Meisterdenker – eine Erregung

Wer ist der größte zeitgenössische Philosoph? Wer das fragt, riskiert, dass ihm als Antwort die Pop-Philosophen Sloterdijk, Žižek und Precht entgegengeschleudert werden. Entgegnungen darauf.

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Meisterdenker ndash eine Erregung
Sloterdijk – (c) EPA (Martin Schutt)

Kürzlich traf ich einen schöngeistigen Bekannten, der zwar vom Leben keine Ahnung hat (wuchs rundum weich gepolstert auf und ist weich gepolstert weitergereicht worden), dafür glaubt er aber, etwas von Philosophie zu verstehen. Also sagt er zu mir, dem bescheiden beamteten Universitätsphilosophen, der sich bei dem Gedanken an seine 200 unerledigten Klausuren zum Thema „Was ist Glück?“ innerlich krümmt: „Sloterdijk, das ist halt ein Philosoph!“ Und dabei rinnt ihm regelrecht das Wasser im Mund zusammen, weswegen jetzt, da er beim Aussprechen des Namens „Sloterdijk“ feinsinnig die Lippen spitzt, einige überfließende Speicheltröpfchen seinen feinbetuchten Gourmetbauch benetzen.


Der schöngeistige Bekannte.
Der Bauch indes möchte ohnehin nicht weiter philosophieren, da sich in ihm ein nagendes Hungergefühl auszubreiten beginnt. Bloß keine Hungerleiderphilosophie! „Man muss dem Magen geben, was des Magens ist“, sagt mein schöngeistiger Bekannter zu mir (dem beamteten Wurm, der sich innerlich krümmt), wobei ihm einfällt, dass er auch diesen Satz bei Sloterdijk gelesen hat, der ihn seinerseits von Bhagwan einst erlauschte, und zwar im Originalton, der bis auf den heutigen Tag falsch wiedergegeben wird. „Verkauft sich außerdem nicht schlecht, die wirklich gute Philosophie“, lässt mich mein weich gepolstert schöngeistiger Bekannter zungenschnalzend noch wissen, bevor er einem lebenskunstphilosophischen Gourmethappen – Slow Food! – entgegeneilt.

Woran liegt es, dass sich Sloterdijk so gut verkauft? Das frage ich mich neidlos, aber nicht ohne angewidertes Kopfschütteln auf meinem Weg zu meinen 200 unerledigten Klausuren, die meinen Beamtenschreibtisch niederdrücken.

Ich habe mir für meinen „Kollegen“ Sloterdijk ein Abkanzelungswort ausgedacht, das ich ihm entgegenzuschleudern gedenke, sobald ich ihm leibhaftig begegne, was hoffentlich nie der Fall sein wird: Begriffsbombastiker!


Der Begriffsbombastiker. Jawohl, das ist er. Einer, der sich über Tausende von Seiten mit Begriffen aufdonnert, hinter denen nichts steckt als immerfort er selbst, Mister Bombastik, ein übergewichtiger Mensch mit einem pompösen Kopf, aus dem zwei listige Äuglein kynisch hervorlugen, während ihm die Haare strähnig herunterhängen: ein cool verschmuddeltes Restzitat der Neunzehnachtundsechziger. Und bitte, ehrlich, hat er uns sonst noch etwas zu sagen? Hat er ein Menschenbild, einen Weltentwurf? Nein und abermals nein, einmal abgesehen vom genetischen Selbstumbau des Homo sapiens, dem fiskalischen Bürgerkrieg gegen das deutsche Finanzamt und der Rückkehr in die Mutterblase, sowohl metaphorologisch als auch bhagwanianisch, das heißt, mit dem Rolls-Royce. Na, danke vielmals!

Schon glaube ich, zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass der Erfolg meines begriffsbombastischen „Kollegen“ ein Irrtum seiner Leser sein muss, die offenbar alle unter jener Bildungskrankheit leiden, die Musil als „höhere Dummheit“ bezeichnete: Da läuft mir eine meiner legasthenischen Dissertantinnen über den Weg – meinen Kreuzweg hin zu meinen 200 unerledigten Klausuren – bloß, um mich mit einer begeisterten Suada über Slavoj Žižek zu nerven.


Die legasthenische Dissertantin. Gerade habe sie dessen jüngsten Vergleich zwischen Attac, Stalin und Entenhausen gelesen. Genial! In der subversiven Lesart des Lacan'schen Tiefenvokabulars ist Entenhausen das turbokapitalistische Paradies als triebökonomisch umgepoltes Prollutopia, in dem Stalin als Onkel Dagobert seine drei Neffen Attick, Attrick, Attrack auf seinem Rücken reiten lässt, was eine semiotische Reminiszenz an Nietzsches Rücken des Tigers ist, auf dem die ganze Menschheit über dem Abgrund – Signifikant des großen anderen – reitet, wo hinunterzuschauen augenblicks zur Folge hätte, dass wir alle dem Wahnsinn verfielen . . . So müsse man philosophieren, wenn man auf höchstem Niveau philosophieren wolle!

