer,Bakterien usw. sind doch eigentlich auch schützenswerte Lebewesen oder doch nicht?

Gast: lavater
28.02.2012 21:48
3

Gratulation! - Die letzten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Ötzi kurz und prägnant zusammengefasst

Das heißt natürlich nicht, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse von heute auch morgen absolut gültig sind. Und vieles ist natürlich nur ein Raten, wie es gewesen sein könnte und könnte sich durch neuere wissenschaftliche Daten noch ändern.

Aufgrund der DNA-Daten von Ötzi würde mich nur eines interessieren: Wo ist unsere heutige DNA qualitativ höherwertiger? Denn daraus könnte man dann einen wesentlichen Fortschritt in der Evolution des Menschen ableiten.

Aber bitte nicht mit der Antwort kommen: Mann, die Evo braucht ja Millionen Jahre und du willst in den 5000 Jahren seit dem Ötzi schon eine Veränderung? Das ist nämlich eine dumme Antwort, denn die Million Jahre ist schon vergangen, denn vor dem Ötzi gab es auch schon 995.000 Jahre und noch mehr.

Falls man aber über haupt nicht den geringsten qualitativen Fortschritt in der DNA in Form einer qualitativen Höherentwicklung nachweisen kann, (falls der qualitative Fortschritt = 0 in Worten: Null), dann muss ich sagen, die wissenschaftliche Erkenntnis aus dem Ötzi geht dann in die Richtung, dass Evolution - zum mindesten beim Menschen - nicht nachweisbar ist.


Re: Gratulation! - Die letzten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Ötzi kurz und prägnant zusammengefasst

Ein gutes Beispiel steht eh im Text: Wir können (meistens) Milch verdauen, Ötzi konnte es nicht, und diese Fähigkeit ist ohne Zweifel äußerst praktisch und ein großer Selektionsvorteil.
Ein weiterer Vorteil ist sehr wahrscheinlich, ich weiß nur nicht, ob das schon überprüft wurde: Massenseuchen wie Pest, Cholera, Typhus etc. haben sich möglicherweise erst in (relativ) modernen Massengesellschaften mit Städten entwickelt. Es wäre daher zu erwarten, daß wir teilweise Resistenzen gegen diese Krankheiten haben, wodurch sie für uns zwar schwer, aber nicht unbedingt tödlich sind. Am Schicksal vieler Naturvölker kann man aber ablesen, daß sie für Menschen, die nicht seit Generationen in Kontakt mit diesen Krankheiten waren, ein absolutes Todesurteil sind - und für Ötzi wären sie es wahrscheinlich auch gewesen, wenn es sie damals schon gegeben hätte.

Re: Gratulation! - Die letzten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Ötzi kurz und prägnant zusammengefasst

danke,
aber nun lassen Sie es doch einmal gut sein mit Ihrer Schöpfung,
natürlich ist die Evolution auch bei uns weiter gegangen,

spannend ist nur die Frage,
ab wann die Kultur - vor allem mit der Medizin - sich bezw. uns teilweise ausgeklinkt hat

nicht überall, das sind Sie mir noch eine Antwort schuldig: Wie kam HIV in die Welt?

Re: Re: Gratulation! - Die letzten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Ötzi kurz und prägnant zusammengefasst

Ich weiß es! Ich weiß es! *aufzeig*

Ich bin ja oft zu Gast bei chefkoch.de und da gabs einmal ein Forum, wie AIDS entstand. Es gibt Leute, die löffeln Affenhirne aus... echt, kein Schmäh. Und das war eben bei Chefkoch, weil dort werden viele Rezepte getauscht.

Korsen machen sowas, soviel ich weiß, allerdings nicht.

 
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