Maos Experiment: Not bringt mehr Mädchen zur Welt

28.03.2012 | 01:05 |  Von Jürgen Langenbach (DiePresse.com)

Beim „Großen Sprung nach vorn", im Herbst 1958, hungerte China drei Jahre lang. 30 Millionen Menschen starben, und das Geschlechtsverhältnis der Neugeborenen verschob sich.

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Wenn die Umwelt sich wandelt, müssen Lebewesen sich nicht nur physiologisch anpassen, sondern auch in der „life history", der Gestaltung ihres Lebens. Frauen müssen dann etwa (ganz unbewusst) entscheiden, ob und wann sie Kinder gebären, wie sie sie ausstatten - und welches Geschlecht sie haben. Man weiß von Tierversuchen, dass das Verhältnis der Geschlechter der Jungen sich ändert, wenn während der Tragezeit Mangel herrscht. Dann kommt mehr weiblicher Nachwuchs zur Welt, man erklärt es mit der „adaptive sex ratio adjustment hypothesis", und die hat zwei konkurrierende Versionen. Die eine geht davon aus, dass in guten Zeiten - und nur dann - männlicher Nachwuchs selbst mehr Nachwuchs haben wird und deshalb bevorzugt wird, dass die Enkelgeneration größer wird; die andere setzt darauf, dass weibliche Junge mit weniger Ressourcen auskommen und besser gewappnet sind für schlechte Zeiten.

Hunger durch Hochöfen auf den Dörfern

Man vermutet das Gleiche bei Menschen, kann mit ihnen aber natürlich nicht experimentieren, sondern nur die „Experimente" auswerten, die sie einander selbst antun, etwa im „Holländischen Hungerwinter" 1944/45 oder in der Belagerung Leningrads 1942. In beiden Fällen schnitt die großdeutsche Wehrmacht die Bevölkerung von der Versorgung ab, für sechs bzw. sieben Monate. Aber beide zeigen bezüglich des Geschlechterverhältnisses der Neugeborenen kein klares Bild. Das mag daran liegen, dass die Not relativ kurz und regional beschränkt war. Ein Experiment ganz anderen Maßstabs setzte Mao Zedong in Gang, als er im November 1957 sein Volk zum „Großen Sprung nach vorn" aufrief, in dem die kleinbäuerliche Gesellschaft mit einem Schlag in eine industrialisierte transformiert werden sollte: In den kleinsten Dörfern mussten Mini-Hochöfen gebaut werden, und die Ernten sollten auch explodieren.

Es wurde ein Desaster, im Herbst 1958 kam der Hunger, er dauerte drei Jahre und forderte 30 Millionen Leben. Und er zeigte den Effekt - das Geschlechterverhältnis der Neugeborenen verschob sich zu Gunsten der Mädchen -, aber erst nach über einem halben Jahr, so lange hielten die Reserven der hungernden Schwangeren. Und als die Not zu Ende war, brauchten die Überlebenden ein Jahr zur Erholung, dann war das alte Geschlechterverhältnis wieder da (Proc. Roy. Soc. B, 27. 3.). Wie die Mütter das steuern, konnte Shige Song (Queens College), der die Daten ausgewertet hat, nicht klären, es kann sein, dass sie aktiv Mädchen bevorzugen, es ist aber auch möglich, dass männliche Föten mehr Ressourcen brauchen und in Notzeiten abgehen.

Song konnte auch nicht der Frage nachgehen, ob werdende Mütter in der Not eher in den Nachwuchs investieren oder in das eigene Überleben. Bisher geht man von Letzterem aus, aber zumindest beim Zaunkönig ist es anders, das hat eine Gruppe um Keith Bowers (Illinois State University) experimentell gezeigt: Sie hat Weibchen vor der letzten Eiablage im Jahr in Stress versetzt, mit Lipopolysacchariden, die sitzen für gewöhnlich in Membranen von Bakterien und fordern das Immunsystem stark heraus. Trotzdem reagierten diese Mütter nicht mit Selbstschutz - mehr Ressourcen in das eigene Immunsystem -, sondern sie stärkten den Nachwuchs, geschlechtsspezifisch, die Söhne wurden größer, die Töchter erhielten ein stärkeres Immunsystem. Offenbar wussten die Tiere, dass diese Eiablage (zumindest für dieses Jahr) ihre letzte Reproduktionschance war und setzten alles darauf, ganz wie es die „terminal investment hypothesis" vermutet (Proc. Roy. Soc. B, 27. 3.).

Bedrohtes Leben, frühes Gebären

Ob das bei Menschen auch so ist, weiß man nicht, aber auch sie wollen ihre Chancen nützen: Schon wenn sie heranreifen, modifizieren sie, je nach Umwelt, ihre „life history", etwa den Zeitpunkt des ersten Gebärens: Ihn verlegen Frauen nach vorne, wenn Gefahr für ihr Leben droht. Das hat sich schon im Kleinen gezeigt, etwa in einem Stadtviertel Chicagos mit extrem hoher Gewaltkriminalität. Dort sind Frauen bei ihrer ersten Geburt jünger als in friedlichen Vierteln. Aber der Effekt ist umstritten, David Waynforth (Norwich) hat ihn deshalb an der „1970 British birth cohort study" geprüft. In ihr wurden 17.198 Menschen, die zwischen 5. und 11. April 1970 geboren wurden, alle fünf Jahre auf ihr Befinden untersucht und befragt. Bekannt waren also auch die chronischen Krankheiten. Die nahm Waynforth als Lebensbedrohungen, und er wählte unter ihnen die aus, die das Leben verkürzen, aber die Zeugungschancen nicht beeinträchtigen, Krebs etwa, Diabetes und Epilepsie (nicht in die Analyse aufgenommen wurden etwa Frauen mit Downsyndrom).

