Um 480 v. Chr. brachte der Karthager Hanno aus Afrika drei Felle von „Gorillai“ mit, dem „Stamm haariger Frauen“. Für ihn war klar, dass die Trophäen von Menschen stammten, das ist für andere noch heute so, wenn es um Menschenaffen geht: Die braunen Riesen auf Borneo und Sumatra heißen bei den Indigenen Orang Utans, „Waldmenschen“. Carl von Linné, der große Systematisierer, übernahm das, für ihn war der Orang Utan Homo sylvestris. Erst nach Linnés Tod verbannte sein Schüler Christian Hoppius die anderen aus der Menschheit. Damit hatte diese eine Sonderrolle, auch dafür war früh plädiert worden, von Religionen, auch von Aristoteles.
Nun gut, das ist Semantik, aber wie eng sind wir wirklich miteinander verwandt, wir, die Hominidae, von denen außer uns noch drei existieren, Orang-Utans, Schimpansen (und Bonobos) und Gorillas? Von Letzteren liegt nun das gesamte Genom vor – die der anderen hat man schon –, es zeigt zunächst das Erwartete: Wenn man sich Gene als Wörter vorstellt und den gesamten Wortschatz der Arten übereinanderlegt, dann weichen die Buchstaben zwischen Menschen und Schimpansen in 1,37 Prozent voneinander ab – zu 98,63 Prozent sind wir identisch. Von den Gorillas trennen uns 1,75 Prozent, von den Orang-Utans 3,40 (Nature, 483, S.169).
Das ist nicht verwunderlich, Menschen und Schimpansen haben sich viel später getrennt – vor 3,7 Millionen Jahren – als ihr gemeinsamer Ahn es von dem der Gorillas tat (5,95). Das lesen bzw. rechnen die Gorilla-Sequenzierer um Richard Durban (Hixton) aus dem Genom bzw. den Mutationsraten. Es kann nur nicht stimmen, es widerspricht zu grob allen archäologischen Befunden: Die deuten auf eine Trennung von Mensch und Schimpanse vor fünf bis sechs Millionen Jahren. Die Forscher vermuten deshalb, dass sich die Mutationsraten mit dem Größerwerden der Hominidae geändert haben, sie rechnen noch einmal und kommen auf sechs bzw. zehn Millionen Jahre.
Seitdem gehen die Arten eigene Wege, aber viel hat sich parallel entwickelt, etwa das Gehör. Bisher vermutete man, es sei nur bei uns feiner geworden und das hänge mit der Sprache zusammen. Aber auch den Gorillas hat die Evolution die Ohren gespitzt. Ansonsten halten sich die Überraschungen in Grenzen, nur in einem Punkt wiegt der Laie den Kopf: Bei je 15 Prozent der Gene sind die Gorillas enger mit den Menschen oder den Schimpansen verwandt als Menschen und Schimpansen untereinander.
Hatten unsere Ahnen Sex mit ihren?
„Das sieht nur so paradox aus, weil man sich einen Stammbaum gern als einen des gesamten Genoms vorstellt“, erklärt Paläogenetiker Johannes Krause (Uni Tübingen) der „Presse“: „Aber ein Genom ist ein Mosaik aus vielen Puzzleteilchen, die in vielfacher Weise vererbt werden. Deshalb sind auch wir beide, Sie und ich, in manchen Genen enger mit Schimpansen verwandt als miteinander.“ Das ist auch zwischen uns und dem Gorilla so, es sind mehrere Wege denkbar. Nur bei einem winkt Krause ab: (folgenreicher) Sex zwischen Schimpansen und Gorillas und Menschen und Gorillas. Unvorstellbar ist das nicht, aber dagegen spricht, dass die engeren Gorilla-Anteile in Mensch und Schimpanse gleich hoch sind, eben 15 Prozent: Beide müssten sich zur gleichen Zeit und in großer Zahl mit Gorillas gepaart haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2012)