Und dies aus dem Mund meiner legasthenischen Dissertantin, die darauf beharrt, der Philosoph Leibniz sei zu schreiben wie der gleichlautende Ort, nämlich mit „tz“, also „Leibnitz“, wobei sie sich ebenfalls auf Slavoj Žižek beruft. Meiner Vorhaltung, dass Slavoj Žižek höchstwahrscheinlich von Leibnitz gar nichts wisse, jenem südsteirischen Juwel, wo noch, wegen des jahrhundertelang genossenen Methylalkohols, vereinzelt der Most- und Fetzenschädel umgeht, der einst den durchreisenden Philosophen David Hume zu der Spekulation veranlasste, völkerwandernde Horden hätten in dieser Gegend ihre Kretins ausgesetzt – dieser meiner Vorhaltung wird schnippisch entgegengehalten, ich hätte besser getan, mir Slavoj Žižeks klassischen Vortrag über die „Brisanz des christlichen Erbes“ anzueignen.

Dort nämlich stellt der Meister der Dekonstruktion die heute entscheidende Frage zu Leibniz („Leibnitz“): „Heißt das, dass unser Versinken im Cyberspace nicht Hand in Hand mit unserer Reduktion auf eine Leibniz'sche Monade geht, die, obgleich ,ohne Fenster‘, die direkt auf die äußere Realität gehen würden, in sich selbst das ganze Universum spiegelt?“ Auf meinen zugegebenermaßen kleinlichen Einwurf, dass in der Žižek'schen Frage die „Leibniz'sche Monade“ gar nicht mit „tz“ geschrieben werde, reagiert meine legasthenische Dissertantin, indem sie mir meine Kleinlichkeit vor Augen führt: Slavoj Žižek habe es nie und nimmer nötig, Leibnitz mit „tz“ „auszubuchstabieren“, denn seine Leserinnenschaft, die zahlreich und weltweit genug sei, wisse bis aufs i-Tüpfelchen, wie ein Žižek'scher Satz „sublinear“ zu lesen sei.

Und schon ist sie wieder davongestöckelt, um sich mit ein paar Freundinnen zu treffen, die an einer Hommage an Žižek arbeiten, und zwar unter dem Arbeitstitel „Monalisadologie der Mickey Mouse – eine cyberkapitalistische Leibnitziade“. „Krass subversiv, oder?“ Finde ich nicht, aber das sage ich nicht, denn meine Meinung zu Slavoj Žižek ist regelrecht unaussprechlich: Wer, bitte schön, kauft den zum Himmel stinkenden Gedankenmist dieses Begriffsdeliranden des postmodernen Radical Chic? Wer?!

Ach ja, es gibt diese ganze Mischpoche einer beim langen Marsch durch die dekonstruktivistischen Seminare unserer sinnlos gewordenen Geistes- und Kulturwissenschaften total verblödeten Intelligenz, die sich gern selbst Sachen sagen hört, die ihr krass subversiv vorkommen – zum Beispiel, dass Stalin (nach Lacan, Deleuze, Irigaray etc. pp.) ein multischizoider Teddybär war –, während das total verkommene Herrenreiterfeuilleton dem Edelschmierantentum applaudierend die Steigbügel hält.

Freilich, niemals würde ich vor meinen Studenten ein schlechtes Wort über Slavoj Žižek verlieren. Ich möchte ja nicht in den Ruch kommen, den rasenden Ideenplayboy wegen seines sexy Denker-Charismas schlechtzureden. So also setze ich mich, ein graubärtig vor sich hinschuppender Philosophiebeamter, vor meine 200 unerledigten Klausuren, um den elenden Wust an angelernter Gedankenlosigkeit samt vereinzelt vorgespiegelter Originalität durchzuarbeiten.


Die strohdumme Person. Unvorsichtigerweise habe ich dieses Mal eine Bonusfrage gestellt: „Wen halten Sie für den größten Philosophen unserer Zeit?“ Was soll ich sagen, der größte lebende Philosoph unserer Zeit ist nach den hymnischen Worten jener meiner Studenten (ein Drittel Männer, zwei Drittel Frauen), die weder an Sloterdijk noch an Žižek glauben, kein anderer als Precht. Richard David Precht!!! Warum? Die Antwort, die mir am meisten einleuchtet, kommt von einer strohdummen Person, die den freien Markt für die Verwirklichung der Leibni(t)z'schen prästabilierten Harmonie hält: „Precht hat von seinem Buch ,Wer bin ich und wenn ja, wie viele?‘ bereits hunderttausende Exemplare verkauft! Selbst den großen Mystiker Harpe Kerkeling, dessen Offenbarungswanderbuch ,Ich bin dann mal weg‘ sich über drei Millionen Mal verkaufte und über hundert Wochen lang den ersten Platz der deutschen Sachbuch-Bestsellerliste belegte, hat der super toll schreibende Richard David Precht vom Sockel der monumentalen Geistesmenschlichkeit gestoßen . . .“