Auch dieser Effekt zeigte sich: „Eine erwartbar kürzere Lebensspanne aus Gründen, die außerhalb der Kontrolle des Individuums liegen, führt zu früherer erster Reproduktion", schließt Waynforth (Proc. Roy. Soc. B. 27. 3.). Er vermutet allerdings, dass die Fortschritte der Medizin seit den Siebzigerjahren die Lebenserwartung so erhöht haben, dass der Effekt kleiner geworden ist.

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10 Kommentare

3. Theorie

Ich füge mal eine dritte Theorie hinzu:

In Notzeiten sterben mehr Kinder und Erwachsene => ich muss mehr Kinder in derselben Zeit produzieren => ich benötige mehr Weibchen (ein Männchen kann ja bekanntlich mehrere Weibchen begatten) um so die Überlebenschancen der Rasse zu steigern. Kombiniert mit den Effekt, dass Weibchen weniger Nahrungsressourcen verbrauchen, eine durchaus sinnvolle Strategie.

diese irren kommunisten

haben mehr leute auf dem gewissen, als saemtliche nazis

Gast: bub oder mädel
02.04.2012 11:07
0 0

entscheidet... das mehr weiblicher nachwuchs zur welt kommt


wenn überwiegend negatives (emotions-gefühls- und nahrungsmangel) im vordergrund wirkt, steht.

Frage

Könnte es denn nicht auch einfach sein, dass weniger männliche Spermien produziert werden (die sind doch sowieso instabiler, sterben daher vielleicht eher ab, weshalb ein Überschuss an weiblichen Sperminien vorhanden ist)?

Ist ja nicht so als wären wir in der Lage zu bestimmen, ob es nun ein Mädchen oder ein Bub wird... von daher kann ich den Gedankengang nicht recht nachvollziehen (bezugnehmend auf "Wie die Mütter das steuern, konnte Shige Song (Queens College), der die Daten ausgewertet hat, nicht klären, es kann sein, dass sie aktiv Mädchen bevorzugen, es ist aber auch möglich, dass männliche Föten mehr Ressourcen brauchen und in Notzeiten abgehen.")

Oder habe ich das missverstanden und am Ende überleben einfach nur mehr Mädchen, geboren wird aber das gängige Geschlechterverhältnis?

Bitte um Erklärung! =)

Re: Frage

nein, es geht schon um die Geburten, nicht um Effekte nachher

also muss vorher etwas passsieren, entweder gehen mänliche Föten eher ab

oder sie können sich weniger gut einnisten

oder es ist noch früher:
Natürlich bestimmen die Väter das Geschlecht,
aber es sind in der letzten Zeit schon so viele Genetiker-Sicherheiten zusammengebrochen (junk-DNA, Epigenetik), dass es mich nicht wundern würde, wenn Eizellen irgendwie y-Spermien ablehnen könnten, und dass das mit der Ernährung der Schwangeren zu tun hat

Ich empfehle Ihnen noch eine Lektüre, ich kann Sie nicht hinlinken, aber wenn Sie das in Google geben:

Mathews, F., Johnson, P.J., Neil, A. (2008). You are what your mother eats: evidence for maternal preconception diet influencing foetal sex in humans. P R Soc B, 275(1643), 1661-1668.

Re: Re: Frage

Vielen lieben Dank, Herr Langenbach!

Re: Re: Re: Frage

gerne, ich hoffe, es hilft weiter,
und solche Gespräche/Gemaile sind mir lieb, ich möchte ja auch gerne verstehen, was da vor sich geht

aus den anderen, den Postings, ziehe ich mich zurück, sie sind mir zu steril (Lavater) oder zu ärgerlich,
wenn etwa diese Figur da unter meinem Beitrag an dem Grauen damals in China und an dem, was die Biologie doch daraus lernen kann, gerade noch interessiert, ob "im" oder "ab" gehungert wurde,
dann widert mich das an

Ich bitte also Sie - und alle anderen - mich anzumailen, wenn ich wieder etwas Kryptisches geschrieben habe:
juergen.langenbach@diepresse.at

haben Sie gute Grüße
und einen guten Abend
jl

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Re: Re: Re: Re: Frage

Kann ich nur kurz fragen, was es mit der Sicherheit der junk-DNA auf sich hat?

Re: Re: Re: Re: Re: Frage

können Sie,
aber bitte lesen Sie, was ich Hesperidae geschrieben habe

Gast: Guest121
28.03.2012 13:00
1 0

Interessant

'Im Herbst 1958 hungerte China drei Jahre lang.'
Wie kann man in einem herbst gleich drei Jahre lang hungern, Vielleicht Ab Herbst 1958, aber sicher nicht 'im Herbst', denn das wären nur drei Monate.

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