Was soll ich machen? Ich gebe dieser strohdummen Person ein „Sehr gut“ auf die Beantwortung der Bonusfrage, nicht, ohne mich neidlos darüber zu freuen, dass ich weiß, wie es wirklich um den Geistesschönling Precht steht, der es einer weiblichen Inkarnation der höheren TV-Dummheit, nämlich Elke Heidenreich, verdankt, als Smartschwätzer die deutsche Nation aus ihrer platonischen Höhle fader Alltäglichkeit heraus und hinauf ans hell strahlende Licht des existenziellen Banalitätenhimmels zu führen. Naturgemäß geraten televisionäre Femmes de lettres an den Rand des intellektuellen Orgasmus und darüber hinaus, wenn sie Precht'sche Sätze genießen, wie zum Beispiel: „Füllen Sie Ihre Tage mit Leben und nicht Ihr Leben mit Tagen.“

Dass so ein Satz, so ein saublöder Satz, sich als philosophisch gebärden darf, ist sicherlich nicht die Schuld von unsereinem, uns – wie es beim Heidenreich-Liebling frecherdings heißt – „langweiligen älteren Herren in braunen oder blauen Busfahreranzügen“, die ihre „innere geistige Freiheit nicht auf ihr Leben anwenden“. So redet einer über uns, der selbst keine Ahnung hat! Keine Ahnung von männlichen Spermien, ich zitiere pars pro toto aus der „Süddeutschen Zeitung“: „Irgendwann ist man so weit, dass man fast Dankbarkeit empfindet, wenn Precht bloß die Anzahl der in einem Mannesleben produzierten Spermien um einen fünfstelligen Faktor zu gering beziffert und ansonsten keinen Schaden anrichtet.“

Jawohl, so ist es. Schaden hat er ohnehin schon genug angerichtet, indem er uns, die in beamteter Bescheidenheit ergrauten Philosophen, Busfahreranzüge trägen lässt – blau und braun, ja, was denn sonst, sollen wir herumlaufen wie Precht'sche Gigerln, mit einem bunten Hemdkrageninnenmuster? –, um uns dann zu attestieren, wir würden beim Korrigieren unserer Klausurenberge nicht unsere innere Freiheit anwenden.


Die Rache des Busfahrers. Mir reicht's. Ich nehme mir die Arbeit jener strohdummen Person noch einmal vor. Mag der Meisterphilosoph der höheren Dummheit seine Freiheit realisieren, indem er mit Ideen, die er nicht hat, glänzt, so realisieren wir, die Busfahrerphilosophen, unsere eigene, indem wir den Rotstift, den wir haben, zücken und dekretieren: „Nicht genügend!“

Zu den Personen

Peter Sloterdijk
Der deutsche Philosoph, TV-Moderator und Essayist machte erstmals 1983 auf sich aufmerksam – mit seiner zweibändigen „Kritik der zynischen Vernunft“. In der Folge veröffentlichte er zahlreiche kultur- und sprachstilbildende Texte, von denen besonders die „Regeln für den Menschenpark“ öffentliche Debatten auslösten. Zu seinen akademischen Stationen zählte auch Wien, wo er u. a. das Institut für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste leitete.

Slavoj Žižek
Der slowenische Philosoph, Sozialkritiker und Kulturtheoretiker gilt als bedeutender Vertreter des Poststrukturalismus, bezeichnet sich selbst aber gern als „altmodischen“ oder „qualifizierten“ Marxisten oder schlicht als „radikalen Linken“. Žižek hat sich durch mehr als drei Dutzend Bücher einen Namen gemacht – unter anderem mit philosophischen Kommentaren zu popkulturellen Phänomenen wie Filmen –, die großteils auch auf Deutsch erschienen sind. Durch seine Lust zur Provokation gilt er als Enfant terrible der Philosophenszene.

Richard David Precht
Der deutsche Autor, Wissenschaftsjournalist und studierte Philosoph, geboren 1964, hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher verfasst – das erfolgreichste, „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ beherrschte nach seinem Erscheinen 2007 aufgrund einer Empfehlung der Kritikerin Elke Heidenreich viele Wochen lang die Bestsellerlisten. Als Essayist schreibt Precht für deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Von 2002 bis 2004 war er Kolumnist der Zeitschrift „Literaturen“, von 2005 bis 2008 Moderator der WDR-„Tageszeichen“.

Der Autor

Peter Strasser,geboren 1950 in Graz, ist Professor für Philosophie und Rechtsphilosophie an der Universität Graz. 2011 veröffentlichte er: „Was ist Glück? Über das Gefühl, lebendig zu sein“ und „Unschuld. Das verfolgte Ideal“ (Fink Verlag). Autor der Mittwochs-„Presse“-Kolumne „Die vorletzten Dinge“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)

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